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Lesedauer: 4 Minuten

„Fürchte dich nicht!“

Ein Versieglungsprotokoll?! Typisch. Da stirbt einer allein in seiner heruntergekommenen Wohnung und unsere Verwaltung meldet sich mit bürokratischen Ansprüchen. „Versiegelungsprotokoll“. Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Klebetikette zwischen Tür und Türrahmen, wie im Tatort. Ich behalte beides für mich. Meiner Frau, die vor vier Tagen ihren Vater verloren hat, kann ich das nicht sagen.

Nicht sauber

Seit vier Jahren hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihm. Handynummer gewechselt, keine Reaktion auf Karten, auf Facebook gesperrt. Und dann kommt die Polizei. Zu zweit. Und man denkt: Ah, Suizid. Ah, Suizid mit einer der Schusswaffen. Aber die Realität ist dann leiser und unspektakulärer. Kein Suizid. Raubbau am eigenen Körper, nachdem die eigene Seele sich in die immer unwohnlicheren eigenen  vier Wände zurückgezogen hat.

Ein Polizist begleitet uns in die Wohnung. Er bereitet uns behutsam auf das vor, was wir nun zu sehen bekommen: Die Wohnung ist, wie er sagt, „nicht sauber“. Im Eingang türmen sich Kartons längst bestellter Waren, überall liegen Kleider, Essensreste, leere Whiskyflaschen, Rotwein-Tetrapacks und auf dem Spannteppich im Wohnzimmer ein zerschnittenes T-Shirt und Boxershorts.

„Ja“, bestätigt der Polizist, „hier ist er gestorben, das waren seine letzten Kleider.“

Verpflichtet

Beschämung, hier eine Intimsphäre zu betreten, die mein Schwiegervater keinem öffnen wollte und Ekel mischen sich, als ich anfange die Speisereste zu entsorgen und zwischen Flaschen, Kartons, Fotos, Tellern nach den Dokumenten zu suchen, die wir im Nachbarsort in einer Stunde beim Bestatter abgeben müssen. Familienbüchlein? Fehlanzeige. Aber es geht dann auch ohne und dafür bin ich beinahe schon dankbar. Das „Trauergespräch“  beim Bestatter tröstet nicht, sondern regelt, was zu regeln ist. Meine Frau unterschreibt den Vertrag, der uns zur Zahlung einer Summe, die einem zweiwöchigen Familienurlaub entspricht, verpflichtet.

Und dann meldet sich die Gemeindeverwaltung. Man müsse ein Versiegelungsprotokoll in Anwesenheit der einzigen Nachkommin erstellen. „Toll. Aber sie kann nicht alleine komme. Und ich arbeite 100%. Ich kann nur am Samstag.“ „Gut, dann Samstag. Passt Ihnen 9 Uhr?“

Überfordert

Auf der Hinfahrt erkläre ich meiner Frau, die das jetzt gar nicht wissen will, sämtliche juristischen Optionen, die ich recherchiert habe. Dozieren gibt mir Sicherheit, besonders jetzt, wo ich mich vor der Wohnung und der damit verbundenen Bürokratie ekle und fürchte. Wir sind etwas früher da. Dieses Mal haben wir Gummihandschuhe mitgebracht. Aber noch ist an Aufräumen nicht zu denken.

„Soll sie doch sehen, was es da zu versiegeln gilt!“, denke ich mir hilflos trotzig.

9 Uhr, sie klopft. Menschlich berührt kondoliert sie uns beiden. Ich komme mir falsch vor. Ich habe ihn ja gar nicht gekannt. Sie schon. In so einem Dorf kennen alle jeden. Sie räumt auf einer Truhe Platz frei, um ihre Dokumente auszubreiten und kniet sich davor auf den Boden. Meine Güte! Ich hatte jeden Kontakt mit dem Boden tunlichst vermieden. Sie ist gut informiert, hat schon mit einem Notar gesprochen. Sie nimmt das Protokoll auf. Ohne hochgezogene Augenbrauen. Ohne Urteil. Aber nicht kühl, nicht distanziert.

In Ordnung

Wir unterschreiben das Protokoll. Es ist jetzt erst viertel vor Zehn. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Ich habe Entsorgungsetiketten mitgebracht.“ Sie schnappt sich unter höflich-floskelhafter Widerrede meinerseits ein paar Handschuhe und beginnt Glas, Alu, PET zu trennen. Zeigt uns wo wir die mittlerweile fürchterlich stinkenden Müllsäcke mit den Speiseresten loswerden, hilft sogar, diese Säcke runterzutragen. Sie hat gesehen, dass wir mit einem kleinen Mobility-Auto angekommen sind. „Damit fahren Sie mehrmals. Wir nehmen meins.“ Wir laden Ihr Auto voll mit Glas, PET, Alu, fahren zu zweit zur Entsorgungsstelle, wo wir alles einwerfen: Vier 110l-Säcke Glas, zwei 110l-Säcke Alu und reichlich PET.

Es ist kurz vor Zwölf als sie sich verabschiedet. In diesen drei Stunden hat sie weit mehr geordnet, als das Protokoll vorgibt. Essensreste, PET, Alu, Glas und nebenbei meine Vorurteile gegenüber Verwaltungsbürokratie. Sie hat nicht nur ihren Job gemacht, sondern einen sehr schwierigen Moment begleitet und uns spüren lassen, dass wir miteinander nicht alleine sind. So empfindlich ich angesichts des Verlusts und der Trauer gegenüber bürokratischen Ansprüchen war, so empfänglich war ich aber auch für diesen „Engel“, der mir – ohne zu sprechen – gesagt hat: Fürchte dich nicht. Schämt euch nicht. Wir schaffen das.

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