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Lesedauer: 3 Minuten

Levitation – Ein Maler bekennt Farbe

Ich leide nicht unter Kontrollzwang. Einmal nachsehen, ob der Elektroherd auch wirklich ausgeschaltet ist, reicht, und auch nur vor längeren Reisen. Eine Email aber habe ich kürzlich dreifach gecheckt: „‚Ich möchte mich taufen lassen‘. Wäre noch bitte freizugeben“, hatte ich geschrieben. Die fünf Minuten später eingelangte Antwort lautete: „Ist auch freigegeben. Besten Grüsse NB“.

Davor hatte Norbert Bisky bereits unkompliziert die Freigabe einer Reihe anderer Zitate für die Wiedergabe in einer Berliner Tageszeitung erteilt. Gesagt hat er sie bei einem Gespräch in seinem Atelier im Berliner Stadtteil Friedrichshain, wo die Dichte von Studentenkneipen und besetzen Häusern Autonomer überdurchschnittlich hoch ist:

„Malerei hat mit einem Zustand leichter Verrücktheit zu tun. Nicht im Sinne von ‚crazy‘, aber in der Form, dass die Wahrnehmung um ein paar Zentimeter verschoben ist und Dinge zusammenrücken, die eigentlich nicht zusammengehören.“

„Meine Eltern sind Kommunisten geworden, weil die Grosseltern Nazis waren.“

„Ich bin nicht getauft. Ich stamme von Kommunisten ab, wo es andere Arten von Taufe gab, eine andere Religion. Ich bin glaube ich ein sehr, sehr religiöser Mensch. Ich kenne aber keine Konfession, in die das passen würde. Ich muss mir meine Konfession selbst ausdenken.“

Dass ich den Satz mit dem Taufenlassen triple-gecheckt habe, hängt glaube ich mit einer doppelten Verwunderung zusammen. Erstens, dass einer wie Bisky ihn sagt, der coole Kunstmarktkünstler, dem sowohl vorgehalten wurde, er male flache Bilder als auch er gründle zu tief in faschistischer Ästhetik (Leni-Riefenstahl-Vergleich). Und zweitens, dass der Spross aus einer prominenten Intellektuellenfamilie der DDR sich öffentlich zum Christentum bekennt; der Maler ist der Sohn des 2013 gestorbenen Linke-Politikers Lothar Bisky.

Im Gespräch hat er einige Gründe für seine Konversion angeführt. Da war das Malereistudium in Madrid, die Liebe zu den Meisterwerken im Prado, die zumeist im Umfeld des Religiösen entstanden sind. Dann die Liebe zu Brasilien. Jair Messias Bolsonaro habe daraus allerdings eine No-go-Area für bekennende Homosexuelle wie ihn gemacht. Bisky sind nur zwei kitschige Touristentassen geblieben. Auf einer ist ein gelbschnabeliger Tukan aufgedruckt, auf der anderen Cristo Redentor aus Rio de Janeiro.

Er habe ausserdem ein kleines Atelier in Andalusien. Seine spanischen Freunde würden sagen: „‚Was, Du bist nicht getauft?‘ Für sie bedeutet das in etwa, dass ich nicht wirklich existiere“, sagt er und lächelt kurz in sich hinein.

Und dann gibt es da noch einen tieferen Grund. Die Welt, aus der er kommt, wurde weggespült. Und auch die Gegenwart wird gefährlich unterspült:

„Ich glaube, Kirchen sind wahnsinnig wichtige Orte. Wir leben in einer krassen Zeit, in der viele Konflikte gerade unheimlich an Fahrt aufnehmen. Als Orte, wo Leute zusammenkommen und zu kommunizieren versuchen über das, was passiert, sind Kirchen extrem aktuell und wichtig.“

Im Zentrum des Atelierraums steht ein Modell der evangelischen St.-Matthäus-Kirche, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Berliner Gemäldegalerie befindet. Am 10. November wird dort anlässlich von 30 Jahren Berliner Mauerfall eine Bisky-Ausstellung eröffnet. Gemeinsam mit dem dortigen Pfarrer Hannes Langbein überlegt der Künstler derzeit, welches Werk im Altarraum hängen wird. „Levitation“ mit einer himmelwärts schwebenden Christusfigur wird darunter sein.

Die „Berliner Morgenpost“ hat dann auf meinen Vorschlag „Ich möchte mich taufen lassen“ zur Überschrift des Feuilletonaufmachers gemacht. Ein zutiefst persönliches und zugleich politisches Bekenntnis. Es ist unsere verrückte Zeit, die alte Fronten aufweicht und den Blick freigibt nicht nur auf Werte, die sozialistisch und christlich Sozialisierte teilen, sondern alle, die sich über die Prekarität unseres Planeten nicht hinwegtäuschen.

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