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Lesedauer: 8 Minuten

Eckhart nicht so Tolle

[Die Ausgeglaubt-Diskussion zu Tolles Buch «Jetzt! Die Kraft der Gegenwart» findet sich hier.]

«Eines Nachts, nicht lange nach meinem neunundzwanzigsten Geburtstag, erwachte ich in den frühen Morgenstunden mit einem Gefühl absoluten Grauens. Ich war schon oft mit einem solchen Gefühl aufgewacht, aber diesmal war es intensiver als je zuvor. Die Stille der Nacht, die vagen Umrisse der Möbel im dunklen Zimmer, das entfernte Geräusch eines vorüberfahrenden Zuges – alles fühlte sich so fremd an, so feindselig und so absolut bedeutungslos, dass in mir ein tiefer Abscheu vor der Welt entstand. Und das Abscheulichste von allem war meine eigene Existenz. Welchen Sinn machte es, mit dieser Elendslast weiterzuleben? Warum diesen ständigen Kampf weiterführen? Ich konnte fühlen, dass die tiefe Sehnsucht nach Auslöschung, nach Nicht-Existenz jetzt wesentlich stärker wurde als der instinktive Wille weiterzuleben. ‹Ich kann mit mir selbst nicht weiterleben›. Dieser Gedanke kreiste endlos in meinem Verstand. Plötzlich wurde mir bewusst, was für ein sonderbarer Gedanke das war. ‹Bin ich einer oder zwei? Wenn ich nicht mit mir selbst leben kann, dann muss es zwei von mir geben: das ‹Ich› und das ‹Selbst›, mit dem ‹Ich› nicht mehr leben kann.› ‹Vielleicht›, dachte ich, ‹ist nur eins von beiden wirklich.›»
[Eckhart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart]

Eine unbekannte Berühmtheit

Zugegeben: Ich habe von Eckhart Tolle nie gehört, bis Stephan Jütte vorschlug, in unserer aktuellen Staffel des Podcast «Ausgeglaubt» über Tolles Bestseller «Jetzt! Die Kraft der Gegenwart» zu reden.

Dabei ist Tolle allem Anschein nach eine ziemliche Schuhnummer auf dem Markt der spirituellen Sinnstiftungsangebote.

Seine eigene Verlagsseite weist ihn reichlich unbescheiden als «einen der bekanntesten spirituellen Lehrer unserer Zeit» aus, und tatsächlich hat Tolle mit seinen Publikationen ein Millionenpublikum erreicht, mit dem erwähnten Buch zur Kraft der Gegenwart (auf Englisch lautet der Titel etwas catchier «The Power of Now») die New York Times Bestsellerliste gestürmt und rund um den Globus eine treue Fangemeinde gewonnen. Die amerikanische Medienqueen Oprah hat Tolle in ihrer Talkshow wiederholt interviewt, und sogar der Dalai Lama hat ihn zum Gespräch geladen.

Nun hat meine Unkenntnis Tolles sicher mit einer milieubedingten Engführung meiner Wahrnehmung zu tun, wohl aber auch mit meinem weitgehenden Desinteresse an so ziemlich allem, was sich in durchschnittlichen Buchhandlungen in den Sektionen «Spiritualität», «Lebenshilfe» oder auch «Esoterik» findet.

Der neue Meister Eckhart

Vielleicht ist das aber ja ein Fehler. Denn Tolle ist durchaus einen zweiten Blick wert. Nicht nur, weil der aus Deutschland stammende Kanadier einen erfrischend unaufgeregten, unprätentiösen, um nicht sogar zu sagen: sympathischen Eindruck macht. Gurumäßige Selbstinszenierungen sind ihm fremd, und auch wenn «Tolle» längst ein millionenschwerer Brand geworden ist und Besucher seiner Website einigermaßen aufdringlich zum Besuch seiner Seminare und zur Mitgliedschaft in seiner Stiftung aufgefordert werden, so gewinnt man doch nicht das Gefühl, hier einer esoterischen Sekte auf der Spur zu sein.

Interessant ist Tolle auch, weil er sich in seinen Lehren ganz freimütig aus dem Schatz der christlichen Spiritualität bedient.

Sogar seinen Namen verdankt Tolle dieser Tradition: 1948 als Ulrich Leonard Tölle geboren, legte er sich nach seiner Wandlung zum spirituellen Lehrer selbst den Vornamen des bekannten christlichen Mystikers Meister Eckhart zu.

Auch andere christliche Figuren – allen voran natürlich Jesus selbst – werden in Tolles Spiritualität der Ichfindung verwertet, zusammen mit Einsichten des Zen-Buddhismus und Taoismus, der islamischen Sufis und weiteren weisheitlichen Traditionen. Für Tolle gibt es ohnehin «nur eine Weisheit, und die unterschiedlichen Religionen nähern sich ihr auf unterschiedliche Weise».

Die Bekehrung zu sich selbst

Was aber ist diese Weisheit, welche der inzwischen 74jährigen Tolle auf weltweiten Vortragsreisen mit ungebrochener Überzeugung verkündet? Zu Beginn seines Bestsellers «Jetzt!» beantwortet Tolle diese Frage mit der Schilderung einer eigentlichen Bekehrungserfahrung:

Als junger Doktorand der Universität Cambridge war er an einem seelischen Tiefpunkt angelangt. Bedrückt, lebensmüde, am Ende aller Hoffnung ertappte er sich beim Gedanken:

«Ich kann mit mir selbst nicht weiterleben!»

Dieser Impuls war ausschlaggebend für seine Erleuchtung: Welches «Ich» war das, das sich hier meldete, weil es mit dem «Selbst» nicht mehr leben wollte? «Vielleicht», dachte sich Tolle, «ist nur eins von beiden wirklich».

Eben hier leuchtet die zentrale Einsicht der Lehre Tolles auf: Es gibt ein betrügerisches, gestörtes, ängstliches und negatives «Selbst» (bei Tolle auch «Ego» genannt), das von unserem Verstand konstruiert wird und sich in unseren Selbstgesprächen offenbart. Dieses «Selbst» ist gerade nicht mit uns identisch – und wir müssen uns von ihm lösen, es abstoßen, von uns weisen, um wirklich bei uns im hier und jetzt anzukommen.

Der Verstand, der uns die Einbildungen des falschen «Selbst» auftischt, tritt bei Tolle als Feind in Erscheinung: Er hat zwar eine gewisse eingeschränkte Daseinsberechtigung, ist aber im Blick auf den spirituellen Weg das entscheidende Hindernis, das es zu überwinden gilt.

Selbstverleugnung ohne Selbstverlust

Auch wenn der Esoterik-Jargon, in dem Tolle seine Weisheiten verbreitet, sicher nicht jedermanns (und ganz sicher nicht meine) Sache ist – er spricht von der Verbindung mit dem «inneren Körper», vom «Samen der Erleuchtung» und von «emotionalen Energiefeldern» – so wird man doch zunächst einmal sagen dürfen: Dass in einer hyperindividualistischen Zeit, in der alles auf Selbstinszenierung und –optimierung getrimmt zu sein scheint, eine Lehre Fahrt aufnimmt, welche die Verleugnung des «Ego» und die Überwindung des «Selbst» propagiert, ist bemerkenswert.

Und sie weist durchaus Parallelen zu genuin christlichen Motiven auf. Die «Selbstverleugnung» ist bekanntlich ein zentraler Gedanke der jesuanischen Verkündigung. Sie steht oft im Kontext der drohenden Verfolgung der Jesusanhänger, ist aber gerade nicht im Sinne der Selbstkasteiung oder Selbstverachtung zu verstehen. Vielmehr ist damit auf die befreiende Einsicht abgehoben, dass sich unser Leben nicht um uns selbst drehen muss – und dass wir tatsächlich mehr zu uns selbst kommen, wenn wir weniger von uns selbst eingenommen sind.

Christliche Selbstverleugnung ist kein Programm zur Auslöschung der Persönlichkeit und zur Gleichschaltung aller Gläubigen, sondern zur Entdeckung unserer Bestimmung in den Augen Gottes. Dabei werden wir nicht weniger, sondern mehr «uns selbst».

Glauben mit dem Verstand

Vieles davon könnte man noch mit Eckhart Tolles Weisheitslehren zu vermitteln versuchen. Es bleiben aber doch massive Spannungen erhalten.

So kennt sicher auch die Bibel den Aufruf, sich nicht (nur) auf seinen Verstand zu verlassen (vgl. z.B. Sprüche 3,5-7), aber es ist doch gerade ein fundamentales Kennzeichen eines biblischen Glaubensverständnisses, dass der Intellekt in die Gottesbeziehung involviert ist.

Nach hebräischem Sprachgebrauch denkt der Mensch mit seinem Herzen. Der Verstand ist also integraler Bestandteil des menschlichen Personzentrums und auch an einer gesunden Spiritualität entscheidend beteiligt. Jesus kann sogar dazu aufrufen, Gott zu lieben «mit deinem ganzen Verstand» (Mt 22,37-39, vgl. Deut 6,5-6).

Von einer Überwindung des Verstandes zugunsten der spirituellen Erleuchtung weiß weder das Judentum noch das Christentum etwas, wohl aber von einer «Heiligung» der Gedanken, einer Befreiung von Lügen und Fehlurteilen über sich und anderen Menschen. Oder auch von einer Beruhigung und Zurechtweisung eines wilden, überwältigenden, endlos kreisenden Gedankenlebens.

Gespräche mit sich selbst

In diesem Zusammenhang findet sich in den Psalmen der vielleicht spannendste Vergleichspunkt mit Eckhart Tolles Bekehrungserlebnis. Uns begegnet dort nämlich an zahlreichen Stellen eben jene Art von Selbstgesprächen, welche Tolle dazu veranlasste, sich von seinem Selbst unterschieden zu sehen:

«Was bist du so aufgewühlt, meine Seele? Warum bist du so unruhig in mir?» (Psalm 42,6); «Komm wieder zur Ruhe, meine Seele!» (Psalm 116,7); «Habe ich meine Seele nicht beschwichtigt und besänftigt?» (Psalm 131,2):

Solche Fragen und Ausrufe der Hebräischen Bibel dokumentieren bereits diese eigentümliche Distanzierung des Sprechenden von sich selbst («meine Seele» lässt sich auch mit «mein Ich» oder «mein Selbst» wiedergeben). Dabei ist es keine Nebensächlichkeit, dass diese Distanzierung im Rahmen eines Gebetes stattfindet:

Ich bin mit meinen ängstlichen, sorgenvollen, lebensmüden Gedanken nicht einfach identisch – ich bin viel mehr als das, was mir gerade durch den Kopf geht. Mit allem, was zwischen meinen Schläfen (oder, hebräisch gedacht: in meinem Herzen) abgeht, bin ich ein von Gott erhörter und geachteter Mensch.

Realistischer Glaube

Im markanten Unterschied zu Eckhart Tolles Programm geht es in den Psalmen nicht darum, seine Gedanken als etwas Fremdes von sich zu weisen und dieses «negative Selbst» loszuwerden.

Das Buch «Jetzt! Die Kraft der Gegenwart» weist an dieser Stelle (verhängnisvolle) Ähnlichkeiten mit der Ideologie des «positiven Denkens» auf. Auch sie hat sich dem Unterdrücken und Abspalten negativer Gedanken verschrieben und führt eben damit zu einer gefährlichen Verdrängung der eigenen, inneren Wirklichkeit.

Es sind eben sehr wohl meine (!) Sorgen, meine (!) Ängste, meine (!) Bitterkeiten und Rachewünsche, die sich hier manifestieren. Eine gesunde Spiritualität wird darum nicht verleugnen wollen, sondern vielmehr anerkennen, dass diese Regungen der Seele, diese Gedanken des Herzens die Meinigen sind, dass sie im Moment zu mir gehören.

Hoffnung und Heilung kommt dann aber aus der Tatsache, dass das nicht alles und nicht einmal das Wesentliche ist, was es über mich zu sagen gilt. Ich kann meiner Seele entgegentreten, mich meinem verstörten, konfligierten Selbst gegenüber aufstellen – weil ich darin eben nicht aufgehe, sondern mich von Gott her in einem weiteren Horizont verstehen darf.

Auf dem Hintergrund eines solchen biblischen, ebenso realistischen wie glaubensvollen Selbstverständnisses, finde ich den Eckhart Tolle dann irgendwie nicht mehr so… toll(e).

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1 Kommentar zu „Eckhart nicht so Tolle“

  1. Ich finde Tolle sehr gut und sehe nicht, dass es bei ihm um Abspalten negativer Gedanken geht. Eher darum, diese Gedanken nicht als eigene Identität zu begreifen, sie vorüber ziehen zu lassen. So wie ich es sehe, hat er die Erfahrung gemacht, dass er eins ist mit allem, eine Erfahrung der Nichtdualität, des ewigen Jetzt, die man auch als Gotteserfahrung bezeichnen kann und die von vielen Mystikern beschrieben wird. Da er in einem Zustand höher Bewusstheit lebt, ist es heilsam und hilfreich, seine Vorträge zu hören und auch interessant, wie er unsere heutige Welt erlebt. Theoretisch trägt jeder diese Fähigkeit zu dieser Hörern Bewusstheit in sich, aber nur wenige haben sie tatsächlich realisiert.

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