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Du hast kein Recht auf Glück

War is over

Vor 75 Jahren ging der 2. Weltkrieg zu Ende. In der Schweiz ist das keine grosse Sache. Wir wurden ja weitestgehend verschont. Und seit 2002 der Bergier-Bericht veröffentlicht worden ist, muss um das Bild der Schweiz im 2. Weltkrieg gerungen werden und das Feiern gelingt nicht unbeschwert. Aber eine Erinnerung an diese Zeit würde uns gerade jetzt gut tun.

Aktivdienstgeneration

Die Aktivdienstgeneration hatte durchschnittlich 800 Diensttage lang gedient. Vor allem in den ersten Kriegsjahren mussten die Menschen damit rechnen, von den Nazis angegriffen zu werden. Es war eine unsichere und belastende Zeit. Einkäufe waren mit Lebensmittelmarken rationiert. Man hat Flüchtlinge aufgenommen. Aber man hat auch den Judenstempel eingeführt, die Grenze vorübergehend geschlossen. Kollaboriert und taktiert.

Man hat ein Reduit errichtet. Und in den Seelen und Köpfen eine “Geistige Landesverteidigung”.

Die Kinder, die zwischen dem 1. und dem 2. Weltkrieg geboren worden waren, wurden ihrer Kindheit oder Jugend beraubt. Ah ja: Auch die Wirtschaft war schwer getroffen. Trotz Schweizer Bankensystem.

Keine rosigen Zukunftserwartungen

Wenn wir heute Bilder sehen, wie Menschen in der Steinen-Vorstadt in Basel feiern, oder Videos, in denen Leute erzählen, dass es jetzt eben genug der Einschränkungen und Entbehrungen gewesen sei, dass alles endlich wieder normal werden müsse, dann spüren wir deutlich, dass wir Kinder, Enkel und Urenkel des Wirtschaftswunders und nicht der Aktivdienstgeneration sind. 800 Dienstage sind auch 800 Tage, an denen Bauernhöfe, Betriebe, Büros und Familien ohne die Hilfe der insgesamt 450’000 Wehrmänner und 250’000 Hilfsdienstpflichtigen auskommen musste. Sie alle hatten keine rosigen Zukunftserwartungen. Sie waren nicht optimistisch oder haben sich gefreut, jetzt wieder Louis Vuitton-Taschen kaufen zu können. Sie hatten nicht das Gefühl, dass sie ein Recht auf Glück haben, das der Bundesrat ihnen vorenthält.

Glück

Man kann Glück natürlich unterschiedlich definieren. Mir gefällt:

Glück ist die positive Differenz zwischen Erwartung und Ergebnis, die einem bewusst wird.

Wenn das stimmt, dann war diese Generation ziemlich glücklich. Sie hatten kaum Erwartungen, aber sie haben das Wirtschaftswunder miterlebt und – freilich unter sehr glücklichen Bedingungen – es erst möglich gemacht. Seitdem geht es jeder Generation etwas besser. Die individuellen Freiheiten wachsen. Jede*r kann reisen, soviel sein oder ihr Gewissen es zulässt. Wir sind rundum versichert, haben Internetanschlüsse, Delivery Services und im Schnitt mehr als drei Wochen mehr Urlaub als die Menschen 1950. Auch die Jahres-Erwerbsarbeitszeit ist von 2400 auf 1500 Stunden zurückgegangen.

Minergie-Häuschen

Für die Generation meiner Eltern ist COVID-19 seit dem Kalten Krieg die erste ernste Bedrohung. Meine Generation hat Katastrophen nur als Medienereignisse erlebt: Tschernobyl, 9/11 und die Flüchtlingskrise. Krisen? Sicher. Aber nicht bei uns. Wir sind damit aufgewachsen, dass uns Erwachsene gesagt haben, dass alles schwerer würde, Jobs knapp sein werden und wir ständig neue Dinge lernen müssen, wenn wir “fit” bleiben wollen. Wir haben schnell gemerkt, dass das nicht stimmt. Aber nicht nur uns, auch den Erwachsenen ging es gut.

Mittelständische Familien machten USA-Urlaube, kauften Reihenhäuschen und beschwerten sich über viel zu hohe Steuern.

Und wir taten es ihnen, kaum erwachsen geworden, gleich. Natürlich kompensierten wir das Co2 und anstatt ein Reihenhaus kauften oder mieteten wir Altbauwohnungen oder Minergie-Häuschen. Ein bisschen Revolte muss sein.

Und jetzt, nach 8 Wochen mit etwas eingeschränkten Konsum- und Bewegungsfreiheiten, verhalten wir uns gegenüber dem Bundesrat und den Behörden wie Teenager: Wir waren brav, jetzt haben wir uns die Cocktails aber auch verdient. Wir wollen frei sein. Das war jetzt genug. Wir haben das Gefühl, dass wir ein Recht darauf haben.

Haben wir nicht. Nur zu hohe Erwartungen.

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