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Lesedauer: 5 Minuten

Fernschreiben aus dem Wald (3)

Gerade als ich mich einem Knacksen hinter mir zuwenden will, setzt sich der ganze Wald in Bewegung. Ich verstehe nicht, wie mir geschieht. Schon höre ich eine tiefe Männerstimme sagen: „Die Wahrheit ist wie die Sonne, du kannst sie für eine Weile verbergen, aber sie wird nicht verschwinden.“

Ich sehe mich um und rufe ungläubig aus: „Elvis! Du lebst?!“

Leibhaftig lehnt er da mit der rechten Schulter lässig gegen eine Esche und lächelt mich an: „Nein ich bin nicht Gott, und auch kein Heiliger, ich bin stinknormal.“ Ich stottere: „Aber, du bist doch schon lange …“ Er fällt mir ins Wort: „Ich hatte es satt, Elvis Presley zu sein, deshalb bin ich abgetaucht. Nun bin ich wieder hier. Ist das ein Problem?“ „Nein, nein, aber, aber ich habe mich nur gefragt, ob …“ „Hey, Jürg, kritisiere nicht, was du nicht verstehst, denn du hast nie in meinen Schuhen gestanden.“

Als ich einen Schritt auf Elvis zugehen will, setzt sich der Wald wieder in Bewegung und ich werde zu Boden geworfen. Verwirrt stehe ich auf. Der King ist verschwunden.

Kopfschüttelnd gehe ich weiter, bis aus einem Gebüsch ein weisser Handschuh nach mir reckt. Ich schrecke zur Seite. Ein Astronaut erscheint und bleibt stehen. „Was ist heute nur los?“, denke ich, „ist da eine Verschwörung gegen mich im Gange?“

Er öffnet die Helmklappe und ist eine Frau, die ruhig verkündet: „Hallo Fremder, haben keine Angst, komme von Erde, komme in Frieden.“

Ich reagiere verärgert: „Weshalb sprechen Sie extra gebrochen Deutsch mit mir? Überhaupt: Hier befinden wir uns auf der Erde. In der Schweiz. Im Dählhölzliwald in Bern. Verstehen Sie?“

„Entschuldigen Sie uns, da liegt wohl eine Verwechslung vor“, meint sie abgeklärt und taucht rückwärts wieder ins Gebüsch ab.

Ich schreite weiter, ein älteres Paar, die ihren Walking-Stöcken folgen, kommt mir entgegen. Ich versuche mich aber nur auf die Bäume zu konzentrieren – ob sie ein weiteres Mal ihre Plätze verlassen?

Bei der nächsten Weggabelung hebt ein Mann in elegantem Anzug, als er an mir vorübergeht, den Hut. Ich bleibe stehen und erkundige mich erstaunt bei ihm:

„Sind Sie nicht Herr Kennedy?“

„Oh, please, nenn mich John“, spricht er mit grösster Selbstverständlichkeit zu mir.

„Ich, ich … dachte, Sie seien 1963 ermordet worden?“

„Ach, das?“, lacht er herzlich, „die CIA hat meine Ermordung nur inszeniert, um die internationale Verschwörungstheoretikerloge in Wallung zu versetzen. Ich arbeite seitdem als Verjüngungsforscher in Nordkorea.“

„Nun, dann … dann ist ja alles klar“, entgegne ich zweifelnd. Wir lächeln einander zu und gehen weiter unserer Wege. Nach ein paar Schritten halte ich jedoch inne:

„What? Was ist heute mit dem Wald los? Oder ist es gar kein Wald? Ist es nur eine grosse Inszenierung, die mich davon ablenken soll, dass ich längst in einem Umerziehungslager des Bundesrats gelandet bin? Bin ich längst gechipt?“

Ich muss mich auf einen Baumstumpf setzen. Habe ich zu viele Artikel über Verschwörungstheoretiker gelesen und deren Botschaften sind mir nun so indirekt in den Kopf gestiegen?

In diesem Augenblick richtet sich ein Eichhörnchen vor mir auf und hält mir eine Pfote entgegen: „Ich habe im ganzen Wald nach dir gesucht, Jürg, darf ich deine Temperatur messen?“

„Wer bist nun du? Darf ich raten? Daniel Koch?“, frage ich kurzatmig.

„Mein Name ist Bill.“, sagt es. „Bill, und?“, will ich wissen. „Bill Gates, so wahr ich der Teufel bin!“

„Ach, hör doch auf!“ empöre ich mich, „du bist nur ein paranoides Eichhörnchen, das seine letzte Impfung verpasst hat.“ „Nein!“ zischt es, „die Weltregierung hat mich geschickt, dir einen Chip einzupflanzen und …“

„Komm schon, Eichhörnchen, lass mich einfach in Ruhe. Erzähle nicht mir, erzähle dem Fuchs, dass es keine Tollwut gibt. Oder organisiere mit den Borkenkäfern eine Demonstration gegen das fuchsgewollte Waldsterben.“

„Du bist verächtlich!“ ruft das Eichhörnchen.

„Nein, ich bin nur müde, von Leuten, die mit gefährlich einfachen Erklärungen ihren Verstand betäuben.“

„Bin nur müde von Menschen und Eichhörnchen, die immer genau zu wissen glauben, dass sie auf der richtigen Seite stehen und auch immer genau wissen, wer die absolut Guten und wer die absolut Bösen sind.“

„Ich bin kein Eichhörnchen! Ich bin ein Einhorn, du Lügenschriftsteller!” schnaubt es mich an.

„Was auch immer du bist, du hast wohl einfach zu viel Alufolie geraucht! Und was willst du mir als nächstes vertickern? Dass die Fuchsweltregierung in einem geheimen Tunnelsystem in einem noch geheimeren Labor tief unter der Erde einen Virus schuf, um so bald alle Eichhörnchen mittels Zwangsimpfungen kontrollieren zu können, um danach die Macht endgültig ganz an sich zu reissen?!”, schreie ich es an. Das Tierchen kichert dreckig und zischt auf und davon.

Eine Frau, ein schlafendes Baby im Kinderwagen, kommt mir entgegen. Ich rede, noch immer verärgert, vor mich hin: „Da soll noch jemand sagen, der Wald sei ein Naherholungsgebiet, verdammt!“ Sie blickt mich erschrocken an und schiebt den Wagen schnell an mir vorbei. Jetzt komme ich mir endgültig beknackt vor. Als trüge ich leibhaftig einen Aluhut auf dem Kopf. Herrjemine!

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