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Lesedauer: 4 Minuten

Die Wette

Skepsis

Es scheint in meinem Freundeskreis eine tiefe Skepsis gegenüber den Errungenschaften der Aufklärung zu geben. Sie lehnen nicht die Werte, Einsichten oder Entwicklungen ab. Sie sind nur skeptisch, ob man mit ihnen zum Ziel kommt. Darum lohnt es sich ja auch, mit ihnen zu streiten. Ich glaube, es sind grob gesagt vier Elemente, die – immer wieder neu kompiliert – zu dieser aufklärungspessimistischen Sicht führen:

Elitarismus

«Wusstest du, dass viele Schulabsolvent*innen nicht einmal einen 20 Minuten-Artikel richtig lesen und verstehen können?» Wer solche Bilder innerlich schürt, neigt dazu, an demokratischen Verfahren zu verzweifeln. Warum sollen uniformierte, ja der Information gar nicht fähige Menschen, die politischen Geschicke mitbestimmen dürfen? «Viele wissen gar nicht mehr, was an Ostern eigentlich gefeiert wird! Die denken nur an Hasen und Eier!» Durch solche Aussagen entsteht das Bild einer Gesellschaft als dumme Herde, die durch die wenigen Intelligenten geführt werden muss. Das ist aber Unsinn! Trump ist nicht das Resultat dummer Wähler, sondern selbst ein Vertreter des Elitarismus par excellence. Und er wird nicht wiedergewählt, weil alle Amerikaner dumm sind, sondern weil die Demokratische Partei unfähig ist, einen halbwegs valablen Kandidaten aufzubauen.

The Bigger Picture

Wer Online-Tageszeitungen liest, findet oft Skurrilitäten und Extremes. Logisch, die Schlagzeile «Trump schlägt vor, Desinfektionsmittel zu injizieren!» ist einfach besser als «Der Bundesrat setzt eine ausgewogene, multidisziplinäre Expertenkommission ein, die ihn berät». Deshalb sind diese Infotainment-Beiträge zwar unterhaltsam aber eben kein guter Massstab, um das eigene Weltbild zu orientieren. Die Welt geht nämlich nicht unter und unser Leben ist nicht schlechter geworden. Um dies zu sehen helfen Bücher, wie z.B. das von Guido Mingels «Früher war alles schlechter» oder Reportagen, in denen Autor*innen Vorgänge und Entwicklungen beschreiben, deuten und einordnen – und das bestenfalls sogar kenntlich voneinander trennen.

Fortschritts-Skepsis

Die Fortschritts-Skepsis ist die ältere Schwester von «The Bigger Picture». Sie misstraut vor allem dem technologischen Fortschritt. Natürlich ist es sinnvoll, auch gegenüber naturwissenschaftlichen Entdeckungen kritisch zu bleiben und über Folgen neuer Möglichkeiten nachzudenken. Dazu helfen aber Allgemeinplätze, welche die Globalisierung, Digitalisierung und Technisierung in einen Topf schmeissen und so lange verrühren bis es unappetitlich wird, nicht weiter. Fortschritt wird nicht dadurch widerlegt, dass es Pandemien oder Naturkatastrophen gibt, sondern beweist sich an unserem Umgang damit. Fortschritt darf keine Ideologie werden. Aber sie ist eine gute Hoffnung.

Falsches Spiel

Manche reden von der westlichen Aufklärung, als wäre sie eine unter verschiedenen Möglichkeiten, die wir ausprobieren könnten. Wenn die Chinesen schneller Spitäler aufbauen oder ganze Regionen abriegeln können, als das in westlichen Demokratien möglich ist, dann erwägt man flux das System zu wechseln. Das setzt ein Bild von Gesellschaft voraus, die zielgerichtet Probleme lösen muss. So als ob verschiedene Spielstrategien aufeinander treffen und wir zuschauen, welche letztendlich siegreich ist. Das ist eine sehr gefährliche und falsche Idee. Denn die westliche Aufklärung spielt ein ganz anderes «Spiel des Lebens». Ihre Resultate liegen nicht «nur» in der Problembehebung oder Krisenbewältigung, sondern in einer umfassenden Idee vom Menschen. Sie hat kein Ziel, das auf einem Zeitstrahl liegt, sondern verfolgt das Anliegen, möglichst vielen Menschen gleiche und umfassende Freiheiten zu garantieren. Weil sie an die unbedingte Würde des Menschen (!) und nicht nur der Menschheit oder des Volkes oder der Ethnie glaubt.

Kein Umtausch

Man kann darum demokratische Einstellungen oder liberale Grundwerte nicht einfach auf dem Markt der Möglichkeiten handeln oder tauschen. Sie funktionieren anders. Sie beziehen ihren Wert nämlich nicht daraus, dass wir sie für nützlich oder praktisch halten. Sie sind so wertvoll, weil wir die Idee des Menschseins an sie geknüpft haben. Mit ihnen sind wir in aller Verschiedenheit gleichwürdig. In ihnen sind wir so frei, wie es nur geht. Und vor ihnen sollten wir solidarisch sein. Sie versprechen uns nicht, dass jede*r unsere Erkenntnis teilt, wir schneller Landesgrenzen mit ihnen schliessen oder Pandemien bekämpfen können. Sie versprechen uns, als freie, gleichwürdige Menschen solidarisch zusammen zu leben. Weil, so glauben wir weiter, wir so sind, weil wir so sein können und wollen. Und ohne das ist alles nichts.

 

Photo by Alena Koval from Pexels

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1 Kommentar zu „Die Wette“

  1. Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag! Wie “””effizient””” so ein hierarchisches System tatsächlich funktioniert, erörtert z.B. M. Nass in zeit-online:
    Das “Modell China” soll uns alle retten. Ein bisschen verschlägt es einem bei so viel Chuzpe doch den Atem. Als Mitte November im zentralchinesischen Wuhan das neue Virus zum ersten Mal auftrat, wurden Hinweise auf die Gefahr ignoriert, Beweise vernichtet, Ärzte eingeschüchtert, Labore geschlossen. Die Öffentlichkeit erfuhr nichts. Bis dann, abrupt, am 23. Januar Wuhan (und wenig später die ganze Provinz Hubei) abgeschottet wurde. Über Nacht kam keiner mehr hinein, niemand heraus. U-Bahnen, Züge, Busse, Autoverkehr – ohne Vorwarnung gestoppt. [https://www.zeit.de/2020/14/china-coronavirus-aussenpolitik-meinungsfreiheit-pressefreiheit]

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