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Lesedauer: 4 Minuten

Die Welt brennt

Gegensätzlicher könnten die Voten nicht sein. Hier die bedacht aber entschlossen wirkende Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, die eindringlich vor den Folgen einer umweltvergessenen Wirtschaft warnt: „Die Welt brennt!“

„Die Welt brennt!“

Dort der grossspurige US-Amerikanische Präsident Donald Trump, der die eigene Wirtschaftsbilanz im Stile einer Wahlkampfrede lobt und mit alten Rezepten neuen Optimismus verbreiten will: Der American Dream ist zurück! Diese durch neue Handelsabkommen gestärkte Wirtschaft werde mit allen Herausforderungen fertig. Nur nicht auf die Untergangspropheten hören.

Stakeholder-orientiert?!

Klaus Schwab, der Übervater des WEFs betont gerne, dass er ein Stakeholder-orientiertes Bild von Wirtschaft vertrete und das WEF sich diesem Ansatz verpflichtet fühle. Und gewiss, es mangelt nicht an gutem Willen: Eine Billion neuer Bäume soll gepflanzt werden. Das Motto des WEFs 2020 lautet denn auch: «Stakeholder für eine solidarische und nachhaltige Welt». Dabei wirkt Trumps Rede wie eine gigantische Wette: Wetten, dass das Wirtschaftswachstum in einer Weise erfolgen wird, die uns alle reich, glücklich und gesund macht und dabei den Planeten nur soweit ausbeutet, dass dieser sich selbst wieder erholen kann?

Wetten, dass das Wirtschaftswachstum in einer Weise erfolgen wird, die uns alle reich, glücklich und gesund macht und dabei den Planeten nur soweit ausbeutet, dass dieser sich selbst wieder erholen kann?

Und ich denke: Wetten, dass er den Ausgang seiner Wette nicht mehr erlebt?

Eine Frage der Dringlichkeit

Denn mit Verlaub: Die Stakeholder in der Frage nach der ökonomischen und ökologischen Entwicklung unserer Zivilisation sind sehr einseitig ausgewählt. Nein, ich meine damit nicht, dass zu viele Mächtige und zu wenige NGO-Vertreter*innen, zu viele Männer und zu wenig Frauen, zu viele aus Europa und zu wenige aus Afrika eingeladen sind. Das alles stimmt sicher auch. Ich meine aber, dass sehr viele Menschen, die in 25-30 Jahren, gemessen an einer in Europa durchschnittlichen Lebenserwartung, gar nicht mehr leben, über Möglichkeiten einer Ökonomie diskutieren, die uns jüngeren Menschen dann noch betreffen wird. Klaus Schwab, Simonetta Sommaruga und Greta Thunberg unterscheiden sich nämlich nicht nur dem Empfinden der Dringlichkeit klimarettender Massnahmen nach, sondern vor allem auch darin, dass letztere die Folgen einer missglückten Wette ziemlich sicher noch erleben wird.

Das WEF ist nicht schlechter als wir

Es wäre unfair, das dem WEF besonders anzulasten. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer*innen betrug 2015 gut 53 Jahre und liegt damit nahe am Durchschnitt des National- und Ständerates der Schweiz. Dass es unter den Topmanager*innen international tätiger Firmen wenige Menschen U30 gibt, liegt bestimmt auch daran, dass es Vertreter*innen dieser Generation an Erfahrung und Leistungsausweis häufig noch fehlt. Aber: Es waren und sind Menschen U20, die global wirkungsvoll auf die Dringlichkeit der Klimakrise hingewiesen haben.

Es waren und sind Menschen U20, die global wirkungsvoll auf die Dringlichkeit der Klimakrise hingewiesen haben.

Und es sind diese Menschen, die 2050 zusammen mit ihren Kindern erleben werden, wie sich die Nonchalence, mit der wir unsere Klimaziele verpassen, auswirkt. Der warme Applaus, den Greta Thunberg für ihre prägnante, zum Teil zynisch-witzige Rede geerntet hat, zeigt: An gutem Willen fehlt es wirklich nicht. Aber guter Wille hat bisher nur zu Zielen geführt, die niemand erreicht. Zu Versprechen, die keiner einhält. Zu Beschwichtigungen, die das Problem nicht lösen.

Betroffene und Bemächtigte

Mir selbst geht es manchmal so: Wenn ich bei Abstimmungen unsicher bin, lasse ich mich von den Voten stark Betroffener leiten. Mir ist wichtig, was Frauen über Abtreibung, was Homosexuelle über die Erweiterung der Rassismusstrafnorm oder Sozialhilfeempfänger*innen über Kürzungen denken. Die Entscheidungsträger*innen in der Klimakrise sind nicht die Betroffenen. Ihre Kinder sind die Betroffenen. Und wer auf diese Kinder blickt, wird nicht sagen: „Die Wirtschaft, die unsichtbare Hand, der Kapitalismus, der Fortschritt, das Wachstum – ach was! ich höchstselbst! – werden euch retten.“ Sondern: „Die Welt brennt.“

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2 Kommentare zu „Die Welt brennt“

  1. Andreas Schweizer

    Oh, jetzt hat die Schweiz bereits zwei Überväter?
    Nach dem One and Only jetzt also noch Klaus Schwab.
    Und nein, ich mag solche Formulierungen nicht.

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