Less noise, more conversation.
Less noise, more conversation.
 Lesedauer: 7 Minuten

«Die Rückkehr zur Hütte»: So ist die Fortsetzung des Bestsellers

Anfang Dezember soll in den USA eine Hinrichtung durch Erschiessung per Livestream übertragen werden. Mit der Exekution wollen Präsident Trump und sein Verteidigungsminister Hegseth Härte demonstrieren. Auch mit der versuchten Hinrichtung einer Frau durch die Giftspritze, die sie überlebte, geriet die Todesstrafe in den USA einmal mehr in die Schlagzeilen.

Ausgerechnet im Riverbend-Gefängnis in Tennessee, in dem Christa Pike ihre geplante Hinrichtung überlebte, spielt der neue Roman von William Paul Young, «Die Rückkehr in die Hütte».

Young kennt den Ort, von dem er schreibt: Regelmässig besucht er dort zum Tode verurteilte Männer. Sie verbringen vor ihrer Hinrichtung oft ganze Jahrzehnte im Gefängnis.

Der Bestseller-Autor positioniert sich auch explizit gegen die Todesstrafe. Das erstaunt auf den ersten Blick, kommt Young doch aus einem evangelikalen Umfeld, das politisch den Republikanern nahe steht und den harten Kurs der aktuellen Regierung tendenziell befürwortet.

Evangelikal-progressive Positionen

Doch William Paul Young tanzt nicht nur politisch aus der Reihe. Auch theologisch hat er sich von klassisch evangelikalen Positionen wie dem Glauben an Himmel und Hölle verabschiedet. In seinem Bestseller «Die Hütte» (auf Platz 33 der meistverkauften Bücher aller Zeiten) stellt er Gott als Frau dar – spätestens damit gilt er in konservativen Kreisen als «Häretiker», als falscher Prophet.

Young zeichnet ein Bild von Gott und Christentum, das stark an christliche Mystik anknüpft.

Er gehört damit zu einer Garde von progressiv-evangelikalen Autor:innen wie Brian MacLaren, Martin Schleske, Rob Bell, Nadia Bolz-Weber oder auch Richard Rohr.

Die theologischen Hauptüberzeugungen, die in «Die Hütte» deutlich werden:

  • Gott ist kein strenger Richter, sondern die Liebe in Person. Ein Gott, dem man vertrauen kann und mit dem für jeden Menschen Beziehung möglich ist.
  • Gerechtigkeit und «Gericht Gottes» schildert Young nicht als verdiente Bestrafung, sondern als Prozess der Wiederherstellung und Heilung.
  • Die grosse Frage nach dem Leid in der Welt, die «Theodizee-Frage», beantwortet er nicht damit, dass gemäss Gottes übergeordnetem Plan schon alles seine Richtigkeit hat oder dass die Menschheit all das verdient hat. Sondern damit, dass Gott Menschen auch in den schlimmsten Situationen nicht alleine lässt.

Was bisher geschah (Story-Recap «Die Hütte»)

All diese theologischen Positionen spielen für seinen ersten Roman, «Die Hütte» (2007, auf Deutsch 2009), eine wichtige Rolle. Eine kurze Zusammenfassung für diejenigen, die ihn nicht gelesen und auch die Hollywood-Verfilmung nicht gesehen haben:

Ein trauernder Vater wandert nach der Entführung und Ermordung seiner Tochter dorthin, wo ihre letzten Spuren gefunden wurden – zu einer heruntergekommenen Hütte im Wald. Was Mackenzie Philipps dort vorfindet, ist aber ein ganz neuer wundersamer Ort: Die Hütte ist wiederhergestellt, es riecht nach frisch gebackenem Apfelkuchen und im Garten blühen bunte, duftende Blumen.

Ein mystischer Ort zwischen Himmel und Erde.

Die Bäckerin des Apfelkuchens ist Gott. Gott ist so ganz anders, als Mack sich ihn (sie?) bisher vorgestellt hatte. Auch Jesus und der heilige Geist (im Buch ein ätherisches Wesen namens «Sarayu») begegnen ihm in der Hütte.

In den Tagen, die Mack dort verbringt, kommen angestaute Gefühle an die Oberfläche, prägende Verletzungen aus der Kindheit, Schuldgefühle und Trauer wegen seiner Tochter. Die Gespräche und Erlebnisse mit Gott helfen Mack, Heilung zu finden.

Ich war kein Fan von «Die Hütte»

Ich gebe zu, ich gehöre nicht zu den Fans von «Die Hütte». Vor allem war mir der Stil zu kitschig, zu sülzig. Ich finde es cringe, wenn Menschen Gott «Papa» nennen. Bei den im Buch geschilderten Zärtlichkeiten zwischen dem als mütterliche Frau dargestellten «Papa»-Gott und seinem Sohn fühlte ich mich unwohl. Und die ständig wie leicht bekifft herumschwebende Sarayu, der Heilige Geist, ging mir auf die Nerven.

Theologisch jedoch verstehe ich die Faszination des Buches. Die Geschichte hat Gott für viele Menschen nahbarer gemacht.

So war ich neugierig auf die Fortsetzung, auf «Die Rückkehr zur Hütte», die Anfang Oktober erschien.

Auge in Auge mit dem Täter

Der Roman spielt zehn Jahre nach den Ereignissen von damals. Der Mörder von Macks Tochter sitzt im Todestrakt. Immer noch ist offen, ob es noch weitere Opfer gab, und wenn ja, wo er ihre sterblichen Überreste versteckt hat.

«J», so nennt sich der Mörder, schlägt den Ermittlern einen Deal vor: Er sagt ihnen, wo die Leichen zu finden sind, dafür organisieren sie ihm einen Besuch von Mack.

Drei Tage lang will er sich mit ihm in einem überwachten Unterredungsraum unterhalten – einen Tag für jedes noch vermisste Kind.

Mack stimmt widerwillig zu. Nicht aus Interesse an dem Mann, sondern weil er so mithelfen kann, anderen verzweifelten Eltern Klärung zu verschaffen. Im Todestrakt, Einheit 2, findet er aber nicht die «Bestie» vor, die er erwartet und auf die sich seine langjährige Wut gerichtet hatte.

«J» entpuppt sich zu Macks Überraschung als hochintelligenter, interessierter Mann. Dieser Mann will, dass jemand sich Zeit nimmt, ihn kennenzulernen – deswegen sein Plan.

Young knüpft an das zutiefst menschliche Bedürfnis an, gesehen zu werden.

Lange Dialoge kennzeichnen auch dieses Buch – in erster Linie zwischen Mack und dem am Unterredungstisch angeketteten «J», aber auch zwischen Mack und Jesus sowie Mack und seiner Frau Nan. Das Buch steuert darauf zu, dass Mack dem Täter nicht nur vergibt, sondern sich vielmehr mit ihm versöhnt.

Ist Vergebung möglich?

Vergebung ist das Lebensthema von Paul William Young. Der Autor hat selber eine schwierige Geschichte – als Kind wurde er sexuell missbraucht. Er hat in Interviews erzählt, wie er dem Täter und auch seinem eigenen gewalttätigen Vater vergeben hat. Vergebung ermöglicht es, so Young, nach vorne zu blicken.

Seine These scheint zu sein: Wenn Eltern durch die Liebe Gottes sogar dem Mörder ihres Kindes vergeben, ja, sich sogar mit ihm versöhnen können, dann ist Vergebung grundsätzlich immer möglich.

Nach und nach erzählt «J» Mack auch von seiner traumatischen Kindheit, in der er schwere Gewalt erlebt haben musste. Mack verspürt Empathie, oft fliessen in den Gesprächen auf beiden Seiten die Tränen.

Doch wäre die Geschichte ebenso nachvollziehbar, wenn Young sich entschieden hätte, den Mörder als kaltblütig, brutal, uneinsichtig zu schildern? Hätte der Autor auch dann einen Weg gefunden, wie Mack «J» vergeben kann?

Die Antwort lautet wahrscheinlich «Ja» – Young ist es (wie schon in «Die Hütte») enorm wichtig, Harmonie herzustellen. Er will um jeden Preis die Schönheit von Gottes Liebe beschreiben.

Seine Mission ist es, die Botschaft zu vermitteln von einem barmherzigen, empathischen Gott, der am Ende alles in Wohlgefallen auflösen und alle erlösen wird.

Alles etwas zu glatt

Man kann Young kein «spirituelles Gaslighting» vorwerfen. Er übergeht Leid und Schmerz nicht einfach, sondern lässt, wie schon in «Die Hütte», auch Wut, Trauer und Zweifel zu. Er kürzt den Heilungs- und Vergebungsprozess seiner Protagonisten nicht ab. Es ist keine «billige» Vergebung.

Und doch scheint das alles zu glatt, zu kitschig, zu folgerichtig.

Vergebung kann niemals verordnet, vorgegeben, aufgetragen werden.

Auch nicht durch einen Roman, der ein Ideal von Versöhnung beschreibt. Zu vergeben, ist immer die freie Entscheidung eines Menschen.

Weil Young diesen Prozess aber so alternativlos erscheinen lässt, bleibt beim Lesen eine Distanz. Der Autor arbeitet stark mit Emotionen und glättet für sein Ziel auch offene Fragen aus dem Vorgängerbuch, so mildert er etwa mit der neuen Erzählung die Brutalität des Mordes.

Dass er an einer Stelle die erzieherischen Verfehlungen von Mack als vergebungsbedürftig beschreibt und so mit den Kindermorden auf eine Stufe stellt («J» spricht Mack in diesem Dialog seinerseits Vergebung aus), entspricht wieder dem klassisch evangelikalen Schema, alle Sünden miteinander gleichzusetzen und damit schwerste Taten auch ein Stück weit zu verharmlosen.

Ähnlich, wie die Ermittler:innen im Buch durch eine getönte Glasscheibe hindurch den Gesprächen zwischen Mack und «J» zusehen und zuhören, fühle ich mich deshalb als Leserin.

Es beschleicht mich das Gefühl, all diejenigen zu verraten, für die Vergebung nicht möglich ist, wenn ich mich ganz auf die Geschichte einlasse und den Emotionen und erzählerischen Kniffs auf den Leim gehe.

Betonung der gottgegebenen Würde

Stark ist das Buch jedoch in seiner Betonung der von Gott geschenkten Würde jedes einzelnen Menschen – sogar verurteilter Mörder:innen im Todestrakt. Man nimmt es Young ab, dass er niemanden abschreibt, sondern Gott zutraut, Menschen trotz ihrer schlimmsten Taten noch zu lieben und Möglichkeit zu Umkehr und Veränderung zu schaffen.

Die Todesstrafe – und erst recht die Übertragung einer Tötung als Massenereignis – widerspricht dem fundamental.

 

Podcast «Ausgeglaubt»: «Die Hinrichtung als Livestream» (14.10.2026)

Thorsten Dietz: «William Paul Young: Der Weg zu einem heilsamen Glauben», bei Fokus Theologie

«Die Hütte» in der «Ausgeglaubt»-Staffel zu spirituellen Bestsellern

Interview mit William Paul Young in der «Schweiz am Wochenende» (10.10.2026)

Interview mit dem theologischen Ethiker Michael Coors zur Todesstrafe (ref.ch)

Foto von Grant Durr auf Unsplash

Schreibe einen Kommentar

Das RefLab-Team prüft alle Kommentare auf Spam, bevor sie freigeschaltet werden. Dein Kommentar ist deswegen nicht sofort nach dem Abschicken sichtbar, insbesondere, falls du am Abend oder am Wochenende postest.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

RefLab regelmässig in deiner Mailbox