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Svenja Flasspöhler: Die Rückkehr der Krieger

«Meine Sorge ist, dass die Zeitenwende eine Rückwärtswende ist, also nicht in die Zukunft hinein, sondern eine Rückkehr zu einer kriegerischen Logik, die wir eigentlich längst überwunden zu haben glaubten», sagt die Philosophin Svenja Flasspöhler im Gespräch mit dem RefLab.

Die Chefredakteurin des «Philosophie Magazins» hat mit «Sensibel: Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren» 2021 einen viel diskutierten philosophisch-kulturhistorischen Bestseller vorgelegt. Sie hat in ihrem Buch auch Reizthemen angesprochen, etwa die «Me too»-Debatte. Sie beobachtet eine wachsende Unfähigkeit moderner Gesellschaften, Ambivalenz auszuhalten.

Gesellschaften und Menschen würden immer empfindlicher, aber:

«Menschen sind keine offenen Wunden. Menschen sind entwicklungsbegabte Wesen, die aber eben auch das Krisenmoment brauchen, damit Entwicklung stattfinden kann.»

Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, hat laut Flasspöhler die Sensibilität zur notwendigen Voraussetzung, ansonsten käme es schlicht zu Verhärtungen und Verpanzerungen, und Panzer seien nicht resilient, sondern bekämen Sprünge, wenn sie traktiert würden.

In dem Buch zur modernen Sensibilität sind auch starke Kapitel enthalten, die sich mit dem Gegenteil des zivilisierten Miteinanders auseinandersetzen: mit dem Ausagieren roher Gewalt, ja der Lust am Krieg und am Quälen. Mit Sigmund Freud argumentiert die Philosophin, dass verdrängte Negativität nach Ventilen sucht, um sich umso hemmungsloser zu entladen. Im Kriegsfall, wo Gewaltausübung kulturell geboten ist, erfolgt das immer wieder in erschreckender Weise, Stichwort Butscha.

Zynisch oder zumindest arglos nennt die Philosophin die Titulierung von Soldaten aus Mariupol in Leitmedien wie der «FAZ» als Helden: Männer, die wochenlang Schreckliches in einem Stahlwerk erleben mussten. Hier werde die Rhetorik kriegsführender Länder umstandslos übernommen.

Svenja Flasspöhler gehört zu den Erstunterzeichner:innen eines offenen Briefs, der viel Aufmerksamkeit erregte und kontrovers diskutiert wurde. In dem offenen Brief an den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz, ausgehend von Alice Schwarzer («Emma»), wird das bisher zurückhaltende Vorgehen der deutschen Regierung gelobt und vor der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine und dem Ausbruch eines dritten Weltkriegs eindringlich gewarnt.

Photo: Johanna Ruebel

Hier geht es zum Philosophie-Podcast des RefLab «Mindmaps».

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5 Kommentare zu „Svenja Flasspöhler: Die Rückkehr der Krieger“

  1. Markus Schwarz

    Was traurig ist: trotzdessen Nietzsche indirekt daraufhin gewiesen hat, dass zu viel Leistungs-, Ordnungszwang (Apollinismus) die musisch, emotionale Seite des Menschen unterdrückt und sich diese gewaltsame Unterdrückung des Phantasievollen, des Weichen dann so unausgeglichen es vorher war sich dann dementsprechend ebenso verschoben in der rauschhaften Extase des Krieges Bahn bricht. Sigmund Freud hat darüber seine kulturkritischen Schriften verfasst.
    Die Kritische Theorie hat in der über Jahrhunderte hinweg disziplinierten Obrigkeithörigkeit und Entfremdung von sich selber des deutschen Volkes den Nationalsozialismus angelegt gesehen.
    Ich komme von unten und weiß daher: oft kommen die Erkenntnisse solcher Herren nicht bei der Basis an. Warum? Weil die Lehrerschaft sie nicht vermitteln und sich lieber am konventionell Erwünschten orientiert. Man will nicht hervorstechen aus der mittelmäßigen Plattitüde.
    So verharren letztlich auch jene, auf denen der meiste Druck lastet in diesen überkommenen Wertesystemen.
    Werden in Krisen einmal mehr anfällig für Populismus, weil bei ihnen eher immer der Zwang der Nachfolgeschaft eingeimpft präsent ist UND wir landen erneut in der Misere.

    Dann setzen sich erschrockene Geisteswissenschaftlerinnen an einen Tisch und fragen ratlos:“wie konnte das nur wieder geschehen“
    Lesen Sie Gramsci.
    Geschrieben und gedacht wird immer eher für die Geldgeber. So verlieren aber jene, die zB humanistische Werte für erstrebenswert halten den Rückhalt der Meisten. Weil diese die längste Zeit aus den wohlfeilen Diskursen ausgeschlossen waren…

  2. Markus Schwarz

    Korrigierte Version meines vorhergehenden Kommentars zu Svenja Flasspöhlers Ausführungen –

    Was traurig ist: trotzdessen mehrere Denker*innen nicht erst kürzlich auf unterschiedliche Weise ihre Gedanken in Bezug dieses Themas geäußert haben, scheinen wir immerwieder in der selben Geschichtsschleife zu landen.
    * Nietzsche hat indirekt daraufhin gewiesen, dass zu viel Leistungs-, Ordnungszwang (Apollinismus) die musisch, emotionale Seite des Menschen unterdrückt und sich diese gewaltsame Unterdrückung des Phantasievollen, des Weichen sich dann so unausgeglichen es vorher um sie bestellt war dann dementsprechend ebenso verschoben in der rauschhaften Extase des Krieges Bahn bricht. * Sigmund Freud hat darüber seine kulturkritischen Schriften verfasst.
    * Die Kritische Theorie hat in der über Jahrhunderte hinweg disziplinierten Obrigkeitshörigkeit und dadurch Entfremdung von sich selber des deutschen Volkes den Nationalsozialismus angelegt gesehen.

    Die Frage drängt sich auf: warum ist dem so? Warum, trotz eingehender Betrachtung dieses Problems des Kriegstaumels lässt sich der Krieg und damit einhergehende Begeisterung in der Masse dafür nicht überwinden?

    Ich komme von unten und weiß daher: oft kommen die Erkenntnisse solcher Damen und Herren nicht bei der Basis an. Warum? Weil zb die Lehrerschaft, aber auch Kulturschaffenden sie nicht an die breite Masse vermitteln und sich 1. lieber am konventionell Erwünschten orientiert und 2. auch eher für die sie rezipierenden Kreise denkt, schreibt. Man will nicht hervorstechen aus der mittelmäßigen Plattitüde und auch jene nicht verlieren, die einem das nicht wirklich Güter produzierende Kulturschaffen ermöglichen.

    So verharren aber letztlich unbeachtet auch jene, auf denen der meiste Druck lastet – die breite Masse der unteren Gesellschaftsschichten – in den überkommenen Wertesystemen, die unter anderem noch immer Kriegstreiberei befördern.
    Sie – die Massen – werden in Krisen einmal mehr anfällig für Populismus, weil bei ihnen eher immer der Zwang der Nachfolgeschaft eingeimpft präsent ist und dieser somit in Zeiten zunehmender existenzieller Nöte wieder reaktiviert werden, in der Hoffnung in seinen jeweiligen Nöten, wenigstens von den letzten die diese Schichten noch in ihren Diskursen ansprechen auch wirklich gesehen und repräsentiert zu werden. Das machen und nützen am ehesten Rechtspopulisten, sowie sonstige demokratiefeindliche Kräfte. UND so, um nicht zu langatmig zu werden landen wir erneut in der Misere.

    Dann setzen sich erschrockene Geisteswissenschaftlerinnen an einen Tisch und fragen ratlos:“Wie konnte das nur wieder geschehen?“
    Lesen Sie Gramsci.
    Geschrieben und gedacht wird immer eher für die Geldgeber. So verlieren aber jene, die zB humanistische Werte für erstrebenswert halten den Rückhalt der Meisten. Weil diese die längste Zeit aus den wohlfeilen Diskursen ausgeschlossen waren…

  3. Markus Schwarz

    Und in Bezug auf den sogenannten „toxischen“ Mann – selbst wenn Svenja sich gegen den Terminus verwehrt, aber nun kann ich nicht anders als nach Alternativen zu fragen.
    Ich entstamme aus einer hochtraumatisierenden Kindheit. Ich setzte meine Jugend quasi in Ermangelung des Zugangs zu einer Gruppe von Menschen, die sich in der Kultivierung von Sensibilität, noch advanceder: Sensitivität übt in einem gesellschaftlichen Milieu fort, die Härte, Panzerung des eigenen Selbstes erforderlich machte, um drastisch aber nicht überspitzt ausgedrückt vor die Hunde zu gehen.
    So, nun die Frage: wie sonst? Nehmen Sie Straßenkids, kleinkriminelle „Ghetto-youngster-gangsters“ bei sich auf im um diese besorgten Bestreben ihnen andere Werte zu vermitteln?
    Nein? Zu anstrengend, dem Ratschlag sich abzugrenzen, es gäbe ja professionelle Fachkräfte für solche Fälle, man sollte nicht zu sehr seinem Rettersyndrom nachgeben, folgend?
    Hier aber liegt die Krux begraben. Hier schreibt (nun etwas überspitzt) einer der wenigen „focaultschen, eigentlich zur Stummheit verdammten Wahnsinnigen“. Ich habe die seltene Abbiegung aus meiner Misere genommen und mir Bildung angeeignet.

    Aber entgegen des klassischen Humanismus, der meint Bildung würde befreien bin ich nicht glücklicher als zuvor. Im Gegenteil. Ich gehöre nun weder zur kultivierten Sphäre in der sie Raum, Zeit und auch Ressourcen dafür vorfinden solche gesellschaftlichen Probleme zu behandeln, UND ich gehöre ebenso nicht mehr zur Unterschicht, den die schreibt mich dem Bildungbürger*innenmilieu zu.

    Ich kann Ihnen eröffnen, wo es mangelt, was solche, Ihnen von der Universität her geläufigen Begriffe für jene bedeuten, die sie zwar nicht benennen können, ihnen aber ausgesetzt waren. Im gleichen Maße wie diese Menschen die bloßen Begriffe nicht kennen, so ist für Sie nicht im Entferntesten existenziell spürbar nachvollziehbar, wie sich zB psychosoziale Hintergründe, sozialer Zwang etc anfühlen.

    Sie meinen Männer, die sich in ihrer Maskulinität toxisch verhalten könnte man aufklären. Sie wissen aber nicht wie es jenen in ihren gesellschaftlichen Räumen ergehen würde, wenn sie wirklich beherzigen würden sich nicht nach dem Bild eines toxischen Mannes zu verhalten.

    Und das verbindet meinen ersten Kommentar mit der Aussage dieses Kommentars.
    Es hat wenig verwertbaren, nachhaltigen Impakt auf genau die Gesellschaftsschichten auf die es ankäme, wenn es darum geht nicht in Begeisterung für den Krieg auszubrechen, sich nicht toxisch zu verhalten, letztlich nicht die politischen Kräfte zu stärken, die Krieg befeuern solange Sie sich nur innerhalb Ihrer jeweiligen Gesellschaftssphären und auch nur über diese Themen unterhalten.

    Da ist den historisch, materialistischen Dialektikern nach wie vor Recht zu geben. Gesellschaftlicher Wandel muss auch praktisch umgesetzt und darf nicht nur intellektuell herbeigeschwafelt werden.

    Und jene, auf die es ankommt müssen diesen Impakt des Diakurses praktisch in ihren jeweiligen Leben, Existenzen spüren. ZB indem sie sich nicht nur als ohnmächtige Opfer von struktureller Ungerechtigkeit empfinden…

  4. Thomas Schneider

    Ein Polizeiforscher beobachtete vor einiger Zeit ebenfalls die Rückkehr des Kriegerarchetyps. Er sieht darin allerdings nicht eine Ursache zunehmender Gewalt, sondern deren Folge. In Krisensituationen neige der Mann offenbar dazu, auf dieses Archetyp zurückzugreifen, weil er es zur Bewältigung solcher Situationen brauche: https://renovatio.org/2021/11/die-rueckkehr-des-kriegers/

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