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Lesedauer: 4 Minuten

„Die Hölle, das sind die anderen.“ (Jean-Paul Sartre)

Drei Menschen in einem Raum

Jean-Paul Sartres Einakter „Geschlossene Gesellschaft“ (1944) ist ein Klassiker der existenzialistischen Literatur, aus dem vor allem ein Schlüsselsatz immer wieder zitiert wird: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Drei Menschen werden in einem Raum eingesperrt. Alle drei sind verstorben. Und ihnen ist schnell klar, dass sie in der Hölle sind. Zuerst sind sie erleichtert, keine Folterwerkzeuge oder ewiges Feuer vorzufinden. Dann werden ihnen ihre Umstände bewusst. Es gibt weder Tag noch Nacht. Sie haben auch keine Augenlider mehr. Sie können einander nicht entkommen. Und sie sehen einander als Menschen mit Vergangenheit und ohne Zukunft. Was wird diese Versuchsanordnung mit ihnen machen?

Ich im Blick der anderen

Der Journalist Garcin, die Postangestellte Ines und die wohlhabende Estelle erleben: Der Blick der anderen ist unentrinnbar. Zunächst versuchen sie, was man im Leben so tut: sie wollen den anderen ein Bild von sich selbst vermitteln, mit dem sie sich wohlfühlen. Der Journalist einer pazifistischen Zeitung, der im Widerstand von einem diktatorischen Regime ermordet wurde! Das Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das durch Liebe sozialen Aufstieg erfuhr!

Sie alle sehnen sich danach, sich selbst sehen zu dürfen im Spiegel der bewundernden Blicke der anderen.

Allein – wie schwer wird das in dieser Dreieckskonstellation! In einer Zweierkiste gelingt es ja bisweilen, dass man gemeinsam ein positives Bild von einander entwickelt und es auch schafft, daran zu glauben. Dem Blick eines Dritten hält so etwas oft nicht stand. Eltern mit Kindern in der Pubertät wissen das. Blicke können töten. Und angesichts solcher Blicke ist jeder Schritt in die Weite ein Atemzug Hoffnung, freundlichere und gerechtere Augen zu finden.

Die radikale Reduktion der Beziehungen verkleinert den Möglichkeitshorizont dessen, was wir sein könnten. Wer Du bist, hängt stark daran, wem du begegnest.

Jeder Tod nimmt uns nicht nur einen anderen Menschen, sondern auch den Teil in uns, der wir nur waren in der Beziehung zu diesem Gegenüber.

Die Hölle ist ein Lockdown

Bei den drei Eingeschlossenen zerbrechen nach und nach alle idealisierenden Bilder. Da war der Widerstandsheld doch nur ein Feigling, der auf der Flucht getötet wurde. Ein Mann, der für den Weltfrieden kämpfte und in seiner eigenen Familie Unfrieden stiftete. Da wird in der Sehnsucht der Frauen nach Liebe soviel Selbstsucht sichtbar. Und da war bei allen so viel Bedürfnis, gut angesehen zu werden – und sie waren nicht in der Lage, das Leid der Menschen in ihrer nächsten Nähe wahrzunehmen. Und so sehen sie nun einander und schlimmer: wissen, dass sie nun so gesehen werden. Die Hölle ist ein unendlicher Lockdown.

Tote Menschen

Nun hat Sartre sein Drama mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen, in dem er betont: Die Hölle, das sind die anderen – das ist ein Satz über tote Menschen.

Nun wissen wir über tote Menschen seit “The Sixth Sense” (1999): Davon gibt es mehr als man denkt. Vor allem mehr, als diese selbst ahnen.

Tote Menschen, das sind die festgefahrenen, unfreien Menschen, die von keiner Möglichkeit des Andersseins wissen. Dass die anderen die Hölle sind – ist die Quintessenz des unglücklichen Bewusstseins, das nicht herauskommt aus seinen Mustern, vor allem: aus seiner Abhängigkeit vom wohlwollenden Blick der anderen.

Optimistischer Pessimismus

Über Sartre heisst es nicht selten, dass er die altchristliche Erbsündenlehre ernster genommen habe als die meisten modernen Theolog*innen. Jean-Paul Sartre war aber auch ein optimistischer Philosoph in einem pessimistischen Schriftsteller. Sein existenzialistisches Credo lautete: Du bist nicht nur frei, du bist Freiheit. Du kannst nicht nur, du musst wählen: nicht nur was du tust, sondern wer du bist und was du wirst. Aber du bist nicht frei, über die Situation zu bestimmen, in der du wählst. Und jede Wahl ist eine Illusion, die sich über ihre Situation nicht klar wird. Und zu dieser Situation gehören immer auch die Blicke der anderen.

Dieser Alptraum ist nicht gänzlich ohne Hoffnung. Einmal blitzt diese Einsicht in Sartres Hölle auf: Vielleicht müssen wir nicht so sein, wie wir sind! Wir haben die Wahl, anders zu sein, uns selbst und einander anders anzusehen. Aber daraus wird nichts. Sie sind ja tot. Die Hoffnung gehört den Lebendigen.

Und der Himmel?

Dass es die Hölle gibt, ist in Sartres Welt sicher. Gibt es auch etwas anderes? So etwas wie einen Himmel? Was müsste man denken, wenn man die Erlösungshoffnung der Bibel so ernst nähme wie ihre Sünden- und Höllensicht?

Was wäre denn der Himmel? Eine offene Gesellschaft.

Wo ich angesehen bin nicht im Blick auf das, was ich wurde, sondern was ich werden könnte. Gespiegelt in einem Blick, der nicht reduziert oder festlegt. Ein Blick, in dem ich kein Lebender bin, der auf den Tod wartet, sondern ein Mensch, auf den das Leben wartet.

 

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