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Das heilige Experiment

In seltener Dichte rücken um das Jahr 1521 herum historisch und religionsgeschichtlich wirksam gewordene Ereignisse zusammen. Von August 1519 bis September 1522 umsegelte der portugiesische Seefahrer und Entdecker Fernando Magellan erstmals den Globus. Damit war der Beweis erbracht, dass die Welt kugelförmig ist. Der Antrieb zu der Reise war derselbe wie der zur Fahrt von Christoph Kolumbus 27 Jahre zuvor: nach Westen zu segeln, um in den Osten zu gelangen, zu den lukrativen «Gewürzinseln».

Am 17. April 1521 begegneten sich auf dem Reichstag zu Worms Kaiser Karl V. und Martin Luther. Der Kaiser berief sich auf die Tradition und katholische Wahrheit, der Mönch auf sein Gewissen und darauf, nicht anders zu können. (Siehe hierzu den Blogbeitrag von Stephan Jütte). Die Kluft war unüberbrückbar, die Folge eine tiefgreifende religiöse und spirituelle Erneuerung, aber auch Spaltung und Religionskriege.

Am 20. Mai 1521 ereignete sich eine, verglichen mit den genannten Ereignissen, zunächst rein privat erscheinende Tragödie: Einem jungen spanischen Krieger zertrümmerte bei der Verteidigung der Festung Pamplona eine feindliche Kanonenkugel das rechte Bein. Auch wenn wir mit hagiografischer Ausschmückung rechnen müssen, erscheint es einsichtig, dass ein derartiger Zwischenfall einen jungen Menschen nicht nur aufs Krankenlager, sondern auch aus der Bahn werfen kann.

Auf die Genesung des jungen Adligen, der als Ignatius von Loyola und Gründer des Jesuitenordens in die Geschichte einging, folgte etwas, das wir heute als «innere Auszeit» oder «Retreat» bezeichnen würden.

Der 30-Jährige verabschiedete sich von seinen bisherigen Ambitionen, verliess das Schloss seiner Eltern, pilgerte allein und anonym nach Manresa in die Nähe des Montserrat in Katalonien und verbrachte ein Jahr als Einsiedler. Er verfasste in dieser Zeit sein berühmtes Exerzitienbuch, das noch heute Grundlage für Exerzitien darstellt.

Innerer Kampf

In dem Buch beschreibt Ignatius als «Trost», «wenn in der Seele eine innere Bewegung sich verursacht, bei welcher die Seele in Liebe zu ihrem Schöpfer und Herrn zu entbrennen beginnt und sie demzufolge kein geschaffenes Ding auf dem Antlitz der Erde mehr in sich zu lieben vermag, es sei denn im Schöpfer ihrer aller.»

Aus einem ehrgeizigen jungen Krieger wurde ein tief demütiger Einsiedler. Ein faszinierendes Bekehrungserlebnis. Auffallend allerdings, dass der Kampf weiterging, nunmehr nach innen gerichtet: als strenges Läuterungsprogramm.

Ignatius von Loyola rang sich eine schier übermenschliche Haltung ab. Er nahm sich vor und riet anderen, «Gesundheit nicht mehr zu begehren als Krankheit, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Ehrlosigkeit, langes Leben nicht mehr als kurzes».

Im April 1539 legte Ignatius von Loyola gemeinsam mit Freunden das Fundament für einen neuen Orden, die «Gesellschaft Jesu». Als er 1556 starb, umfasste die Gemeinschaft weltweit mehr als tausend Mitglieder. Eine Besonderheit war neben der engen Bindung an den Papst das «weltweite Postulat».

Zu den faszinierenden Facetten des Ordensstifters gehört, dass er bereits so etwas wie eine Kommunikationstheorie grundlegte. Ein berühmtes Zitat lautet: «Die Liebe besteht in der Kommunikation von beiden Seiten, nämlich darin, dass der Liebende dem Geliebten gibt und mitteilt, was er hat, oder von dem, was er hat oder kann; und genauso umgekehrt der Geliebte dem Liebenden.» Dies gilt auch und gerade im interkulturellen Austausch.

Koloniale Matrix

Ein globaler Missionsanspruch mutet uns postkolonial Aufgeklärten höchst fragwürdig an und scheint jedenfalls weit entfernt von gegenwärtigen Bemühungen um interkulturellen Respekt, Differenzsensibilität und Ambiguitätstoleranz.

Ein solcher Anspruch scheint in direkter Linie zu stehen mit kolonisatorischen und imperialistischen Grossprojekten, deren Fundament die Nichtachtung anderer Kulturen, Religionen und Menschen darstellt.

Das ignatianische «Alles zur größeren Ehre Gottes» kann man auch als Drohung auffassen, so als wäre jedes Mittel Recht, um der Welt die «frohe Botschaft» aufzuzwingen. Eine moderne Variante: anderen mit Waffengewalt «die Demokratie bringen».

Wie viel komplizierter die Situation allerdings schon damals war, erkundete der österreichisch-schweizerische Dramatiker Fritz Hochwälder in seinem eindrucksvollen Theaterstück «Das heilige Experiment« aus dem Weltkriegsjahr 1942. In dem Drama des jüdischen Autors, der 1938 durch den Rhein schwimmend in die Schweiz geflohen war, geht es um die Vernichtung des Indioreservates der Jesuiten in Paraguay 1767 durch die spanischen Kolonisatoren.

Das »heilige Experiment«, die Errichtung eines sozial gerechten »Gottesstaates« auf Erden, der Menschen nicht versklavt, scheitert, weil er nicht in das politische Kalkül der Mächtigen passt.

1943 wurde das «Heilige Experiment», das dem untergegangenen Jesuitenstaat ein Denkmal setzte, am Theater Biel Solothurn uraufgeführt.

Informationen zum «Ignatianischen Jahr» gibt es hier.

Ignatius von Loyola (1491-1556), Altarbild «Gesù di Roma«, Copyright: SJ-Bild

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