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Lesedauer: 4 Minuten

«Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen.»

Heute vor 500 Jahren stand der damals schon populäre Mönch Martin Luther dem jungen und frisch gekrönten Kaiser Karl in Worms gegenüber. Karl ist alles fremd in Worms. Aufgewachsen ist er in den Niederlanden und verständigen kann er sich nur mit Hilfe von Dolmetschern. Dieser ganze Reichstag ist irgendwie aus dem Ruder gelaufen.

Karl hatte gehofft, in Worms binnen nützlicher Frist alle deutschen Fragen klären zu können, um rasch nach Spanien weiter reisen zu können.

Dort muss er sich dringend für die Auseinandersetzung mit Franz I., dem französischen König und Erzfeind wappnen. Aber schon früh zeigt sich, dass dieser Reichstag eine langwierige Sache wird. Es gibt unter den Teilnehmern zahlreiche Interessenskonflikte und die Verhandlungen über das Protokoll dauern ewig.

Kein Punkt auf der Traktandenliste

Luther war eigentlich gar nicht als eigener Punkt auf der langen Traktandenliste vorgesehen. Ein Kirchenbann hatte ihn wenige Wochen zuvor zum Ketzer erklärt. Durch eine Rechtsreform, die erst seit kurzem in Kraft stand, konnten Ketzer durch weltliche Autoritäten aber nicht mehr ohne eine kaiserliche Reichsacht verfolgt werden. Das wäre unter normalen Umständen ein kleiner administrativer Akt. Karl könnte eine Verordnung erlassen, Luther würde festgenommen und nach Rom überstellt. Normalerweise.

Aber es sind turbulente Zeiten. Dieser aufmüpfige Mönch ist bei der Bevölkerung, auch hier in Worms, äusserst beliebt. Überall zirkulieren seine Schriften in deutscher und in lateinischer Sprache. Und der Kurfürst Friedrich der Weise hat eine Opposition erfahrener und einflussreicher Fürsten organisiert, die sich dem Standardverfahren widersetzen.

Luther soll nicht verurteilt werden. Wenigstens nicht, ohne vorher Gehör zu finden.

Der junge Kaiser kann die Stimmungslage im Land und die Parteinahme der Reichsstände nicht ignorieren und sieht sich gezwungen Luther einzuladen. Er sichert ihm freies Geleit zu. Seine über 600 km lange Anreise wird zum Spektakel. In Worms empfangen ihn tausende jubelnde Fans.

Schwer verdaulich

Am 17. April kommt es zur Begegnung zwischen Kaiser Karl und Luther. Nicht am Reichstag selbst: Karl versucht unbedingt eine öffentliche Disputation zu vermeiden und empfängt Luther am Bischofssitz, in dem er während des Reichstags residiert. Luther geht es schlecht. Er leidet an Verstopfung und hat schlimme Bauchschmerzen. Ihm droht der Feuertod. Beinahe schüchtern bejaht er die erste Frage. Ja, diese vorliegenden Schriften habe er verfasst.

Der Aufforderung, seine Schriften zu widerrufen, kann er weder entsprechen noch sie ablehnen.

Er bittet um Bedenkzeit. Karl gewährt sie ihm. In dieser Zwischenzeit erhält Luther Besuch und Zuspruch durch manche Fürsten und Reichsritter und ihm wird bewusst, dass das Volk auf der Strasse an seinen Lippen hängt.

Tags darauf steht er wieder im Verhandlungssaal. Er lehnt ab zu widerrufen. Die berühmten Worte «Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen.» hat er nicht gesagt. Sie sind eine spätere Wittenberger Ergänzung. In Wirklichkeit äusserte er sich etwas ausführlicher:

«Ich kann und will nicht widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun. Es sei denn, dass ich mit Zeugnissen der Heiligen Schrift oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen widerlegt werde, denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilen allein, weil es offensichtlich ist, dass sie oft geirrt und sich selbst widersprochen haben. Gott helfe mir. Amen.»

Ein Türchen offen lassen

Ich finde die berühmtere Formulierung genial. Sie trifft in knappster Formulierung, dass hier einer steht, der nicht gegen sein Gewissen zu handeln bereit ist. Aber ich bin froh, dass sich Luther mehr Zeit genommen hat.

500 Jahre nach Worms wimmelt die Welt vor lauter Gewissensmenschen, die im Brustton der Überzeugung für ihre Wahrheit einstehen. All zu oft sind sie aber weder Reformatoren noch Prophetinnen, sondern schlicht schlecht informierte Zeitgenoss*innen, die in irgendeiner obskuren Youtube- oder Telegram-Bubble gefangen sind.

Wenn sie dann nur sagen: «Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.» gibt es wenig, was uns mit ihnen noch verbinden kann. Es wäre schön, würden sie sich – wie Luther – in all ihrer Überzeugung ein Türchen offenhalten, durch das eigene Fehlbarkeit denkbar bleibt. Sie könnten dann sagen: «Ich kann dir nicht einfach zustimmen, weil ich mich dann selbst belügen müsste. Aber wenn es so ist, dass gute Studien dir Recht geben oder du mir erklären kannst, wo ich falsch liege, so, dass ich es verstehe, bin ich bereit, meine Meinung zu revidieren. Aber nicht einfach weil alle das sagen. Viele haben sich auch immer wieder geirrt. Möge das bessere Argument gewinnen.»

Das wäre ein Anfang. Und der ist heute wohl wichtiger, als jeder einzelne Standpunkt.

 

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