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Lesedauer: 6 Minuten

Biohackers – und das Staunen vor dem Leben

Die Schöpfer von morgen

»Es ist eure Verantwortung, die Welt der Zukunft zu gestalten: Ihr seid die Schöpfer von morgen!« (Tanja Lorenz in »Biohackers«)

Die neue deutsche Serienproduktion »Biohackers« spart nicht mit pathetischen Momenten. Auch das obige Zitat stammt aus einer solchen bedeutungsschwangeren Szene ganz zu Beginn der ersten Episode. Tanja Lorenz, eine gefeierte Genforscherin und Biologieprofessorin, macht mit diesen Worten ihren neuen Studierenden im grossen Auditorium der Universität Freiburg das Gewicht ihres Faches klar: Die synthetische Biologie macht die Geschöpfe zu Schöpfern, die Sklaven genetischer Veranlagungen zu den Herren ihres Erbguts.

Auf die Rückfrage einer Studentin, was denn nun mit Gott sei, antwortet Lorenz mit flackernden Augen: »Ganz ehrlich… Wir machen Gott obsolet.«

Es ist dieser Moment, in dem die Rollen dieser Serie bereits verteilt werden. Jeder Zuschauerin wird sofort klar, dass solche menschliche Anmassung nicht gut ausgehen kann. Und so kommt es auch: »Biohackers« erzählt die Geschichte einer jungen Medizinstudentin namens Mia Akerlund, die als Hilfskraft von Tanja Lorenz dem dunklen Geheimnis ihrer Professorin auf die Spur kommt. Menschliche Abgründe tun sich auf, Mia bringt sich selbst in grosse Gefahr und führt mit ihrer Geschichte vor, wie schlecht dem Menschen die Rolle Gottes bekommt…

Moderne Errungenschaften

Im neusten Podcast von »PopcornCulture« unterhalte ich mich mit der deutschen Zeitgeistforscherin Kirstine Fratz über »Biohackers« und die Fragen, welche durch dieses Format angestossen werden. Denn so jugendlich-leichtfüssig die sechs Episoden der Serie auch daherkommen und so klischiert manche Charaktere auch geschnitzt sind:

Die Plausibilität der Hintergrundgeschichte hängt an aktuellen wissenschaftlichen Fortschritten, welche komplexe ethische, philosophische und theologische Herausforderungen generieren.

Der Molekularbiologe Ole Pless hat die Macher von »Biohackers« wissenschaftlich beraten. Natürlich gesteht er ein, dass vieles in der Serie aus dramaturgischen Gründen überspitzt und v.a. zeitlich verkürzt dargestellt wird. Er macht aber zugleich klar, wie fortgeschritten die Möglichkeiten synthetischer Biologie schon heute sind. Nicht nur »Spielereien« wie die Ausstattung von Mäusen mit einem aus Quallen gewonnenen fluoreszierenden Gen (Jasper, der Assistent von Tanja Lorenz, lässt in »Biohackers« leuchtende Nager durch die Unibibliothek rennen…) sind längst keine Zukunftsmusik mehr. Auch an Gentherapien zur Heilung von Erbkrankheiten wird heute intensiv geforscht.

Im Bereich des »Genome Engineering« – der gezielten Veränderung des Erbguts also – werden Pless’ Überzeugung nach die Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts entwickelt.

Vergöttlichte Menschen

An den kritischen Rückfragen, welche diese Höhenflüge wissenschaftlicher Entwicklung generieren, arbeitet sich auch »Biohackers« ab. Wenig subtil nennt sich das geheime Forschungsprojekt, das von Tanja Lorenz verantwortet wird, »Homo Deus« (soviel darf hier wohl verraten werden, auch wenn ich mir vorgenommen habe, diesen Artikel so Spoilerfrei wie möglich zu halten…): der Mensch, der sich selbst zu Gott macht.

Ja, das erinnert an den gleichnamigen Bestseller von Yuval Harari (»Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen«). Der israelische Universalhistoriker entfaltet in diesem Buch seine Zukunftsvision der Menschheit, in welcher unsere Spezies gewissermassen von ihren eigenen Errungenschaften überholt wird. Hararis Phantasie speist sich nicht nur aus den molekularbiologischen Fortschritten, sondern auch aus den informationstechnischen Revolutionen unserer Zeit. Auch er sieht ein Zeitalter anbrechen, welches Gott überflüssig macht und den Menschen selbst dem Glück der Unsterblichkeit näher bringt.

Weder Hararis »Geschichte von Morgen« noch »Biohackers« inspirieren freilich zum Fortschritts-Enthusiasmus. Vielmehr erheben beide Formate eine warnende Stimme: Wollen wir diese Zukunft wirklich?

Konservative Reflexe

Es liegt mir fern, solche Bedenken in den Wind zu schlagen. Ich gehöre auch und gerade im Blick auf die Möglichkeiten moderner Gentechnik sicher eher zu den »yes-buttern« als zu den »why-nottern« (auf gut Deutsch: zu jenen, die instinktiv »ja, aber…« anstatt »warum nicht?« denken). Das Gespräch mit Kirstine Fratz hat mich im Blick auf diesen konservativen Reflex allerdings ins Nachdenken gebracht. Er wird ja auch den Kirchen oft zugeschrieben, wenn sie sich angesichts wissenschaftlicher Fortschritte unmittelbar veranlasst fühlen, den prophetischen Mahnfinger zu erheben und vor den Gefahren des Missbrauchs zu warnen:

Was, wenn diese Technologien den »Falschen« in die Hände geraten? Was, wenn diese Möglichkeiten missbraucht werden, wenn dadurch Menschenleben nicht gerettet, sondern vielmehr gefährdet werden? Was, wenn solche vermeintlichen Errungenschaften eine unkontrollierbare Eigendynamik entwickeln?

Noch einmal: Wir können eben diesen Fragen je länger desto weniger entgehen. Wir müssen sie stellen – wir müssen aber auch darüber hinaus kommen. Nicht nur, weil die Rolle der Entwicklungsbremse ebenso undankbar wie aussichtslos ist. Sondern auch, weil sich die Zukunft nicht im Modus der Verhinderung gestalten lässt.

Es kann nicht darum gehen, den Zug so stark wie möglich zu verlangsamen, sondern darum, ihn in eine gesunde, menschenfreundliche, lebensförderliche Richtung zu lenken.

Neue Fragestellungen

Auch das Narrativ von »Biohackers« ist noch diesem konservativen Reflex verpflichtet, was sich am Charakter der Wissenschaftlerin Tanja Lorenz besonders klar ablesen lässt. In groben Zügen wird sie als typische Antagonistin gezeichnet: Sie vertritt das Kapital und strebt in ihrem Machthunger und ihrer Wissensgier gewissermaßen nach der Weltherrschaft. Von Anfang an erscheint sie kalt, herzlos. Sie ist bereit, für die Entwicklung ihrer Forschung buchstäblich über Leichen zu gehen und scheint den Respekt vor dem Leben längst verloren zu haben.

Zu Recht fragt Kirstine Fratz in unserem Gespräch zurück: Hätte man diese Figur nicht auch ganz anders ausmalen können? Warum eigentlich wird Tanja Lorenz in »Biohackers« keine Seele gegeben? War es unvermeidlich, ihr jene klassische Rolle des egomanischen Genies auf den Leib zu schreiben, der Menschlichkeit fast völlig abgeht?

Und auf uns selbst gewendet: Warum liegen auch uns die kritischen Fragen meist näher als die verheißungsvollen?

Könnte man im Blick auf wissenschaftliche Bestrebungen und technologische Durchbrüche nicht genauso gut fragen: »Was, wenn es denn richtigen Leuten in die Hände gerät? Was, wenn Menschen mit Herz und Seele diese Möglichkeiten nutzen und in den Dienst der Allgemeinheit stellen?«

Aufgeklärtes Staunen

Wenn diese positiven Fragen nicht einfach Ausdruck einer naiven Wissenschaftsgläubigkeit oder eines ungerechtfertigten anthropologischen Optimismus sein sollen, dann dürfen wir als Gesellschaft etwas Entscheidendes nicht verlieren. Ich möchte es einmal die Achtung vor dem Wunder des Lebens nennen. Die Hauptdarstellerin Mia Akerlund in »Biohackers« hat sich diese Eigenschaft offensichtlich bewahrt – sie wird aber etwa auch in einem Interview mit dem erwähnten Molekularbiologen Ole Pless greifbar. Voller Bewunderung kann dieser klarstellen, dass die DNA in den menschlichen Zellen so viel Speicherkapazität habe, dass alle Spielfilme des 21. Jahrhunderts drei Milliarden (!) mal darin abgelegt werden könnten.

Denn es ist ja mitnichten der Fall, dass die wissenschaftlichen Fortschritte unserer Zeit dazu führen müssen, den Respekt vor der Natur und das Staunen vor dem Leben zu verlieren. Im Gegenteil:

Je weiter wir in die Geheimnisse unseres Planeten vordringen und die tieferen Zusammenhänge unserer Existenz aufdecken, desto mehr Grund gewinnen wir, über das Wunder des Lebens zu staunen und seine Heiligkeit anzuerkennen. Dazu muss man nicht mal religiös sein.

[Hör dir hier mein Gespräch mit Kirstine Fratz zur Serie »Biohackers« an…]

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1 Kommentar zu „Biohackers – und das Staunen vor dem Leben“

  1. Update, ok.

    Gedanken, vielleicht wirre Gedanken:

    Ihr Lieben, im Grunde ist das alles, liebevoll gesagt, ein alter Hut. – Ziemlich am Ende hat mich Kirstine Fraz wirklich tief berührt.

    Der gesamte kulturelle Wandel, die gesamten wissenschaftlich- ich sage- technischen Entwicklungen begannen bereits in der Antike.

    Die erste Blinddarmoperation wurde noch ohne wirkliche Betäubung durchgeführt. Aber sie war Fortschritt.

    Mein bester Freund und ich sinnieren des öfteren darüber, wie es wohl wäre, erst in 500 Jahren geboren zu sein. Nur das Gehirn wäre dann noch original.

    Ich sehe im Thema erstmal keinerlei Zusammenhänge zur Gottesfrage.

    Was wir bisher gut fertig bringen, ist ein Klonen. Wir können ein Kalb klonen. Entscheidend ist, wir kopieren. Wir können nichts aus der Asche neu erfinden. Bisher nichts. Gar nichts. Wir können bestenfalls nur andocken an das was ist. Wir können Vorhandenes kopieren.
    Mit 3D-Druckern.
    Wir können Gliedmaßen mechanisch ersetzen.

    Wir können uns auf den Kopf stellen. Für den Urknall brauchen wir Gott. Oder findet ein Urknall aus sich selbst heraus statt?
    Abkürzung; Peinlich: Wer hat Gott erschaffen?

    Sprich: Entwicklung in allen Bereichen findet statt.

    Im Gespräch kam die Frage auf nach Moral und Ethik. Was ist das? Irgendwie göttlich gut!

    Wieviele misslungene Tests sind nötig, um ein “optimiertes” menschliches Duplikat schmerzfrei zu erschaffen? Wahrscheinlich unzählige.

    Da stört was Entscheidendes. Das erforderliche und FÜHLENDE Hirn. Sind schlussendlich positive Gefühle mechanisch-chemisch aus dem Nichts generierbar? Vielleicht. Jedenfalls das Ende der Freiheit! Eine Farce.

    Die Schnittstelle zwischen ein paar Hirnzellenklumpen und Geist ist entscheidend.

    Und darin liegt für mich der Gottesbeweis, oder bescheiden ausgedrückt: Die zugehörige Hoffnung.

    Jeder Mensch spürt und weiß, was Schmerz und auch, was Freude und Wohlergehen ist. Ein “Natur”gesetz.

    Wir wissen nicht, woher es kommt und warum es so ist. Es ist.

    Ich habe einen Gottesbeweis: Ich bin. Ich reflektiere mich ausschließlich im Du. Ich brauche Gemeinschaft. Drei Tage nach meinem Blick der Welt ohne Gemeinschaft bin ich bereits tot …. ohne diese Gemeinschaft.

    Mein und jeder (menschliche) Geist ist transzendent. Jedoch existent!

    Ich schließe daraus: Da ist etwas. Etwas Geheimnisvolles.

    Der junge Mann aus Nazareth spielt mit diesen Gedanken. Er versteht etwas von Schmerz und Freude. Und er beschwört diese Freude…..und gibt sich dafür hin.

    Ich will mich dafür hingeben.
    In meinem Schmerz….

    Sprich mit mir. Helf’ mir.

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