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Lesedauer: 3 Minuten

Kniend im Salento

Die Sonne ist eine Kugel, die auf der Meeresoberfläche flimmert. Sie schmilzt wie Orangen-Eis dahin. Im Himmel gibt es nur ein paar dünne Wolken, die Abendluft ist nun angenehm frisch. Wir trinken Bier und Aranciata, essen Taralli und Chips, bevor es hier im Salento richtig dunkel wird.

Wir sind praktisch allein. Die Familien haben sich in ihren Ferienwohnungen zurückgezogen, die Jugendlichen kommen erst viel später, um zu feiern. Wir geniessen die Ruhe und die Abenddämmerung. Als wir im kleinen Restaurant etwas fürs Abendessen bestellen möchten, sagt uns die Geschäftsführerin, sie würde ab September nur mittags kochen.

Der betende Mann

Wir müssen eine Alternative finden. Wir zahlen und stehen auf, unsere Tochter an meiner Hand. Im angrenzenden Pinienwald, der tagsüber als Parkplatz dient, kniet ein Mann auf einem kleinen Teppich, das Meer im Rücken. Unsere Tochter fragt nach, was der Mann gerade macht.

«Ich gehe davon aus, dass er betet», antworte ich und gleichzeitig denke ich, wieso der Betende sich doch nicht lieber die Sonne anschaut. Der Mann ist ganz in Weiss gekleidet und hat einen langen, grauen Bart. An seiner Seite ist ein Kleidersack.

Der blutende Mann

Das Beten ist diese Woche schon zum zweiten Mal Thema. Ein paar Tage früher hatten wir die schöne Kirche von San Giorgio in Locorotondo besucht. Ich betrete im Sommer die Kirchen und Kathedralen nicht nur der Schönheit und Besinnlichkeit wegen, sondern auch, weil es dort drinnen angenehm kühl ist.

Unsere 3-jährige Tochter wollte in der Kirche von uns wissen, wieso der Mann verletzt sei und aus den Beinen blute und zeigte auf einer Holzskulptur mit einem Jesus am Kreuz.

Meine Erklärung auf dem Vorplatz der Kirche hat sich in die Länge gezogen, ich glaube kaum, zufriedenstellende Antworten auf ihre Fragen geliefert zu haben.

Als sie am Abend vor dem Einschlafen nach dem blutenden Jesus gefragt hat, haben wir das erste Mal gemeinsam «gebetet». Das Beten war eine Mischung aus Dankbarkeit für den schönen Tag, das Bedauern, dass der Mann in der Kirche blutete und das Hoffen, dass irgendjemand doch irgendwann seine Wunden heilt…

Der ergriffene Mann

Zurück im Pinienwald schauen wir dem Mann zu, der sich rhythmisch bewegt. Er ist konzentriert und achtet kaum auf uns. Nach dem ersten überheblichen Gedanken («Wieso betet er in Richtung Mekka anstatt sich die wunderbare Sonne anzuschauen») folgen Gefühle, die ich kaum voneinander unterscheiden kann.

Ich schäme mich für meine Selbstgefälligkeit. Den Mann hatte ich wahrscheinlich schon tagsüber gesehen. Vielleicht hatte er am Strand Kleider oder Tücher verkauft. Da praktisch alle zehn Minuten jemand vorbeikommt, ist es für mich schwierig, den Überblick zu behalten. Der Betende berührt mit dem Kopf den Teppich, und ich bin von diesem Ritual ergriffen.

Mit dieser Berührung verbindet er sich nicht nur mit seinem Glauben, sondern vielleicht auch mit seiner Familie, denke ich. Und bin gerührt. Gleichzeitig frage ich mich, wieso ich das Beten nicht (mehr) in meinem Leben ritualisiert habe. Ich habe keine schlüssige Antwort. Aber ich fühle mich irgendwie nackt, als hätte ich irgendetwas verloren.

Als ich am Vormittag auf dem Liegestuhl lag und er vorbeigekommen war, hatte ich ihm kaum Beachtung geschenkt. Jetzt, in diesem Moment, bewegt mich die Würde, die dieser betende Mann ausstrahlt. Und obwohl er kniet, überragt er mich sanft.

 

Photo by Jeremy Yap on Unsplash

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