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Lesedauer: 4 Minuten

Armer Eros

Corona ist ein Lustkiller! Keine Frage. Beziehungen befinden sich im Standby Modus. Räume sind geschrumpft. Begegnungsorte weggebrochen. Wenn wir auf die Strasse müssen, machen wir uns inzwischen automatisch klein. Wir huschen möglichst unsichtbar und mit Sicherheitsabstand an Leuten vorbei, die sich ihrerseits wegducken. Wegducken ist die neue Höflichkeit.

«Hast Du Lust?» Diese Frage ist in Zeiten wie diesen eine ungeheuerliche Frage, eine unverschämte sogar; eine Frage die Melancholie provoziert, Sentimentalität, traurige Träume, bange Sehnsucht, leise Verzweiflung, Ärger auch.»

Festival im Taschenformat

Im Frühjahr, also bereits in der Pandemiezeit, haben die Organisatoren des Zürcher Philosophiefestivals genau diese Frage zum Motto der diesjährigen Ausgabe gemacht. «Wir haben uns bewusst dafür entschieden einen Kontrapunkt zum Corona-Blues zu setzen», sagt Festivalleiter Urs Siegfried.

Auch für das Philosophiefestival haben sich Räume dramatisch verengt. Aber immerhin konnte es stattfinden, wenn auch nur digital. Es war eine Ausgabe gewissermassen im Taschenformat. Wer Lust hatte, konnte die Vorträge, Diskussionen und Slams zum Thema Lust und Begehren mit aufs Sofa oder ins Bett nehmen.

«Gespenstische Rekodierung und Verbürgerlichung», «erzwungene Verhäuslichung», «Spiessigkeit»: mit diesen Attributen belegte Carolin Emcke in ihrem Eröffnungsvortrag das durch Pandemie und Regierungsmassnahmen verursachte neue Biedermeier. Die streitbare Philosophin, Autorin und Friedenpreisträgerin des Deutschen Buchhandels war per Zoom aus Ihrem Homeoffice dazu geschaltet, während die Festivalmoderator*innen in Zürich vor leeren Zuschauerrängen sprachen.

Sogar Filme lösen soziophobe Ängste aus

«Hast Du Lust? Diese Frage wird uns gerade aberzogen», sagt Emcke und fährt sich durchs kurz geschnittene Haar. Erstaunlich schnell seien Körpertechniken und Blickregime umgestellt worden und Konditionierungen ins Unbewusste übergegangen. Die Philosophin nimmt sich hierbei nicht aus.

«Sogar Filmbilder von Menschen, die sich berühren, lösen bei mir inzwischen soziophobe Ängste aus. Eine automatische Zensur ist in uns aktiviert.»

Dabei hält Emcke die staatlichen Massnahmen nicht für übertrieben. Manches hätte aus ihrer Sicht sogar «früher, schneller und nachhaltiger» geschehen sollen. «Man kann aber Massnahmen unterstützen und gleichzeitig besorgt sein, beispielsweise darüber, dass wir die Regime der Angst nicht so einfach wieder aus unseren Körpern herausziehen können.»

Spaziergehfreunde und Darkroomfreunde

Zu den überraschenden Einsichten der zurückliegenden Monate gehört für die Philosophin, wie eng Menschen mit Orten und Ritualen verbunden sind:

«Wenn Bedingungen der Begegnungen verändert werden, wirkt sich das auch auf Beziehungen aus. Mit manchen Leuten will ich mich nicht zum Spazierengehen treffen! Die will ich in einem Club oder in einer abgefuckten Bar treffen.»

Mit den Räumen seien nicht nur Freizeitmöglichkeiten, sondern auch Voraussetzungen demokratischer Willensbildung geschwunden. Die Hoffnung, dass sich im digitalen Raum Begegnungsorte analog den Salons des 18. Jahrhunderts bilden würden, sei naiv gewesen, meint die Kämpferin für LGBT-Rechte. Das Netz sei eher ein Raum der «demokratischen Unwillensbekundung. Selbst Räume, die erkämpft worden sind, müssen inzwischen wieder verteidigt werden.»

Selbstkontrolle, Selbstsorge und Altruismus helfen

Katharina Bernecker vom Psychologischen Institut der Universität Zürich forscht zu  Selbstkontrolle und Selbstsorge. Sie erklärte bei einem anderen Festivalschwerpunkt, wie man aus ihrer Sicht als Individuum Krisen meistern kann: durch vorausschauende Kontrolliertheit plus Selbstsorge.

Selbstkontrolle könne helfen, Schweres nicht noch schwerer zu nehmen. Vorausschauende Individuen konzentrieren sich nicht auf unlösbare Probleme, sondern auf lösbare. Damit die psychische Gesundheit nicht schaden nehme, sei es gleichzeitig aber notwendig, «sich von Langzeitsorge auch wieder zu lösen und einfach im Hier und Jetzt zu sein».Der Philosoph Stefan Riedener (Universität Zürich) hat über das Thema moralische Ungewissheit promoviert. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich das Gefühl von Zufriedenheit und Sinn im Leben weniger durch Selbstsorge als durch Altruismus einstellt. Als Mitglied von givingwhatwecan.org hat er das Versprechen abgegeben, bis ans Lebensende mindestens zehn Prozent seines Einkommens für die Bekämpfung der globalen Armut zu spenden. Die persönliche Begegnung in Oxford mit Mitarbeiter*innen der Organisation hat für ihn den Ausschlag gegeben. «Es war dann gar nicht schwer, sondern fühlte sich einfach richtig an.»

Das Zürcher Philosophiefestival dauerte vom 14.-16. Januar. Alle Beiträge waren in diesem Jahr kostenlos über Internetdienste zugänglich. Laut Organisatoren haben an der digitalen Eröffnungsveranstaltung fünfmal so viele Zuhörer teilgenommen wie in Vorjahren, insgesamt 1300; und der «Virtuelle Kosmos» zählte 17 000 Aufrufe. Die Beiträge sind noch für eine Weile im Festivalarchiv auf Youtube abrufbar. Die Festivalleitung möchte nach der Pandemie aber wieder zum analogen Format zurückkehren, zur bewährten «Mensch-zu-Mensch-Begegnung».

 

Bild: Maria Brunner

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