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 Lesedauer: 6 Minuten

Anselm Grün: «Die ersten Bücher schrieb ich für mich»

Im Seelsorgezimmer mit Anselm Grün

In Momenten erster Begegnung entsteht manchmal eine Art Vakuum, eine Unklarheit, ob sich zwei begegnen können oder der Kontakt oberflächlich bleiben wird. In das Vakuum hinein spreche ich ein paar Floskeln.

Anselm Grün benutzt keine Floskeln. Er erscheint einfach und ist da.

Da sitzen wir nun. Pater Anselm auf einem lila Sofa mit einem Schutzengelkissen und ich ihm gegenüber. Durch buschige Augenbrauen blitzen mich auffallend wache Augen an, gespannt, abwartend, was folgt.

Wie macht er das?

Ich schlage vor, über das Thema Mission zu sprechen. In der Vorbereitung auf das Gespräch mit ihm rückte dieses Thema zunehmend in den Vordergrund. Ich fragte mich aber auch, wie er es schafft, so viele Bücher zu schreiben? Macht er das überhaupt (allein)? Gibt es diese Figur Anselm Grün überhaupt? Oder handelt es sich um einen Avatar? Werde ich im Kloster auf eine Schreibfabrik aus Ghostwritern stossen?

Nach meinem Besuch in seiner Abtei, die hinter unterfränkischen Dörfern mit Namen wie Dettelbach, Schnepfenbach oder Brück am Viehgaben liegt, kann ich bezeugen: Grün ist real! Und einen Grossteil der Schreibarbeit bewältigt er offenbar tatsächlich selbst. Der 78-Jährige findet sogar noch Zeit, sich an Samstagen hinzusetzen und der «lieben Instagram-Gemeinde» im Bloggerstil mitzuteilen, was ihn gerade bewegt.

Was sind Missionsbenediktiner?

Auf der Homepage seines Klosters, der Abtei Münsterschwarzach nahe Würzburg, begegnet der Ausdruck «Missionbenediktiner». In verschiedenen Ecken trifft man auf Zeugnisse aussereuropäischer Kunst und Kultur. In der Klosterkirche fallen beispielsweise ein grosser Kerzenständer und ein Ambo (Buchständer) im afrikanischen Design auf. Gleichzeitig mit mir ist eine Gruppe afrikanischer Schulkinder zu Besuch.

Was sind Missionsbenediktiner? Ist es nicht ein Widerspruch, in fremde Länder und Kontinente zu ziehen, wo doch der älteste Orden der Christenheit die «Stabilitas» hochhält: die Beständigkeit in der Gemeinschaft, aber auch an einem Ort?

Gründung eines Schweizers

Die Abtei Münsterschwarzach, wo Anselm Grün seit seiner Jugend lebt, gehört der Kongregation Sankt Ottilien nahe München an. Diese wurde 1884 von dem Schweizer Benediktiner und Künstler Andreas Amrhein gegründet. Söhne von Bauern und Handwerkern aus Bayern und Franken, aber auch der Schweiz wurden ins damalige Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und bald auch nach Südkorea und Südamerika geschickt, um dort Missionsstationen und Klöster aufzubauen.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Missionslaufbahn in der katholischen wie auch der evangelischen Kirche vor allem für Angehörige ärmerer Familien attraktiv.

Anselm Grün wurde 1945 geboren. Mit 19 Jahren trat er in den Benediktinerorden ein, also Mitte der 1960er-Jahre. Grün erzählte mir bei unserer Begegnung, dass in den 1950er-Jahren Lichtbildervorträge von Missionaren auf Heimaturlaub grosse Faszination ausgeübt hätten, auch auf ihn.

Durch seinen Onkel, der selbst Missionsbenediktiner der Abtei Münsterschwarzach war, ist er schon als Kind mit der Welt der Mission in Berührung gekommen. Der Ruf der weiten Welt sei für ihn als junger Mensch schon ein grosser Anziehungspunkt gewesen, sagte mir Anselm Grün:

«Vor dem Abitur habe ich lange gezögert, ob ich eintreten soll. Die Gemeinschaft selbst ist mir etwas zu eng vorgekommen. Aber die Faszination für Asien war schon ein Grund einzutreten.»

Pater Anselms Mission

Er wollte «in einer anderen Sprache und Kultur die christliche Botschaft verkünden.» In den 1960er-Jahren, in der Phase der Dekolonisation, aber zerbröckelten geschönte Bilder der Überbringung «Froher Botschaft» durch das missionarische Christentum. Lichtbildervorträge der Missionare waren ein Medium zur Spendeneinwerbung und Gewinnung junger Menschen für die Missionsarbeit gewesen.

«Wir merkten, dass die Realität doch anders war, als es in Lichtbildervorträgen über Missionsarbeit dargestellt wurde.»

Anselm Grün ging schlussendlich nicht nach Asien, sondern wurde ein Missionar im eigenen Land und in der Welt des Gedruckten. Mit seinen Büchern erreicht er aber auch viele Leser:innen in anderen Weltgegenden, Menschen mit und ohne Bekenntnisse. Anselm Grün sagt:

«Ich ärgere mich, wenn Priester sagen: ‹Die Menschen glauben nicht mehr.› Dann sage ich ihnen: ‹Du glaubst nicht an die Sehnsucht der Menschen!›»

Über 50 seiner Bücher sind ins Chinesische übersetzt worden und allein in Brasilien wurden bislang etwa zwei Millionen Bücher von ihm verkauft.

Anselm Grün wird als Autor mit Mission, aber ohne missionarische Attitüde wahrgenommen.

Bewunderung für Asien und asiatische Spiritualität ist deutlich zu spüren, aber auch für Afrika. «Wir haben viel von den Afrikanern gelernt.» Selbstkritisch merkt Anselm Grün an, dass nach einer ersten Aufarbeitungswelle in den 1960er-Jahren das Thema der fatalen Verquickung von Kolonialismus und Mission kirchlicherseits in den Hintergrund getreten sei.

«Wir haben zu wenig geforscht und wissen zu wenig über die Frühphase der Missionierung.»

Fast 70 000 Follower:innen auf Instagram

Anselm Grün verriet mir, dass er in jungen Jahren eine tiefe Lebenskrise hatte. Er habe gezweifelt, sei schüchtern gewesen, sein Selbstbewusstsein sei schwach gewesen und er habe nicht gedacht, dass sein Leben eine sinnvolle Wendung nehmen würde.

«Die ersten Bücher habe ich für mich selbst geschrieben, um mich zu orientieren.»

Die Auflagenhöhe seiner Bücher ist mittlerweile astronomisch, er hat selbst den Überblick über die Zahl von ihm verfasster Bücher wie auch die Gesamtauflage verloren.

Mit grob geschätzt 20 Millionen verkaufter Bücher gilt Anselm Grün als erfolgreichster deutschsprachiger Autor religiöser und spiritueller Werke.

Selbst Leute, die keinen Draht zu Religion haben, erzählen mir, sie hätten Bücher von Anselm Grün gelesen. Inzwischen zählt er auch noch zu den erfolgreichen Internet-Influencern im religiös-spirituellen Bereich: mit inzwischen knapp 70 000 Instagram-Follower:innen, die ihn täglich mit Likes und Herzen überschütten. «Das ist ganz erstaunlich», sagt er ehrlich verwundert. Seine Nichte habe ihn überredet, auf Instagram zu gehen und ihm einen Account eingerichtet.

Distanzierungstechniken

Die Gefahr, sich im Internet und in Social Media zu verlieren, ist im Kloster gering. Smartphones werden dort nicht gern gesehen. An machen Stellen ist das Netzwerk instabil. Fünf Mal am Tag gibt es für die Mönche obligatorische Gebetszeiten, wo sie alles liegen und stehen lassen und in die Kirche eilen. So wird gemäss der über 1000 Jahre alten Mönchsregel immer wieder Distanz zu Alltagsverrichtungen aufgebaut.

In Erinnerung bleiben wird mir …

… wie etwa vierzig schwarz gekleidete Mönche sich zu den Gebetszeiten – Morgenhore um 5, Konventamt, Mittagshore, Vesper und um 19.30 Uhr Komplet – im Chorgestühl der riesigen Klosterkirche einfinden und Pater Anselm zwischen ihnen fast schmächtig wirkt. Sein weisser Bart aber ist der längste. Aus der Ferne erinnert er mich an Dumbledore.

Während manche seiner Mitbrüder über den Steinboden schlurfen, verrät sein Schritt sanfte Entschlossenheit. In uralten Wechselgesängen mit ausgedehnten Atempausen dazwischen (ähnlich wie bei OM-Gesängen) ist der Autor von «Der Himmel beginnt in dir» spürbar in seinem Element. Vor allem die gregorianischen Gesänge lassen einen die Zeit vergessen und vermitteln einen Eindruck von Ewigkeit als Gegenwart.

 

Musik im Podcast: «Rites», Kevin MacLeod (incompetech.com). Licensed under Creative Commons: By Attribution 4.0 License http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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1 Kommentar zu „Anselm Grün: «Die ersten Bücher schrieb ich für mich»“

  1. Jürgen Friedrich

    LEBEN — denkt der Mensch beschränkt,
    das Leben sei ihm ja geschenkt.
    Dieser Irrtum wird verziehen,
    wenn du einsiehst: NUR GELIEHEN.

    So kurz und knapp liefert ein Vier-Zeiler die Wahrheit, an der ein Anselm Grün bislang bisher vorbei schrieb.

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