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«Missionsbefehl»: Muss ich anderen von Gott erzählen?

Was ist das Wort, das im Zusammenhang mit dem Christentum am meisten umstritten ist? Mission.

Es ist eine Hassliebe – man fühlt sich verpflichtet, anderen Menschen von Gott zu erzählen. Aber als ich ein bisschen auf Instagram herumgefragt habe, kam heraus, dass sich die meisten Leute damit nicht so wohl fühlen.

Es ist etwas Persönliches, aber man wird schnell in eine Schublade gesteckt.

Und Mission hat heute auch einen kolonialen und übergriffigen Beigeschmack. Das macht es noch schwieriger, das richtige Wort zu finden und den richtigen Zeitpunkt.

Also einfach den Glauben Privatsache sein lassen. Aber das geht ja auch nicht, irgendwie gibt es schon so etwas wie ein Pflichtgefühl.

In der Bibel heisst es immer wieder, man solle weitererzählen, wie gut Gott ist. Und dann der Missionsbefehl und so weiter. Das Neue Testament dreht sich zu einem grossen Teil darum, wie sich der christliche Glaube verbreitet.

Was ist Mission – und was nicht?

Ich bleibe glaube gerade bei dem sogenannten Missionsbefehl. Das ist ein kurzer Text ganz am Schluss des Matthäus-Evangeliums (Mt 28,19f). Wenn man dort genau hinschaut, wird klarer, was Mission ist. Und was nicht!

«Mission» bedeutet vom Wort her einfach «Auftrag», und das ist das, worum es dort geht: Die Situation ist quasi kurz bevor Jesus von dieser Welt verschwunden ist, und er sagt seinen Jüngerinnen und Jüngern, was sie jetzt tun sollen.

Und zwar sollen sie das Christentum verbreiten. Nein, genau das steht eben nicht dort.

Das Christentum gab es damals genau genommen noch gar nicht, Jesus wollte ja keine neue Religion gründen. Sondern was er seinen Freunden und Freundinnen sagt, ist, sie sollen anderen das beibringen, was sie selbst von ihm gelernt haben.

Doch was ist das?

Wir blättern ein paar Seiten zurück

Wenn man zurückblättert in dieser Geschichte, in der Jesus mit den Leuten unterwegs ist, gibt es ganz viele Dinge, die er ihnen beibringen wollte. Wenn man im Matthäusevangelium bleibt, kommt man etwa zur berühmten Bergpredigt.

Dort weist Jesus die Zuhörenden an, dass sie sich für Gerechtigkeit einsetzen und sich um Leute kümmern sollen, die zu wenig zum Leben haben oder denen es nicht gut geht. Dass sie mit anderen teilen und Gott vertrauen sollen, dass sie selbst nicht zu kurz kommen.

Jesus hat diejenigen aus dem Tempel gejagt, die mit Religion Geld machen wollten.

Und dafür hat er den Menschen gesagt – und vor allem gezeigt –, dass sie einfach in die Liebe Gottes eintauchen und bei Gott ankommen können.

Der Auftrag ist also, dass wir das – Teil 1 – selbst immer mehr lernen. Dass wir zu Gott kommen dürfen, jederzeit, so wie wir gerade sind. Und dann Teil 2, dass auch andere dieses Vertrauen aufbauen können.

Dass wir sorgfältig mit uns und mit den anderen umgehen, weil wir wissen, dass wir alle gleich angenommen sind. Und wenn wir das für uns leben, zieht das Kreise und geht weiter. Mit und ohne Worte. Aber vor allem ohne Druck.

In Verbundenheit leben

Übrigens sind viele irgendwo daran, dass die Welt himmlischer wird. Der Auftrag, die Mission kann also auch bedeuten, voneinander zu lernen, wie wir diese Verbundenheit leben können. Dass Gott einem im Gespräch mit anderen Menschen begegnen kann.

Jetzt sind wir ganz woanders als bei diesen typischen «Vorlagen» von Mission: Den Sätzen, die lauten, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei und dass mein Gegenüber ihn als Retter und Erlöser annehmen soll usw.

Für mich klingen diese Sätze wie auswendig gelernt. Ich frage sehr gerne zurück, was das eigentlich genau bedeutet, wenn jemand so spricht, weil das für mich so fremd ist. Und da wird es dann interessant.

Es geht darum, dass man versucht auszudrücken, was einem der Glaube an Gott eigentlich bedeutet.

Manche überlegen sich das gar nie ausserhalb dieser frommen Floskeln – doch erst dann wird es persönlich und echt. Denn dann geht es nicht darum, dass man andere überzeugen will, sondern dass man erzählt, was einen trägt.

Kein missionarisches VIP-Programm

Und – surprise, surprise: Man landet trotzdem wieder bei dieser Liebe Gottes, in die man eintauchen und bei der man ankommen kann.

So kann man dies aber leicht in ein Gespräch einfliessen lassen, wenn es passt. Und es kommt mitten aus dem Leben und ist kein missionarisches «7-Punkte-Programm».

14 Kommentare zu „«Missionsbefehl»: Muss ich anderen von Gott erzählen?“

  1. Einfach Grossartig liebe Evelyne
    Herzlichen Dank für Deinen so ermutigenden Podcast.
    Ich könnte Bücher schreiben über diesen wie Du so schön beschreibst Druck…. ich habe soviel darunter gelitten… als eher hochsensibler Mensch…
    und wie ich seit ca 2 Jahren eine ja ist so ein Modewort „Destruktion“ des Glaubens durchgemacht habe….
    ich erlebe jeden Tag als eine grosse Herausforderung, aber eben in den letzten 2 Jahren erlebe ich Gott einfach ganz anders und viel befreiter, ich habe ein anderes Gottesbild erhalten dürfen, für mich ein so grosses Geschenk und ich bin einfach so dankbar für so Menschen, Frauen und Männer wie Du Evelyne, das ganze REFLAB-Team – IHR seid so ein Segen für VIELE…
    wo so ohne Druck mit soviel Liebe und Herz Ihre Gedanken weitergeben.
    Herzlichen Dank
    liäbi grüessli
    Christoph

    1. Hallo Christoph,
      es ist so schön, wenn jemand von befreitem Glauben spricht.
      Ich bin in zur Zeit in meinen Zwängen so gefangen und es quält mich Tag für Tag.
      Wie schafft man es zu dieser Befreiung. Magst Du mal erzählen?
      Liebe Grüße Jürgen

  2. Also der Missionsbefehl lautet ja:

    „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, 20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

    Durchaus missionarisch gemeint.

    Aber ich denke auch, dass das jeder für sich selbst und auch der Situation entsprechend entscheiden darf und kann, ob oder wie er damit umgeht.

  3. Rette sich wer kann …, wo die eigene Tradition (von ‚Neufrommen‘) nur noch als Karikatur dargestellt werden kann, und man sich als Betroffener vor schiefe Alternativen gesetzt findet (O-Ton: „ist kein missionarisches «7-Punkte-Programm»“ – „Denn dann geht es nicht darum, dass man andere überzeugen will, sondern dass man erzählt, was einen trägt.“)!

    (1) „doch erst dann wird es persönlich und echt“
    (2) „Und es kommt mitten aus dem Leben“
    (3) „Und dafür hat er den Menschen gesagt – und vor allem gezeigt –, dass sie einfach in die Liebe Gottes eintauchen und bei Gott ankommen können“

    Wenn das nicht die viel gescholtene fromme Floskelsprache ist (= theologische Bankrotterklärung), was ist dann fromme Floskelsprache? Schlimmer noch: Das ist auf ‚bloß anders‘ fromme Weise genau dieselbe fromme Floskelsprache, wie sie in bestimmten Kreisen und Gruppen schon vor über 40 (!) Jahren gebraucht wurde. Gegen Fundamentalismus ist Gegenfundamentalismus kein Rezept!

    1. Evelyne Baumberger

      Sondern? Wenn Sie das so empfinden, dass ich die christliche Tradition als Karikatur hinstelle, haben Sie mich aber ganz gründlich missverstanden. Im Gegenteil, es sind neue Interpretationen dieser Tradition, die ich kritisiere.

  4. Liebe Evelyne
    Herzlichen Dank für deine Beiträge. Ich finde, du schreibst differenziert und in einem positiv Geist. Das macht die Lektüre aufbauend und interessant.
    Ob man von Gott erzählen soll, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Es ist sicher gut, zu dem, was man glaubt, zu stehen und es zu benennen, wenn die Situation passt. Ob wir alle Chris-tinnen und Christen gleich auch missionarisch sein sollen, ist eine andere Frage.
    Den «Missionsbefehl» erteilt Jesus seinen Jüngern, die ja eine «leitende» Rolle innehatten, und nicht etwa in der Bergpredigt, in der sich Jesus an eine breite Öffentlichkeit wendete. Daraus schliesse ich, dass Missionieren keine Tätigkeit ist, die von allen Christen ausgeübt werden soll oder muss. Es ist eher eine Aufgabe für «Spezialisten», für Menschen, die von Gott dazu berufen werden. Das gilt ganz besonders fürs öffentliche Missionieren. – Das persönliche Zeugnis von Jesus, das in einem persönlichen Gespräch z. B. unter vier Augen stattfindet, kann durchaus eine Aufgabe einer jeden Christin, eines jeden Christen sein. Und dann gibt’s ja noch das nonverbale Zeugnis, das in einer Handlung oder Haltung sichtbar wird.
    Ob Mission heute, wo wir zumindest genderkorrekt, wenn nicht woke sein sollen, überhaupt noch praktiziert werden soll, ist eine berechtigte Frage. Zu Jesu Zeiten gab es noch kein Internet und le-sen und schreiben konnten nur wenige. Da machte es schon Sinn, die Botschaft von Jesus aktiv zu verbreiten und in die Welt hinauszutragen. Heute haben viel mehr Personen die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und sich über den christlichen Glauben zu informieren, wenn sie es denn möchten. Trotzdem gibt es auch heute noch Menschen, die keinen Zugang zu Jesu Botschaft haben, aus welchen Gründen auch immer. Und diese Leute zu erreichen zu versuchen, ist, glaube ich, nicht grundsätzlich falsch.
    Mission, wie Entwicklungshilfe auch, darf nicht von «oben herab» geschehen. Es ist nicht so, dass unsere westlich-christliche Kultur oder Sichtweise der Welt als die einzig richtige anzusehen ist und vom Rest der Menschheit übernommen werden soll. Mission soll in der Begegnung, im Austausch stattfinden.
    Herzliche Grüsse, David

    1. Evelyne Baumberger

      Lieber David, danke für den differenzierten und ausführlichen Kommentar und das positive Feedback. Diese Aspekte sind spannend und leuchten mir ein. Herzlich, Evelyne

  5. Ich schätze deinen Beitrag, Evelyne. Ich selbst habe mich im Laufe der Jahre vom „7-Punkte-Programm“ wegbewegt hin in Richtung eines liebevollen Umgangs mit den Menschen um mich herum. Ich finde es aber nicht einfach, zu erzählen, was mich trägt…

    1. Evelyne Baumberger

      Lieber Viktor, danke fürs Erzählen und verzeih bitte die späte Antwort. Ich glaube, dass du dadurch, wie du lebst und wofür du dich einsetzt, sehr viel „erzählst“. Alles Liebe!

  6. Liebe Evelyne,

    ich danke Dir für Deinen Vortrag. Genauso empfinde ich mein Verhältnis zu Jesus. Es ist eine sehr persönliche, individuelle Beziehung, die ich über die Jahre zusammen mit ihm aufbauen durfte. Jesuspräsenz bedeutet für mich die Entfaltung der Persönlichkeit in seiner Liebe. Das versuche ich weiterzugeben. Da haben Floskeln keinen Platz mehr für mich (auf die ich auch sonst allergisch bin. ein grosses Dankeschön und herzliche Grüsse, Baba

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