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Anerkennung statt Applaus

Anerkennungsrituale

In den letzten Wochen haben sich kleine gesellschaftliche Anerkennungsrituale etabliert. Der Bundesrat dankt in zuverlässigem Wochentakt allen Menschen, die in systemrelevanten Berufen den gesellschaftlichen Betrieb aufrecht erhalten. Menschen versammeln sich an Fenstern und auf Balkonen, um für das Pflegepersonal zu applaudieren und abends zündet man Solidaritätskerzen an. Man kauft Gutscheine – manchmal auch solche ohne Gegenwert – um das lokale Gastro-Gewerbe zu unterstützen und manche Podcasts feiern diejenigen, die zuhause bleiben, wie Helden. Eigentlich müsste ich das doch schön finden. Aber es geht grad nicht.

Solidarität

Denn ich weiss jetzt schon, dass das Personal in den Warenhäusern nach der Krise nicht besser verdienen wird, dass die Arbeitsbedingungen und Löhne im Pflegebereich nicht steigen werden, man sich von unserer Solidarität nichts wird kaufen können. Dass Stammgäste Gutscheine kaufen ist gut. Dass die Banken und Versicherungen, die wir seit 2008 mit unseren Steuergeldern gerettet hatten jetzt auf die Mieten von Gastro-Lokalen verzichten würden, welche geschlossen bleiben müssen, wäre richtig.

Doppelbödige Anerkennung

Anerkennung ist eine doppelbödige Sache. Wer sie signalisiert ist in einer starken Position. Und wer sie empfängt nicht selten zu Dank verpflichtet. Ich hätte mich z.B. nicht dafür, Igor Levit auf die Schulter zu klopfen und ihm zu sagen, dass er gestern ganz gut gespielt habe. Oder ich würde auch nicht Sibylle Berg dafür danken, dass sie zu GRM gut recherchiert habe. Das steht mir nicht zu. Ich kann mir Konzerttickets oder das Buch kaufen und es Freunden empfehlen. Aber meinen Schulterklopfer braucht niemand.

Unbezahlbar?

Anerkennung ist unbezahlbar? Das mag stimmen, wenn das Gehalt stimmt und die Arbeitsbedingungen fair sind. Aber während gute Gastronomen, die seit über einem Jahrzehnt im Geschäft sind, kaum drei bis vier Monate überbrücken können, verdient ein Topmanager bei einer Kantonalbank 170’000.- Franken. Im Monat. Während wir alle gebannt den neusten Erkenntnissen der Epidemiologen lauschen, sterben die meisten Menschen in Alters- und Pflegeheimen. Betreut durch eine Gesundheitspflegerin, nicht durch einen Professor. Krankenpfleger verdienen im Schnitt 87.000.- Franken. Das verdient ein Uniprofessor in fünf Monaten und ein Bankchef in zwei Wochen. Dafür können die sich Statisten mieten, die ihnen applaudieren.

Der Markt macht’s?

Wer immer noch glaubt, dass faire Löhne durch die unsichtbare Hand des Marktes entstehen, übersieht die Zusammenhänge. Unser System ist so eingerichtet, dass eine Gastronomin erhebliche Anteile ihrer Einnahmen für die Miete des Lokals aufbraucht. Wenn sie nicht erbt, wird sie es nie kaufen können. Geld wird nicht nach Leistung verteilt und Jobs nicht nach Angebot und Nachfrage. Sondern diejenigen die Geld haben, verdienen an der Wertschöpfung mit: Von Generation zu Generation. Sie sind Vermieter, Wertpapierinhaberinnen und im besten Fall manchmal Arbeitgeberinnen. Und sie sind immer Erben.

Wer je im Spital war, weiss, was ein gutes Team an Krankenpfleger*innen Wert ist. Und er ist froh, dass er das nicht bezahlen musste. Denn was eine Behandlung kostet, richtet sich nicht nach ihrem Wert, nicht einmal nach dem Verhältnis von Nachfrage und Angebot, sondern nach dem, was als Basispreis und Kostengewicht vereinbart ist oder was in der Tarmed-Tabelle festgelegt wurde. Es ist ein politischer Entscheid darüber, was Gesundheit kosten darf, nicht darüber, was sie wert ist. Natürlich ist auch das Verhandlungssache. Aber genau darum kommt das Pflegepersonal im Vergleich zum Bankdirektor zu kurz. Sie können nicht einfach ihr Angebot stornieren. Dort geht es ja um Leben, Gesundheit und Pflege. Das heisst, sie werden immer „all in“ gehen.

Statt Applaus

Statt Applaus brauchen wir endlich echte Anerkennung für die Menschen in den Berufen, die wirklich systemrelevant sind und nicht nur zu Betrieben gehören, die too big to fail sind. Das ist ein politischer Entscheid. Genau wie unser Umgang mit der Klima-Krise. Das heisst, wir werden uns wieder irgendwie durchwursteln und das dann stolz einen schweizerischen Kompromiss nennen. Dabei hätten wir jetzt die Chance, unsere Wirtschaft ganz grundsätzlich zu überdenken: Was sind wertschöpfende Berufe? Für welche Werte geben wir wieviel aus? Darf man Geld von Generation zu Generation weitergeben? Wie viel Geld? Eine Million? Hundert Millionen? Wieviel ist die Arbeit eines Bankchefs wert im Verhältnis zu der Arbeit einer Krankenpflegerin? Wie viel Rendite dürfen Immobilien erzielen? Um welchen Preis? Und vielleicht zuletzt: Warum ist ein Menschenleben auf der Intensivstation eines Schweizer Spitals mehr wert, als das eines Menschen auf Lesbos?

Diese Fragen werden wir mit unseren zivilreligiösen Klatschorgien nicht übertönen. Und ja: Manchmal ist Klatschen auch nur ein Zeichen dafür, dass man leere Hände hat.

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