Dein digitales Lagerfeuer
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 Lesedauer: 5 Minuten

Alltagsmystik: Ich bin ver-rückt! Du auch? 

Das Flüstern der Nähe

Je näher man sich ist, desto leiser spricht man.

Wenn ich mich einem Menschen gegenüber ganz nahe fühle, dann muss ich nicht laut sein. Dann reicht ein Flüstern. In einem Moment zarter Intimität schreie ich dir nicht ins Ohr.

Wenn Gott spricht, dann flüstert er. Seine Stimme ist kein Getöse.

Sie ist leise, sanft, manchmal kaum zu hören. Aber sie ist da. Und sie spricht. Vielleicht hast du sie auch schon einmal vernommen: als Ahnung, als tiefer Friede, als Blick eines geliebten Menschen oder im Rauschen des Herbstlaubes.

Ich denke: Vielleicht flüstert Gott nicht, weil er schüchtern ist. Sondern weil er uns so nahe ist. Es braucht nicht viele Worte. Nur Aufmerksamkeit. Hinhören. Und Stille. Mir gefällt Psalm 46,11:

«Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin.»

Gotteserkenntnis braucht keine Erklärung, sondern Raum, der durch die Stille entstehen kann.

Ver-rückt sein

Ich bin oft nicht da. Mein Körper schon, mein Geist nicht. Ich springe zwischen dem, was war, und dem, was kommen könnte. Und verliere dabei das Jetzt. Es ist ein ständiger Gedankenkrieg. Sorgen, Planungen, Erinnerungen, Reue.

Gedanken, die mich verrücken. Ver-rücken aus der Gegenwart in Vergangenheit oder Zukunft. Ich bin also buchstäblich ver-rückt. Und zwar die meiste Zeit des Tages.

Ich lebe oft nicht in dem Moment, bin selten ganz gegenwärtig. Dieses Ver-rücktsein macht mich wirklich manchmal verrückt. Weil ich mich in Zukunftsängsten oder Erinnerungen verliere und das gegenwärtige Leben verpasse.

Der Himmel über mir

Einmal fiel mir beim Spazieren etwas auf: Der Himmel direkt über mir ist blauer als der am Horizont. Der Himmel in der Ferne wirkt blasser. Du kannst selbst den Test machen.

Ich merkte: Auch meine Vergangenheit und meine Zukunft sind nie so klar wie das Jetzt. Die Vergangenheit ist Interpretation. Die Zukunft ist Erwartung. Nur das Jetzt ist wirklich da.

Nur hier finde ich Leben. Nur hier finde ich Gott. Deshalb heisst es ja auch: Gegenwart Gottes.

In der Stille lasse ich mich rudern.

Stille ist das Ja zum Moment. Sie ist nicht Stillstand, sondern Gegenwärtigkeit. Achtsamkeit. In ihr geht es nicht darum, Gott etwas zu sagen, sondern ihn sein zu lassen. In der Stille bin ich einfach da. Ohne Zweck, ohne Ziel. Ich halte nichts mehr fest. Ich lasse mich rudern. In der Stille lasse ich los. Und finde mich wieder. Oder anders: Ich finde Gott. Und mich in ihm.

Stille ist das Ankommen im Moment. Die Synchronisation mit der Gegenwart, in der ich atme. Mein ver-rücktes Leben wird wieder geradegerückt. Nun bin ich wieder ganz bei mir. Und ganz bei dir.

Lass dich rudern

Mystiker sprechen von der Gegenwart als Funken der Ewigkeit. In der Stille begegne ich Gott. Nicht durch viele Worte. Sondern durch Blickkontakt oder Hörkontakt. Ich verliere mich in seinen Augen und Ohren. In der Tiefe. «Wer sein Leben verliert, der wird es finden» (Lukas 9,24).

Ein vor Sorgen überschäumendes Lebensglas kann nicht mit Neuem gefüllt werden. Es muss zuerst leer werden.

Ich lasse los, um zu empfangen. Ich werde leer, um gefüllt zu werden. Ich werde still, um zu hören.

Die Kraft der Ruhe

Ich mag diese Stelle in Jesaja:: «Durch Umkehr und durch Ruhe werdet ihr befreit, in Stillsein und Vertrauen liegt eure Stärke» (Jes 30,15). Diese Stille ist kein Luxus. Sie ist das Zentrum. Sie ist kein Rückzug vom Leben, sondern die Vorbereitung auf das wahre Leben.

Stille stimmt mich neu – wie ein Musiker seine Gitarre.

Stille ist das Stimmen der Seele, damit das Leben wieder im Einklang klingt. Wie eine Gitarre neu gestimmt wird, so findet auch mein Inneres in der Stille den richtigen Ton. Die Stille bringt mich wieder in Resonanz – wie eine Gitarre unter den Fingern des Künstlers.

Stille Revolution

Stille zeigt mir mehr als Nachrichten, mehr als Diskussionen, mehr als Gedanken. Denn in der Stille redet mein Innerstes. Nicht, was von aussen wichtig erscheint, sondern das, was wirklich wesentlich ist.

Ich lege meine Masken ab. Ich muss niemand mehr sein, nichts mehr darstellen. In der Stille gibt es keinen Pervormancedruck.

Ich bin, der ich bin. Ich bin einfach. Und das reicht. Manchmal braucht es keine Worte.

Und ich spüre: Zwanzig Minuten Stille können eine Revolution auslösen. Nicht laut. Aber tief. Nicht sichtbar. Aber wirksam.

Vielleicht ist es das, was wir heute brauchen: keine neuen Konzepte, nicht noch lautere Stimmen, sondern mehr Menschen, die still geworden sind. Menschen, die bei sich selbst angekommen sind, weil sie gelernt haben, zu schweigen. Menschen, die ein Gespür für die Tiefe des Lebens und die Verbundenheit aller Dinge haben.

Menschen, die nicht permanent ver-rückt sind.

Ich glaube: Wer still wird, erkennt. Wer erkennt, lebt anders. Wer anders lebt, verändert die Welt.

 

Zum Autor: Unter dem Titel «Alltagsmystik» veröffentlichen wir drei Texte von Theologen Martin Thoms – der erste war: «Mein Leben überholt mich gerade – wie hole ich es wieder ein?».

Wenn dich das Thema interessiert: Hier findest du das Tagebuch einer Netznovizin von Johanna Di Blasi.

«Was ist eigentlich Mystik?» von Evelyne Baumberger.

 

Foto Getty Images für Unsplash

Alle Beiträge zu «Alltagsmystik – Martin Thoms»

4 Gedanken zu „Alltagsmystik: Ich bin ver-rückt! Du auch? “

  1. “Alltagsmystik: Wer still wird, erkennt. Wer erkennt, lebt anders. Wer anders lebt, verändert die Welt.”

    – Ist es richtig/menschenwürdig solche Worte zu benutzen, während die wettbewerbsbedingt-konfuse Welt- und “Werteordnung” auch hier (“bei uns” in der westlichen Welt) das andere Leben suchende Menschen schikaniert, quält, marginalisiert und auch abschiebt, in die Höllen des Alltags???

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    • Danke hto für deinen Kommentar und noch mehr, Evelyne Baumberger. Dein Text, Evelyne, spricht mich an. Kreativ bringt dieser hervor, was Leben schafft und Leben enthält.
      Ob es geschickt ist, mit Worten zu spielen, die trendig sind und nicht immer dem Menschen gerecht werden, ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Aber mich hat das Spiel mit ver-rückt inspiriert, mich meinem eigenen Verrückt-Sein zuzuwenden. Und in mir stieg keine Scham auf, als ob meine Menschenwürde verletzt worden wäre.

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      • Lieber Daniel, danke für den Kommentar und fürs schöne Feedback. Der aktuelle Text stammt von Martin Thoms – hto bezieht sich auf einen früheren, verlinkten Text von mir. Liebe Grüsse! Evelyne

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  2. Evelyne Baumberger schreibt: “Mystik fokussiert stärker auf das Individuum als auf die Glaubensgemeinschaft”

    Nach meiner Ausserkörpererfahrung weiß ich aber nun, daß die Bibel eine mystische Philosophie ist, die nie den “einzelnen/individualbewussten” Menschen anspricht, sondern wegen unseres Ursprungs und der möglichen wirklich-wahrhaftigen Wirkung (in Vernunft und Verantwortungsbewusstsein) den Mensch als ganzheitlich-ebenbildliches Wesen (Matthäus 21,18-22) – geistig-heilendes (bzw. den geistigen Stillstand überwindendes) Selbst- und Massenbewusstsein, anstatt egozentrierendes “Individualbewusstsein” ohne … (die Liste ist lang).

    Ver-rückt im Verstand meiner Umwelt und mich, JA – Verrückt im Sinne der scheinbar normalen Mitmenschen, NEIN.

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