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 Lesedauer: 7 Minuten

Was würde Franz von Assisi heute tun?

Reformator vor der Reformation

Franz von Assisi lebte um 1200 in einer Welt, die unserer in mancher Hinsicht erstaunlich ähnlich war. Die Städte wuchsen sprunghaft, der Handel florierte, gigantische Vermögen entstanden. Gleichzeitig verschärften sich soziale Gegensätze. Während einige immer reicher wurden, lebten andere in Abhängigkeit und bitterer Armut.

Franziskus stammte selbst aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Sein Lebensweg schien vorgezeichnet. Doch dann zog er seine Designerklamotten aus, verzichtete auf sein Erbe und schlüpfte in eine braune Kutte mit Kapuze.

Mann mit Hoody

Franziskus lebte mit den Armen vor den Toren von Assisi, kümmerte sich um Leprakranke und gründete eine spirituelle Bewegung, die freiwillige Armut als Befreiung verstand.

In einer Gesellschaft, in der Reichtum über Ansehen und Einfluss entschied, stellte er die Verhältnisse auf den Kopf.

Und er schaffte etwas Erstaunliches: Seine radikale Armutsbewegung, die das weltliche und religiöse Establishment in Frage stellte, wurde nicht als häretisch bekämpft; anders als andere mittelalterliche Reformbewegungen.

Franziskus ist gewissermassen der Reformator vor der Reformation. Martin Luther wollte ihm nicht in die radikale Armut folgen, aber er achtete ihn: «Der heilige Franziskus, ein bewundernswerter und geistesgewaltiger Mann, sagte in seiner grossen Weisheit, seine Regel sei das Evangelium Jesu Christi».

Was würde dieser Franziskus heute anstellen?

Vielleicht würde er sich zunächst wundern, wie sehr wir Menschen damit beschäftigt sind, Maschinen zu entwickeln, die uns übertreffen sollen. Maschinen, die schneller rechnen, besser formulieren, beeindruckende Bilder erzeugen und zunehmend Aufgaben übernehmen, auf die wir bisher stolz waren: Gedichte schreiben oder sogar Predigten formulieren.

Ein Franziskus-Moment

Was bleibt von unserer Kreativität, unserem Denken, unserer Selbstachtung, wenn Maschinen all das ebenfalls können? Plötzlich werden wir dort kleinlaut, wo wir uns bisher für besonders gross hielten. Vielleicht wäre genau das ein Franziskus-Moment. Vielleicht würde er uns zurufen:

Hört auf mit dem Wettbewerb!

Warum sollten wir uns mit Maschinen messen? Warum müssen wir immer schneller, effizienter und produktiver werden? Und wer hat eigentlich beschlossen, dass menschliche Fähigkeiten vor allem dann etwas wert sind, wenn sie sich wirtschaftlich verwerten lassen?

Franziskus würde uns vermutlich daran erinnern, dass ein Mensch keinen Leistungsnachweis erbringen muss, um wertvoll zu sein.

Das wahrscheinlich älteste, 1228 entstandene Bild von Franziskus von Assisi, Fresko im Sacro Speco in Subiaco; Quelle: Wikimedia.

Furchtbar naiv?

Vielleicht würde er uns auffordern, das Smartphone wegzulegen und unserem Gegenüber ins Gesicht zu schauen. Jemanden zu umarmen, der sich nach Nähe sehnt. Zeit zu verschenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten – und dabei zu entdecken, dass wir selbst beschenkt werden.

Ist das nicht furchtbar naiv?

Dieser Einwand wäre Franziskus wohl vertraut. Vielleicht würde er lächeln und antworten: Ja, lasst uns naiv sein! Vielleicht würde er sogar ein wenig tanzen. Schliesslich war er für ungewöhnliche Aktionen bekannt, mit denen er die gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit durchbrach.

Ein liebenswerter Verrückter, der hellwach war für die Verhältnisse, in denen er lebte.

Wem gehört unsere Freiheit?

Allerdings würde Franziskus wohl kaum bei Appellen zu mehr Menschlichkeit stehen bleiben. Er würde genauer hinsehen:

Wer profitiert von den neuen Technologien? Wer bezahlt den Preis? Und wer entscheidet darüber, wie wir künftig leben?

Vielleicht würde er sich mit Fachleuten zusammensetzen und untersuchen, mit welchen neuen Abhängigkeiten unsere Freiheiten erkauft werden. Sind wir frei, wenn wir jederzeit erreichbar sein müssen? Wenn wir immer mehr Lebensbereiche an digitale Plattformen auslagern? Wenn wir Geräte besitzen, über deren Software und Funktionsweise andere bestimmen?

Wir kaufen Smartphones, aber die Kontrolle über wesentliche Teile unserer digitalen Lebenswelt liegt bei wenigen grossen Unternehmen. Sie entscheiden zunehmend darüber, wie wir kommunizieren, arbeiten und Zugang zu Informationen erhalten. Unsere Aufmerksamkeit und unsere Daten sind zu wertvollen Rohstoffen geworden. Franziskus würde vermutlich eine unbequeme Frage stellen:

Wie viel von unserer Freiheit geben wir eigentlich freiwillig her?

Er würde wohl kaum fordern, sämtliche Computer abzuschalten. Aber er würde nach Wegen suchen, sich aus unnötigen Abhängigkeiten zu befreien. Denn genau darum ging es ihm schon vor 800 Jahren:

Wie können wir so leben, dass uns die Dinge, die wir besitzen, nicht selbst in Besitz nehmen?

Die Kathedralen unserer Zeit

Vielleicht würde Franziskus auch die Kathedralen unserer Gegenwart besuchen: gigantische Rechenzentren, die unsere digitale Welt am Laufen halten. Er würde nach ihrem Wasser- und Stromverbrauch fragen, nach den Rohstoffen für unsere technischen Geräte, um die Kriege geführt werden. Und nach den Menschen, die als Klickarbeiter im globalen Süden für einen Hungerlohn arbeiten.

Franziskus würde nach den Kosten fragen, die in Zukunftsvisionen gewöhnlich unsichtbar bleiben. Welche Bedürfnisse rechtfertigen welchen Ressourcenverbrauch? Und wie viel Wachstum verträgt ein Planet, dessen ökologische Grenzen wir längst spüren?

Franziskus würde vermutlich nicht nur mit den Verlierern des digitalen Fortschritts sprechen, sondern auch mit seinen mächtigsten Architekten.

Immerhin wagte er sich 1219, während des Fünften Kreuzzugs, unbewaffnet über die Frontlinie in Ägypten und begegnete Sultan Al-Kamil. Was genau die beiden miteinander besprachen, wissen wir nicht. Doch die Begegnung selbst ist bemerkenswert: Franziskus suchte das persönliche Gespräch mit einem Menschen, den die christliche Welt als Feind, ja als Antichrist betrachtete.

Vielleicht würde er heute die Chefs der grossen Technologiekonzerne besuchen. Vielleicht würde er sie fragen, was sie sich von ihren Erfindungen erhoffen. Und ob sie sich vorstellen können, dass ein gutes Leben auch ohne die Beschleunigungsdynamik immer effizienterer Technologien auskommt.

Foto von Samuele Giglio auf Unsplash

Die Freiheit, Mensch zu sein

Wahrscheinlich wäre Franziskus heute weder ein klassischer NGO-Aktivist noch ein Technikfeind oder Social-Media-Influencer. Vielleicht würde er dort leben, wo Menschen durch die neuen Verhältnisse an den Rand gedrängt werden: bei den digital Abgehängten, den Einsamen und bei jenen, die sich plötzlich für überflüssig halten, weil eine Maschine ihren Arbeitsplatz übernommen hat.

Er würde vermutlich mit ihnen essen, singen, lachen, weinen. Und er würde uns daran erinnern, dass wir viel weniger brauchen, als wir glauben, um ein gutes Leben zu führen.

Wir bauen Maschinen, die uns immer mehr Arbeit abnehmen sollen. Gleichzeitig unterwerfen wir uns einem Wettbewerb, der uns immer mehr Leistung abverlangt. Wir entwickeln Technologien, die uns Freiheit versprechen, und machen uns dabei immer abhängiger.

Inzwischen fordern sogar Tech-Mogule Drosselung des Tempos.

Was müsste ich loslassen?

Lange wurde der technologische Fortschritt mit einer utopischen Zukunft gleichgesetzt, ohne Armut, Alter und Krankheit. Inzwischen fürchten viele die Tech-Apokalypse, allerdings ohne den Schalter zu finden, um den Wahnsinn abszustellen; nicht einmal im eigenen Haus.

Franziskus, der heute vor 800 Jahren gestorben ist, hat einen anderen Weg ausprobiert. Er verzichtete auf Besitz und gesellschaftlichen Status und entdeckte darin eine Freiheit, die viele für unmöglich hielten.

Vielleicht würde Franz von Assisi uns heute fragen: Was müsstet ihr loslassen, um wieder frei zu sein?

Was macht frei? Wir freuen uns über Kommentare.

 

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Siehe auch: Bruder Sonne, Schwester Krise; Johanna Di Blasi zu Franzsikus auf Feinschwarz

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Foto von Samuele Giglio auf Unsplash

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