77 Jahre nach der Proklamation der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stehen wir an einem geopolitischen Kipppunkt. Autoritäre Regime gewinnen an Einfluss, und demokratische Grundprinzipien werden angegriffen.
Menschenrechte unter Druck
Obwohl die Menschenrechte universell formuliert sind, selbstverständlich waren sie nie. Sie entstanden als Antwort auf historische Verbrechen, nicht als Beschreibung einer bereits verwirklichten Realität.
Entsprechend bleiben sie politisch umkämpft.
Heute zeigt sich, dass Menschenrechte nicht durch ihre blosse Existenz wirken, sondern erst durch ihre Umsetzung.
Viele Staaten erkennen sie zwar formal an. In der Praxis jedoch werden sie beschnitten – etwa durch restriktive Migrationspolitik, Handelsabkommen ohne wirksamen Schutz oder einen unzureichenden Umgang mit den Folgen der Klimakrise.
Doch gerade in Zeiten, wo Menschenrechte unter Druck stehen, zeigt sich die Stärke einer christlichen Perspektive darauf:
Sie stützt sich auf biblische Ansätze und theologische Traditionen, die Gerechtigkeit nicht als Randthema, sondern als zentralen Auftrag verstehen.
Welche Rolle spielen Kirchen?
Das Christentum bietet starke Ressourcen für eine menschenrechtliche Praxis, angefangen in Jesus Christus. John Wesley[1], Begründer des Methodismus, schrieb 1739:
«The gospel of Christ knows of no religion, but social; no holiness but social holiness.»
Karl Barth[2] formulierte in ähnlicher Richtung: «Ein Christ müsse Sozialist werden – und umgekehrt –, wenn beide die jeweilige Reformation ernst nehmen.»
Jesus – kein Moralist!
Solche Stimmen verweisen auf einen biblischen Realismus:
Jesus war kein Moralist, sondern praktisches Vorbild.
In der Realität sprechen Kirchen zwar oft über Gerechtigkeit, haben jedoch manchmal Schwierigkeiten, daraus konkrete politische Forderungen abzuleiten.
Auch werden religiöse Motive oft genutzt, um Nationalismus, Verschwörungsideologien und antidemokratische Systeme zu legitimieren – ein Vorgang, den Dorothee Sölle als «Christofaschismus»[3] bezeichnet hat.
Vergeistlichung v.s. Relevanz
Jesu Lehren und Wirken waren zutiefst politisch. Er verkörperte eine neue Form gesellschaftlicher Beziehungen: geprägt von Gewaltfreiheit und Solidarität.
Gewisse christliche Strömungen neigen jedoch dazu, diese politische Dimension abzuschwächen. Jesu Botschaften werden vergeistlicht, statt sie als konkrete und umsetzbare Forderungen zu verstehen.
Doch Gott wurde Mensch. Diese Inkarnation bedeutet: Das Menschliche hat Bedeutung.
Ohne Bezug zu den Bedingungen des Lebens hier auf der Erde, ohne menschliche Dimension, verliert der Glaube letztendlich seine Relevanz.
Die Entschärfung der politischen Botschaft Jesu führt dazu, dass zentrale menschenrechtliche Themen in kirchlichen Debatten oft zu kurz kommen – oder zu Floskeln werden.
Biblische Ethik jenseits moralischer Normen
Das führt zu Vertrauensverlust: Menschen zweifeln an der Integrität des Christentums, wenn Kirchen widersprüchlich handeln.
Wenn wir Gerechtigkeit verkünden, aber keine Taten folgen lassen, verlieren wir an Glaubwürdigkeit.
Dass Kirchen seit Jahrhunderten «gut» und «böse» mit jeweils geltenden moralischen Normen verknüpfen und daraus allgemeingültige Vorschriften ableiten, verschärft die Lage.
Denn biblisch gesehen sind «gut» und «böse» keine moralischen Etiketten, sondern Hinweise darauf, ob etwas dem Leben dient oder es zerstört.
Sie wirken wie die Menschenrechte: Beide geben eine klare Ausrichtung vor, ohne für jede Situation eine konkrete Umsetzungsanleitung zu bieten.
Grundbestimmung der Daseinswirklichkeit
Gesellschaftliche Moralvorstellungen bleiben veränderlich.
Die biblische Vorstellung von «gut» und «böse» hingegen beschreibt die Tatsachen des Lebens.
In Genesis 1,31 wird die Erschaffung des Menschen als «sehr gut» bezeichnet.
Wenig später, in Genesis 2,18, heisst es:
«Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.»
«Nicht gut» bedeutet nicht unmoralisch, sondern schädlich.
Es sind Zustände, die sinnlos, leidvoll oder unerfüllt sind. Das Gegenteil vom paradiesischen «Gut-Zustands» – sinnstiftend, freudvoll oder erfüllend.
Jesus der Befreier
Jesus befreite aus destruktiven Dynamiken, doch er zwang niemandem eine bestimmte Lebensweise auf.
Die Menschenrechte benennen moderne Formen dieser Dynamiken: Kapitalismus, Queer- und Behindertenfeindlichkeit, Rassismus, Patriarchat, Sexismus und weitere.
Jesus ging es um mehr als geistige Prinzipien. In seiner Antrittspredigt (Lukas 4,16–30) übernimmt er die Worte des Propheten Jesaja:
«Ich bin gekommen, das Gnadenjahr des Herrn zu verkünden!»
Das Erlass- oder Gnadenjahr
Das Gnadenjahr[4] ist ein starkes Beispiel für menschenrechtliches Denken – mit Kernelementen, die bis heute relevant sind.
Auch wenn dessen Historizität oder Praktikabilität umstritten ist: Was hindert uns, Jesus bei seinem Wort zu nehmen und uns auf seine Gedanken einzulassen?
Was, wenn er wirklich gekommen ist, um den Gefangenen die Freilassung und den Unterdrückten die Freiheit zu bringen? Wortwörtlich?
Das biblischen Gnadenjahr bot die Chance auf einen Neustart: Alle sieben Jahre ruhte das Land regelmässig während des sogenannten Sabbatjahres, welches Übernutzung verhindern sollte.
Im 50. Jahr – nach siebenmal sieben Jahren – wurde das Erlass- oder Gnadenjahr[5] gefeiert. Dies gestaltete sich ähnlich wie das Sabbatjahr, aber mit zusätzlichen sozialen und wirtschaftlichen Vorschriften:
Das Gnadenjahr heute: Ideen für eine gerechtere Welt
1. Ruhezeit: Während des Gnadenjahres gab es keine Ernte und keine Aussaat. Die Arbeit auf dem Feld ruhte, und die Menschen lebten von dem, was das Land von selbst hervorbrachte.
Soziologe und Technikforscher Philipp Frey untersucht in seiner Studie «The Ecological Limits of Work», wie sich Arbeitszeit und Treibhausgasemissionen zueinander verhalten.
Er stellt zwischen den beiden Kennzahlen eine klare Kausalität fest und kommt zum Schluss: Um die Klimaziele zu erreichen, wäre eine deutliche Reduktion der Arbeitszeit notwendig.
Wer jedoch nur den Energieverbrauch des Einzelnen betrachtet, macht Individuen verantwortlich, statt das überproduzierende System zu hinterfragen.
Frey geht es nicht um individuelle Moral, sondern um die praktische Frage, wie wir Wirtschaft, Produktion und Regeneration für Mensch und Umwelt gestalten.
2. Umverteilung: Während des Gnadenjahres wurde Besitz zurückgegeben, um soziale Ungleichheit zu verringern und Menschen einen Neubeginn zu ermöglichen.
Heute könnte eine ähnliche Praxis die extreme Konzentration von Reichtum[6] ausgleichen. Oft wird vergessen, dass grosse Vermögen häufig in renditestarken, selbstvermehrenden Kapitalanlagen gebunden sind.
Doch dank einer zyklischen Umverteilung alle 50 Jahre bekämen auch die anderen 98,4% der Weltbevölkerung eine echte Chance auf Teilhabe und soziale Sicherheit.
3. Schuldenerlass: Während des Gnadenjahres wurden auch Schulden erlassen.
Versteht man das von Jesus am häufigsten verwendete Verb aphiemi (eine Schuld vergeben oder erlassen) nicht nur symbolisch, sondern praktisch, wäre das revolutionär, denn:
Schulden dürfen nicht zu einer lebenslangen Last werden.
Das ist auch heute ein zentrales Thema ökonomischer Menschenrechte.
4. Befreiung aus Sklaverei: Israelit:innen wurden während des Gnadenjahrs aus Schuldknechtschaft und Abhängigkeit befreit.
Auch heute existieren Formen von Sklaverei und Zwangsarbeit – trotz internationaler Menschenrechtsabkommen. Laut dem Global Slavery Index und der International Labour Organization leben weltweit rund 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei.
Um Sklaverei zu verhindern, müssen Strukturen geschaffen werden, die Umweltzerstörung, Zwangsarbeit, Menschenhandel und Ausbeutung verunmöglichen.
Soziale Heiligung statt Privilegien
Dies ist die praktische Soziale Heiligung – ein Kernanliegen des oben erwähnten methodistischen Theologen John Wesley – und vermutlich das, was Karl Barth meinte, als er den Sozialismus als «praktische Konsequenz des Evangeliums» bezeichnete.
Die Prinzipien des biblischen Gnadenjahrs – Befreiung, Neubeginn, Schutz der Schwachen – lassen sich direkt auf heutige Menschenrechtsarbeit übertragen.
Ein realistischer Blick
Kritiker:innen mögen behaupten, diese Praxis sei utopisch – damals wie heute. Doch Studien und historische Beispiele zeigen das Gegenteil:
Menschen werden durch Entlastung produktiver, weil existenzielle Not lähmt. Initiative, Innovation und gesellschaftliches Engagement werden von Existenzängsten gehemmt.
Das Gnadenjahr ist zyklisch, nicht dauerhaft. Alle 50 Jahre wird die Last aufgehoben.
Dazwischen bleibt die Verantwortung bestehen, wirtschaftlich zu arbeiten, zu planen und zu leben.
Es gibt also keinen Anreiz, dauerhaft passiv zu sein; die Regel dient der Systemkorrektur, nicht dem Verzicht auf Eigeninitiative.
Das Gnadenjahr wirkt auch nicht als «Belohnung für Faulheit», sondern korrigiert strukturelle Ungleichheit.
Viele Menschen sind nicht aus eigener Trägheit in Notlagen geraten, sondern durch unfaire Systeme oder externe Krisen (etwa wegen der Klimakrise).
Die Richtung ist klar: Gerechtigkeit und Schutz
Jesus betonte Verantwortung und Handeln – trotz Gnade. Gnade und Erlass sind keine Einladung zum Nichtstun, sondern die Voraussetzung, dass Menschen überhaupt ihr Leben gestalten können.
Es geht um Befähigung, nicht Bevormundung.
Es zeigt sich: Die biblische Tradition bietet keine fertigen politischen Lösungen, aber eine klare Richtung: Gerechtigkeit, Schutz der Verletzlichen und Gewaltfreiheit. Am Internationalen Tag der Menschenrechte sollte Kirchen diese Ressourcen nutzen – nicht zur moralischen Belehrung, sondern zur kritischen Analyse und zu konkretem Engagement.
Sarah Staub ist Pfarrerin in der evangelisch-methodistischen Rosenbergkapelle in Wädenswil und veröffentlicht bei RefLab in loser Folge Artikel. Selbst beschreibt sie sich als schreibender Kauz, Geschichtenerzählerin oder poetische Störenfriedin. Aber vielleicht ist es besser, sich ein eigenes eigenes Bild zu machen – z.B. auf Instagram: die.fromme.haeretikerin oder in einem Podcast, z.B. mit Leela Sutter in: «Heimat jenseits von Patriotismus und Kitsch – mit Sarah Staub»
[1] John Wesley: «Hymns and Sacred Poems», 1739, Preface, page viii.
[2]Karl Barth: «Neuer Bericht über Karl Barths «Sozialistische Reden» von Andreas Pangritz, S. 66
[3] Dorothee Sölle: «Elektronische Kirche» in: Junge Kirche 42/1981, S. 249 ff. und: «Das Fenster der Verwundbarkeit», 1987, S. 158.
[4] 3. Mose 25,8–55; 5. Mose 15,1–18
[5] z.B. Michael Fishbane: «Jubilee and the Politics of Time» in: The Idea of Biblical Interpretation, 1998 oder H.P. Yoder: «The Politics of Jesus», 1972
[6] Laut Statista besitzen 1,6 % der Weltbevölkerung rund 48,1 % des Gesamtvermögens.







