Dein digitales Lagerfeuer
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Eine kleine Theologie des Schenkens

Wenn ich die Tage durch Zürich gehe, werde ich mit Geschenkgeboten geradezu überhäuft. Mein Mobilanbieter möchte mir einen mit Misteln und Glöckchen behangenen neuen Handyvertrag anhängen. Ein Schaufenster behauptet, dass Hörgeräte das Geschenk des Jahres seien. Dabei stolpere ich über einen Aufsteller, der meint, mich in bunten Lettern noch davon überzeugen zu müssen, dass Weihnachtszeit Shoppingzeit ist.

Schenken heisst Wirtschaften

Dabei werde ich daran erinnert, dass mein Vater noch ein Geschenk braucht. Innerlich rechne ich auf, ob ich meinen Liebsten dieses Jahr netto genauso viel geschenkt habe wie andersherum.

Ich bin kein guter Schenker. Ich hatte ein paar helle Momente: Meiner Mutter habe ich ein Jahresabo fürs Kino geschenkt, und sie erzählt mir regelmässig, welche tollen Filme sie so gesehen hat. Seit ich Schweizer Gehalt beziehe, kann ich einiges damit wettmachen, dass meine Geschenke teurer werden.

Schenken hat irgendwann zwischen 10 und 25 seinen Zauber verloren.

Wie habe ich mich über dieses Lego-Raumschiff gefreut, das ich die Weihnachtstage unermüdlich zusammenpuzzelte? Wie viele Stunden habe ich mich in diesem einen Videospiel verloren, das 2007 unter dem Baum lag?

Heute erzählt mir ein Freund, dass er Lego-Sets als Wertanlage sammelt. Meine digitale Videospielbibliothek ist heute voller Spiele, für die ich keine Zeit mehr habe.

Dass es nicht nur mir so geht, merke ich daran, dass immer mehr Menschen mit dem Schenken aufhören. Erwachsene können sich ja im Grunde alles kaufen. Vergangen sind die Zeiten, in denen man monatelang auf Weihnachten warten musste, weil sich erst an diesem Tag unbezahlbare Wünsche erfüllten.

Viele schenken nur noch, weil man sich nicht von einem unerwiderten Geschenk überraschen lassen möchte. Niemand will im Geschenktausch als geizig oder ärmlich dastehen. Dabei wird tunlichst das Preisschild entfernt, weil man sich und die andere Person ja nicht beschämen möchte.

Schenken aus Eigennutz

Darin erkennen wir noch die archaischen Wurzeln des Schenkens, die bis in die moderne Zeit das Geben dominieren, behauptete Marcel Mauss. Der Anthropologe greift auf Zeugnisse von indigenen Gesellschaften zurück und sieht im Schenken einen Verpflichtungszirkel: Wer Status oder Ehre haben möchte, muss geben, sonst verliert die Person an sozialem Einfluss.

Die Gabe abzulehnen bedeutete, die Beziehung abzulehnen. Wer empfängt, ist also im Grunde zur Annahme der Gabe verpflichtet, selbst wenn sie so überreich ist, dass sie an Demütigung grenzt.

Irgendwann aber ist, wer beschenkt wird, zur Gegenleistung verpflichtet, andernfalls droht der Verlust von Ansehen und Einfluss. Für Mauss ist damit jedes Schenken im Grunde nichts anderes als eine subtile, symbolische Ökonomie. Das reine uneigennützige Geschenk gibt es dann nicht.

Das ist eine ernüchternde Analyse, aber keine ganz falsche. Ich habe geschenkt, um zu imponieren, um zu beschwichtigen, eine Beziehung zu kitten usw. Wer das nicht hat, werfe den ersten Stein.

Ihre Unschuld verlor das Schenken vermutlich mit dem ersten Wunschzettel.

Aus dem unverfügbaren Akt, vom Christkind zu empfangen, wird eine Kapitalschätzung. Wie viele Geschenke bekomme ich? Wünsche ich mir zwei grosse Geschenke oder ein grosses und zwei kleine? Wenn ich die Wii besonders gross male, steigt dann meine Chance?

Frustriert berichtet mir meine Freundin, dass sie für ihr Patenkind mittlerweile genaue Anordnungen erhält, was sie ihm zu schenken habe. Das Schenken wird zum indirekten Geldtransfer.

Schenken als utopischer Akt

Sollen wir uns das Schenken also schenken? Nein. Denn damit ergeben wir uns ja der kapitalistischen Logik, die ohnehin schon fast alles dominiert.

Schenken ist spiritueller Widerstand gegen die Bagatellisierung des Lebens.

Wer das Schenken nur als ökonomisches Handeln erkennt, unterschätzt den Idealismus, der in jedem Akt des Schenkens liegen kann. All jenen, die von Herzen gerne schenken, die ihre Gaben nicht als Schattenökonomie abgewertet wissen wollen, bietet Jean-Luc Marion einen Ausweg. In Étant donné kritisiert er Mauss’ Ansatz.

Dieser beschreibe zwar, wie Gesellschaften sich mittels Gaben stabilisieren, aber das Phänomen des Schenkens unterlaufe er damit. Das reine Geschenk muss demgegenüber jede Art von Ökonomie konterkarieren. Denn fühlt sich der Empfangende verpflichtet, sich zu revanchieren, befinden wir uns schon wieder in einer wirtschaftlichen Logik.

Dabei gebe es Möglichkeiten, unökonomisch zu schenken: Die stille, anonyme Spende, die Jesus propagiert, wenn er sagt: «Wenn du aber Almosen gibst, lass deine Linke nicht wissen, was die Rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen bleibt. » Genauso ist es mit dem Schenken von Zeit und mit der Liebe, die nicht auf Gegenleistung aus ist.

Was Marion tut, ist, den Fokus von den handelnden Akteur:innen zu nehmen und auf die Gabe selbst zu legen. Der anonymen Spende, der selbstvergessenen Präsenz und der uneigennützigen Liebe wohnt etwas Mystisches inne. Sie alle haben eine Eigenkraft, die den Geber übersteigt.

Schenken als genuin religiöser Akt

Darin steckt ein gehöriges Mass an Unverfügbarkeit. Liebe lässt sich nicht erzwingen, Lebenszeit nicht erkaufen, und die Spende, deren Wirkung ich nicht beobachte und deren Begünstigte mich nicht kennen, legen wir sprichwörtlich in Gottes Hand.

Marion schreibt von einem Überschuss, der uns übersteigt. Davon, dass die grossen Dinge im Leben wie die Liebe, die Offenbarung Gottes oder die Kunst immer Gaben sind, die auf keinen Fall in einer ökonomischen Analyse aufgehen.

Marion ist nicht naiv, er widerspricht Mauss nicht grundsätzlich, denn er weiss, dass kaum eine Gabe jemals ganz ohne diese Logik auskommt. Doch was er beschreibt, ist eine tiefe Wahrheit über das Schenken, an der wir uns vermutlich festhalten wollen, wenn wir schenken.

Diese Wahrheit ist auch ins Fundament der reformatorischen Theologie eingegossen. Vom Wittenberger Reformator Luther schreibt etwa Martin Seils, dass seine Theologie eine Theologie des Schenkens ist.

Erlösung? Geschenkt, nicht verdient. Gnade? Geschenkt ohne Gegenleistung. Glaube? Das Geschenk der göttlichen Zuwendung. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Gott, Schöpfer von Himmel und Erde, nichts geschenkt werden kann.

Was sollte die Schöpfung ihrem Schöpfer schenken können?

Der Gedanke «Ich gebe, damit Du (mir) gibst» (do ut des) mit Gott als Adressat wurde zunehmend ersetzt durch den Gedanken «Ich gebe, weil Du mir gibst». Weil man Gott nichts schenken kann, kommt also die Mitwelt in den Blick.

Diakonisches Handeln und gelebte Nächstenliebe haben etwas damit zu tun, dass diejenigen, die viel haben, erkennen, dass sie es im Letzten nicht verdient haben, sondern gesegnet sind.

Die Abkehr vom ökonomischen Kalkül, dass karitatives Handeln auf Erden einen Lohn im Himmel nach sich zieht, hin zum Ideal einer dankbaren Weitergabe der eigenen Gaben, macht schon seit meiner Schulzeit meine evangelische Identität aus. Später lernte ich auch, dass der Diakonie Machtasymmetrien innewohnen und die reformatorischen Kirchen deutlich geiziger sind, als es ihr eigener Anspruch eigentlich vorgeben würde.

Im Kern gehören aber diese idealisierte Vorstellung vom Schenken und meine Theologie zusammen.

Schenken aus Nächstenliebe

Vermutlich arbeite ich deswegen heute im Schenkhaus, einem reformierten Projekt, das genau diese Theologie des Schenkens ins Zentrum stellt. Zu einem besseren Schenker hat mich das bisher zwar nicht gemacht, aber ich glaube, die guten Schenker:innen haben etwas davon intuitiv erkannt.

Geschenke berühren uns dann, wenn sie diesen mystischen Überschuss haben. Wenn ich merke, dass meine Schenkerin an mich gedacht hat, als sie mein Geschenk auswählte, dass sie ihre wertvolle Zeit nutzte, um ergründen zu wollen, was ich mag. Vielleicht sogar, etwas zu finden, das mich glücklich macht, ohne dass ich davon wusste. Etwas, das nicht auf meinem Wunschzettel stehen konnte, weil ich selbst nicht wusste, dass ich es brauche. Dann merke ich, dass ich gekannt werde.

Und dies sind vermutlich auch die wichtigsten Ingredienzien einer gesunden Gottesbeziehung.

«Du hast mich erforscht und Du kennst mich» und «Meine Zeit steht in deinen Händen», heisst es im Psalter. In einem Lebensabschnitt, in dem ich meiner Familie jedes Lego-Set kaufen kann, aber keine Zeit mehr dafür habe, es mit ihnen aufzubauen, sind Präsenz und Zeit mein grösstes Geschenk und mein sehnlichster Wunsch.

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