Da steht ein Mann vor einer Kamera. Der Mann weiss immer, was er sagen soll. Er hat gelernt, die richtigen Dinge zum richtigen Zeitpunkt in eine Kamera zu sprechen.
Freundlich sieht er aus, wenn auch etwas erschöpft. Er trägt einen blauen Anzug. Dunkelblau mit weissem Hemd und passender Krawatte. Der Anzug ist das, was man sich vorstellt, wenn man sich einen Anzug vorstellt. Also einen Anzug-Anzug.
Da steht ein Mann vor einer Kamera, der nicht mehr weiss, was er sagen soll. Aber der Anzug sitzt wie eine zweite Haut auf der Brust. Fast wie ein Stoffpanzer.
Am Revers heftet ein dezentes schwarzes Mikrofon. Die Haare liegen so akkurat als bräuchten sie keinerlei Hilfsmittel, um ihre Form zu halten, einfach weil sie so präzise geschnitten wurden. Die Haare kämen nicht mal auf die Idee, sich anders zu verhalten als von ihnen erwartet. Und nun ist es ihr Träger, der aus der Reihe tanzt.
wenn es anders kommt
Da steht ein Mann vor einer Kamera, der vielleicht irgendwann mal wusste, was er sagen will, aber jetzt irgendwie nicht mehr. Er ist mit den Nerven am Ende, überfordert, braucht Zeit sich zu sammeln, durchzuatmen. Einfach eine kurze Pause möchte man ihm gönnen. Den Arm um ihn legen und sagen – es ist okay, du brauchst gerade keine Antworten haben. Es ist vollkommen in Ordnung mal nicht zu wissen, was du sagen sollst.
Dabei haben wirklich alle ihr Bestes gegeben, damit auch der Mann abliefern kann. Damit auch er das tut, wozu er hier ist. So wie die Haare und der Anzug und das Mikrofon und die Kamera, die auch sehr ordentlich einfach ihren Job macht, nämlich filmen.
Aber irgendetwas ist schief. Das merkt auch der Mann selbst. Und nicht nur er. Auch ich, die ich ihm dabei zusehe. Zum Leidwesen des Mannes bin ich dabei nicht allein. Das unserem Mann vor der Kamera dort gerade alles entgleitet, sehen ein paar Millionen Menschen.
Dieser Mann vor der Kamera stammelt, ist unruhig und unklar und je länger man ihm zusieht, desto mehr merkt man, dass dieser Mann wirklich nicht weiter weiss und auch wirklich gerade nicht das tut, was die Kamera und das Mikrofon und der Anzug und auf jeden Fall auch seine Haare und die paar Millionen Menschen, die ihm beim Stammeln und Entgleiten zusehen, von ihm erwarten. So ein Mist aber auch.
wenn die Worte fehlen
Nun ist es aber so. Der Mann vor der Kamera weiss wirklich nicht mehr, wie er das, was er irgendwann mal sagen wollte, noch zu einem ordentlichen Satz zusammenbringt, auch nicht nach ein paar Schrecksekunden. Und wenn man ihm dabei so zusieht, dann bleibt man nicht unbeteiligt. Er tut einem leid.
Da ist ein Mann vor einer Kamera, der vergessen hat, was er sagen soll.
Seine Sprachlosigkeit, wo immer sie auch herrühren mag, korrigiert meine Erwartungshaltung. Wer zur Hölle erwartet denn, wir seien unbeteiligt, ungerührt. Wir würden sorgsam weiter voranschreiten, ungeachtet der immer weiter voranschreitenden Unfassbarkeiten.
Es gibt so viele Männer, mit ihren Anzügen, vor ihren Kameras, mit ihren mehr oder minder akkuraten Haaren, die viel zu oft genau wissen, was sie sagen wollen. Weil sie wissen, was wahr und richtig ist.
Ich möchte ihnen durch ihre Haare wuscheln und ihnen Ketchup auf ihre Anzüge schmieren und sie aus der Fassung bringen. Sie sprachlos machen. Wie unseren sprachlosen Mann vor der Kamera mit den akkuraten Haaren.
Und ich denke mir, wie gut, dass der Mann ein Mensch ist. Und nicht ein Anzug oder ein Mikrofon oder eine Kamera oder einer von diesen anderen Männern. Wie gut, dass der Mann ein Mann ist, dem die Sprache fehlt, weil er vielleicht über zu viele Dinge berichten musste, die ihn sprachlos machen, in dieser Zeit.
Vielleicht darf diese Sprachlosigkeit, als menschlicher Ausdruck, einfach mal sein.




4 Gedanken zu „Der sprachlose Mann“
Danke für diesen wichtigen, feinfühligen, menschlichen Blog liebe Janna
Danke dir lieber Mark!
lieber Roger Aebli, wie es Ihnen wohl ergangen sein muss in diesen Schrecksekunden, wo Sie nicht mehr weiter wussten, kann ich mir wohl nur annähernd vorstellen – und wie habe ich mitgelitten, Ihnen “Mitgefühl gesendet und Sie auch bedauert, dass genau Ihnen das passiert ist” – trotzdem, Sie haben gezeigt, dass Sie ein Mensch sind und keine KI – und ich hoffe fast, dass immer mehr Menschen vor den Mikrophonen solche Aussetzer passieren, damit wir sehen, dass dies Menschen in solchen exponierten Situationen ereignen kann – einfach Sprachlosigkeit ob so viel Elend und Disruption in dieser Welt – dass Sie auch “nur” Menschen sind…..in diesem Sinne alles Gute und Mut zu weiteren derartigen Einsätzen. Herzichen Gruss, Ursula Jenal
Sehr schöner Beitrag!