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Lesedauer: 6 Minuten

Zwischen Reizüberflutung und Instagram-Minimalismus

Konsum dominiert unser Leben – auch während Corona. Im ersten Lockdown letztes Jahr sparten Schweizerinnen und Schweizer zwar durchschnittlich 3000 Franken mehr als sonst. Im zweiten Lockdown waren es noch 800 Franken. Unser Konsum ist nicht eingebrochen. Am fehlenden Wissen, was unser Überkonsum auf dieser Welt bewirkt, liegt es nicht. Es liegt an unseren Gewohnheiten: Wir sind konsumsüchtig. In diesem Artikel fasse ich Tipps zusammen, die mir geholfen haben, dass Konsum mich nicht beherrscht. Das schont nicht nur mein Budget, sondern auch Ressourcen.

Meine Tipps für ressourcenschonenden Konsum:

  1. Kurzer Selbstcheck: Worum geht es, wenn du konsumierst? Geht es um Lebensnotwendiges oder Dinge, die optional sind? Falls es nicht um Dinge des täglichen Bedarfs geht: Gratuliere. Du bist privilegiert. Auch wenn du nicht nach Bali fliegst, sondern am Sarnersee oder in Frankreich campst.
  2. Warum fühlt es sich trotzdem so an, als hättest du zu wenig Geld? Wenn alle um uns herum arm sind und sich Dinge nicht leisten können, ist das zwar unangenehm, fühlt sich aber weniger schlimm an, weil es allen gleich geht. Schlimmer fühlt es sich an, sich als einzige Person im Freund*innenkreis kein iPhone12 kaufen zu können. Das nennt sich relative Armut. Deswegen hat man aber noch lange nicht zu wenig Geld.
  3. Vielleicht liegt es nicht nur an unterschiedlichen Einkommen, sondern daran, wohin das Geld fliesst. Überprüfe anhand deiner gesammelten Quittungen (Team Papierdinosaurier speaking) oder deinem E-Banking, wie häufig du einkaufst, egal, ob es zum täglichen Bedarf gehört oder nicht. Bei mir ist ein Schalter geklickt, als ich sah, wie wenig kauffreie Tage es bei mir gab. Ich möchte keine Richtlinien vorschreiben, welche Anzahl Käufe pro Woche gesund ist. Geholfen hat mir zu analysieren, was aus den Dingen geworden ist, die ich gekauft habe: Welche verwende ich, welche gammeln? So lässt sich herausfinden, ob es Bereiche gibt, in denen man kaufanfälliger ist. Ich möchte mir zum Beispiel total oft Badezusätze kaufen, weil die so wohlklingende Versprechen haben wie «Entspannendes Melisse-Hopfen-Lavendel-Bad». Nur: Ich bade so gut wie nie. Diejenigen, die ich gekauft habe, durfte meine Mitbewohnerin verbaden.
  4. Wenn du die eigenen Schwächen entlarvt hast, kommst du zum Eingemachten: Impulskontrolle. Das bedeutet, genau das nicht zu tun, was wir intuitiv verinnerlicht haben: zur Kasse zu gehen. Unser Kaufverhalten heute hat weder mit Bedarf noch mit Vernunft, sondern mit Lust und Emotionen zu tun. Wir kaufen ungerne, was einen tatsächlichen Zweck hat, wir bevorzugen, was nicht notwendig ist. Das gibt uns den Dopamin-Kick. Putzessig habe ich noch nie im Übermass gekauft. Flauschige, weisse Pullis dagegen schon.
  5. Als ich mir eingestanden habe, dass der Prozess des Suchens und Kaufens manchmal gleich wichtig, wenn nicht wichtiger als das Besitzen ist, musste ich leer schlucken und schämte mich auch ein bisschen. Gerade, weil ich es hasse, zu viel Zeug zu besitzen. Menschen bewunderten zwar mein Zuhause und die reduzierte Ästhetik, sahen aber die vollen Brockitaschen im Estrich nie. Ich begann, mich aktiv zu beobachten: In welchen Momenten bekomme ich Konsumdrang? Welches Gefühl/welche Wirkung erhoffe ich mir vom Produkt? Wenn es mir mies geht, verfalle ich in Cinderella-Laune. Make Up ist meine magische Fee, die mich verwandeln soll. Mittlerweile weiss ich: Es geht mir nicht um neue Produkte, sondern um das Gefühl, das sie mir vermitteln sollen: Ich möchte mir Selbstbewusstsein aufschminken.
  6. Wenn du die eigenen Muster erst einmal verstehst, kannst du zielgerichteter eingreifen: Lösche verführerische Newsletter, browse nicht ziellos im Netz, meide Orte strategisch, an denen du leicht verführbar bist, oder deaktiviere das automatische PayPal-Login. Falls es doch passiert und das Adrenalin reinkickt, habe ich eine Wunschliste auf meinem Handy angefangen. Ich schreibe dort auf, was ich «will». Die «Wollen»-Liste halte ich getrennt von meiner «Brauchen»-Liste. Dann lasse ich das Produkt liegen. Es braucht Übung, gerade im Brocki oder bei so manipulativen Erfindungen wie Limited Editions. Lerne, das emotionale Trötzeln auszuhalten, und bringe Ruhe und Logik in die Entscheidung: In vielen Fällen habe ich Zuhause bestechend ähnliche Dinge gefunden (hallo, weisse Pullis). Und häufig habe ich die Liste mit etwas Distanz (bei mir ca. einen Monat) angesehen und dachte: Das wollte ich mir echt kaufen? Sich zu mässigen heisst aber nicht, sich alles zu verbieten. Ein Spass-Budget für Schönes unterstützt mich z.B., dass mein Konsum im Rahmen bleibt.
  7. Wenn du bis hierhin gelesen hast: Glückwunsch. Jetzt geht es zum letzten Schritt, dem Kaufen.

    Nachhaltig kaufen ist super, aber am nachhaltigsten ist immer noch der Kauf, der gar nie getätigt wurde.

    Verzicht klingt in unserer Gesellschaft enorm antiquiert, noch dazu in Zeiten von Corona, aber: Vielleicht magst du dir überlegen, worauf du leicht verzichten könntest (Vegetarischer Tag? Kauffreier Tag? Keine Kurzstreckenflüge mehr?) und was dich eher etwas kosten könnte, du aber einmal ausprobieren willst (auf Pappbecher verzichten? Verreisen per Zug?). Dieser Teil gehört ebenso zur «Buyerarchy of Needs». Die Grafikdesignerin und Illustratorin Sara Lazarovic hat diese in Anlehnung an Maslows Bedürfnispyramide entwickelt. Hier sind weiteren Schritte aus der «Buyerarchie», wenn es um vernünftigen Konsum geht:

A. Aufbrauchen/Brauchen, was du hast. Muss ich eine Sonderaktion Duschgel anschleppen, wenn in der Dusche drei angebrauchte stehen?

B. Dinge umfunktionieren, reparieren, mit Bestehendem experimentieren oder selbermachen: Ich habe verwaschene T-Shirts und Hosen gefärbt, Lieblingskleidungsstücke flicken oder anpassen lassen, mein achtjähriges Macbook vom Computer-Nerd des Vertrauens neu aufsetzen lassen, mit Restegemüse im Kühlschrank experimentiert sowie einen alten Balkontisch renoviert.

C. Weitergeben: dem Brocki spenden, in einem Secondhandladen oder auf Ricardo verkaufen, an Freund*innen weitergeben oder auf die Strasse stellen. Wer ein Fan von Tauschabenden ist – nur zu. Mach das aber nur mit sauberen, unbeschädigten Sachen. Und entsorge fachgerecht, was niemand mitnimmt.

D. Kann das betreffende Produkt von jemandem ausgeliehen oder online gemietet werden (Stand Up Paddel, Brettspiel, Kleid für ein Fest, Bohrmaschine, Beamer oder Kamerasachen)?

E. Kannst du es Secondhand kaufen? Brocki und Flohmi brauchen Zeit, spezialisierte Secondhandläden für Kleidung oder Elektronika haben ein ausgewähltes Sortiment. Und dann gibt es natürlich Ricardo, Tutti und Anibis, wo man gezielt und spezifischer einzelne Produkte suchen kann. Für technische Sachen wie Outdoor-Kleidung oder teure Küchenausstattung bieten sich Outlets an. Und wer die TooGoodToGo-App zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennt: WAS?

Nicht alles wird man ausschliesslich Secondhand kaufen können. Es gibt Gegenstände, die sind zu persönlich. Ich will Joggingschuhe nicht gebraucht kaufen. Aber wenn wir unseren Konsumweg umkehren und Optionen abwägen, bevor wir default-mässig Neuware kaufen, ist viel gewonnen.

Diese Tipps sind keine allumfassenden Lösungen. Es sind persönliche Schritte, die mir zu einem balancierteren und ressourcenschonenderen Konsum verholfen haben. Es wird nicht immer gelingen, den Mehrwegbecher ins Café mitzunehmen. Nicht jedes Mal wird man sich gegen den Kaufimpuls wehren können. Aber:

Es braucht mehr Menschen, die unperfekt versuchen, ressourcenschonend zu leben, als wenige, die es «richtig» machen.

Photo by Jon Tyson on Unsplash

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