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Lesedauer: 6 Minuten

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben 

Ein Gedicht aus einer anderen Zeit

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. 

So beginnt dieses Gedicht, mit der Erfahrung abnehmenden Lichts und wachsender Winde. Aber bevor die letzten Erinnerungen an den Sommer vertrieben sind, macht die zweite Strophe seine Restwärme noch einmal sichtbar.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Die Freuden des Sommers verfallen nicht einfach dem Vergessen. Die letzten Tropfen Sommer im Herbst werden liebevoll gewürdigt und dankbar genossen. Und dann wendet sich das Blatt. Die dritte, längste Strophe schaut voraus in den Herbst und den sich anbahnenden Winter.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

1902 wurde dieses Gedicht erstmals veröffentlicht, und man spürt es in jeder Strophe. Das Leben geschieht im Kreislauf der Jahreszeiten. Wetterumbruch und Absturz der Temperaturen sind nicht einfach belangloser Hintergrund des immer gleichen Lebens. Im Winter ruhen die großen und kleinen Baustellen des Lebens. Die Besuchszeiten sind zu Ende. Man reduziert sich auf den Kreis der eng Verbundenen.

Wir erkennen unsere heutige Welt darin nur noch mit Mühe.

In vielen westlichen Ländern sind wir sehr weit darin gekommen, den Wechsel der Jahreszeiten zu vergleichgültigen. Im Winter heizen wir, im Sommer kühlen wir. Statt schlechtem Wetter gibt es nur noch unpassende Kleidung. Die meisten haben gelernt, wie Allwetterreifen zu funktionieren.

Natürlich wird auch im Winter noch gebaut, wenn auch weniger. Der Sommer war sehr groß – das wirkt wie ein Gedicht aus einer anderen Zeit. Zumindest war das einmal so.

Es ist ein Rilkejahr

Und dann kam dieses Jahr 2020. Im Spätwinter taucht es auf, dieses Corona, und erwischt uns eiskalt. Normalerweise leben wir nicht mehr in Rilkes Welt, wo die Jahreszeiten das Mögliche definieren. Ob Straßen befahrbar sind oder nicht, ist keine Frage mehr des Wetters, sondern der Organisation von Räumungsdiensten. Die Bahn fährt auch im Winter, in der Schweiz auf jeden Fall, in Deutschland zumindest meistens. Es gibt keine gemeinsame Herbststimmung mehr. Manche gruselt es, andere freuen sich. Jeder lebt in seiner Welt. So beschreiben wir unsere Welt.

2020 trifft es uns wie ein Schock, dass wir alle wieder in derselben Welt leben. Und mehr: Jahreszeiten sind real.

Die meisten westlichen Länder kommen mit ihren Maßnahmen über eine erste Corona-Welle hinweg. Und dann ist es Sommer. Die Fallzahlen befinden sich im freien Fall. Endlich gibt es wieder so etwas wie ein öffentliches Leben. Okay, weder Großkonzerte noch Kirmes oder Fußballstadien, aber nun doch: Biergärten! Strandleben! Summer in the City! Der Sommer war sehr groß. Ohne Umarmung oder Küsschen, aber wieder unter Leuten. Wir waren wandern oder schwimmen, besuchten Gottesdienste, Chor- und Theaterproben. Demonstrationen ziehen durch die Straße. Gegen rechts und für das Leben, vor allem aber auch: gegen Hygiene-Auflagen. Auf dem Minimum der Maßnahmen findet die Empörung über Einschränkungen ihr Maximum. Es sind glückliche Zeiten, wo solcher Ärger und der Ärger über solchen Ärger gerade alle anderen schlechten Nachrichten verdrängen kann.

Der Sommer war sehr groß.

Nicht, dass niemand gewarnt hätte, dass es im Herbst und Winter anders kommen könnte. Aber Respekt vor den Jahreszeiten ist so ungeübt.

2020 hat so vieles 1902mäßiges. Jahreszeiten sind real. Der Sommer war ein Möglichmacher. Es ist Herbst und die Leute sind wieder drinnen. Es ist Herbst, aber wir leben einfach weiter wie im Sommer. Es ist Herbst, die Entwicklung der Corona-Fallzahlen in ganz Europa sagen uns, dass wir so nicht weitermachen können.

Es ist Herbst und wir wollen es nicht wahrhaben. Nie war es so wahr wie in diesem Jahr: Viele Treffen, Feiern, Begegnungen, die lange möglich waren, werden ausfallen. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Die Welt kann wieder Rilke – können wir das auch noch?

Ein Gedicht für unsere Zeit?

Kann man, sollte man bei Rilke was lernen? Das Schicksal wieder ernst zunehmen? Unvermeidliches nicht zu verdrängen? Nun könnte man mit Gründen sagen: Lasst uns doch den Fortschritt genießen, eigentlich dieser Rilkewelt entwachsen zu sein! Wir sind weit gekommen in der Zähmung des Schicksals.

Niemand sollte sich nach Zeiten sehnen, in der passive Ergebenheit eine Schönfärbung der Einwilligung ins Unvermeidliche darstellte.

Nein, kein Zurück nach 1902. Dinge lassen sich bewegen. Nicht immer schnell, geschweige denn sofort. Aber langfristig immer.

Ja, irgendwie schon, zurück nach irgendwann ist nie eine gute Idee. Aber unsere Zähmung des Schicksals hat auch einen Preis. Je weniger Schicksal, desto mehr Schuldige. Es gibt kein Unglück mehr, nur noch Versagen.

Olympische Spiele sind ausgefallen. Aber für nicht wenige sind die Corona-Statistiken an die Stelle von Medaillenspiegel getreten.

Wer hat am schnellsten reagiert? Die niedrigsten Fallzahlen. Die meisten Intensivbetten? Den geringsten Wirtschaftseinbruch? Den unfähigsten Präsidenten? Die beste Krisenmanagerin? Die klügsten Virologen? Braucht es je wieder Olympia, wo man aus dem Handgelenk eine solche Vielzahl neuer Disziplinen schütteln kann? Der Herbst ist noch lange nicht rum und der Winter kommt erst noch. So denke ich mit Schrecken und meine damit: Es könnte hart werden. Und ich möchte wieder ein wenig Rilke lernen.

Was könnten wir denn lernen, wenn wir es noch können? Altmodische Dinge, wie Dankbarkeit, Demut und Geduld. 1902-mäßige Dinge. Aber in diese Zeit könnten sie wieder passen. Herr, der Sommer war sehr groß. Es beginnt nicht nur wie ein Gebet, es ist eines von Anfang bis Ende. Im Beten finden wir Zugang zu Sprachen, die wir in der Zähmung des Schicksals leicht verlernen. Zu leicht verlernen. Die Sprache der Dankbarkeit.

Der Sommer war sehr groß. Wir haben gegrillt, alte Freunde getroffen. Wir haben einander erzählt von den Wochen, wo die Welt Kopf stand. Der Sommer war sehr groß. Für Momente haben wir das Gefühl vergessen, wie es ist, wenn einem die Decke auf dem Kopf fällt. Die meisten von uns, hatten keine Ahnung, wie schnell der Herbst uns das Gefühl zurückgibt.

Mehr Sprache der Demut wäre hilfreich. Vielleicht auch weniger Nationen-Ranking. Überhaupt mehr Solidarität statt Besserwisserei.

Am Ende gibt es keine Siegerehrung für die, die alles als erste wussten und am konsequentesten umsetzten. Es ist eine Heimsuchung, die keinen verschont. Und da könnte auch eine Sprache der Geduld hilfreich sein. Vor uns liegen Herbst und Winter. Nicht das Ende der Welt. Bessere Zeiten gab es und wird es geben. Rilkes lakonische Beschreibung unvermeidlicher Wintereinsamkeiten sind nicht trostlos, sondern realistisch. Die Einwilligung ins Unvermeidliche ist keine Niederlage. Loslassen ist kein Scheitern.

In diesem Rilkejahr möchte ich von einem solchen Gedicht wieder lernen. Die Fähigkeit, mit offenen Sinnen das zu genießen, was noch geht. Die Bereitschaft, loszulassen, was sich nicht halten lässt. Die Kraft zu ertragen, was unvermeidlich ist. Ohne den Schmerz immer gleich Wut werden zu lassen auf die vermeintlich Schuldigen, Dummen und Unvorsichtigen. Ein wenig mehr Rilke für das Rilkejahr!

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3 Kommentare zu „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben “

  1. Roland Portmann

    Was für ein toller und tiefgründiger Beitrag!
    Toll, dass wir Leute wie Thorsten Dietz bei reflab haben!
    Super und weiter so!

    1. Stephan Juette

      Lieber Roland,
      ich freue mich herzlich mit dir mit! Solche Texte sind ein echtes Geschenk. Schön, freuen wir uns gemeinsam darüber 😉

  2. Eleonore Premm

    Meine Tochter schickte mir den Link. Jetzt muss ich nachdenken, was sie mir damit sagen will.
    Dieser Text steht jedenfalls über diesen Coronaleugner-Posts. Es ist wichtig, dass wir einen Schuss vor den Bug bekommen und zu nachdenken beginnen. Der Karren war schon vor dem Lockdown ziemlich verfahren. Wir werden lang brauchen, um ihn wieder flott zu bekommen.
    Wenn wir achten was wichtig ist im Leben und gemeinsam werken, wird es gelingen.
    Vielen Dank für die wunderbare Interpretation des zeitlosen Gedichtes.

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