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Lesedauer: 6 Minuten

Unfreiwillige Askese – aber keine innere Ruhe

Eben noch lebte auch ich in jener frenetischen und hyperaktiven Vor-Coronazeit, die mir schon jetzt eigentümlich fern vorkommt. Nun befinde ich mich, wie fast alle, mehr oder weniger in Isolation, und ich stelle mir Fragen, die mir noch vor zwei Wochen absurd erschienen wären:

Wie lange noch darf ich mich draussen bewegen, darf ich spazieren gehen oder Radfahren? Wird sich der Frühling dieses Jahr ohne mich ereignen, ohne dass ich zu ihm Zutritt habe? Wie werde ich das über Wochen oder sogar Monate hinweg aushalten, ohne depressiv, bitter oder aggressiv zu werden?

‹Pulsierende› Städte wie Berlin, wo ich lebe, sind nun, von einem Tag zum anderen, soziale und kulturelle Wüsten geworden, und wir Stadtbewohner entsprechend unfreiwillige Eremiten, Stadtwüstenbewohner.

Können wir in dieser Situation von jenen frühchristlichen Eremiten, die uns eben noch als kauzige Sonderlinge erschienen, etwas lernen?

Karma-Boost der Wüstenväter

Frühchristliche Asketen, wird man einwenden, zogen sich in die Abgeschiedenheit zurück, um zu beten und zu meditieren. Unsere Isolierung gleicht dagegen eher einer Quarantäne. Immerhin aber deutet die namensgebende Zahl 40 (quaranta) [1] eine Verbindung von körperlicher und geistiger Dimension auch bei der Quarantäne an. Jener Aufenthalt Jesu in der Wüste, der als Moment der Entscheidung und Begegnung mit Gott und Vorbild für die christlich-eremitische Lebensweise gilt, dauerte laut Evangelien vierzig Tage. Davon leitet sich auch die vierzigtägige Fastenzeit ab, in der wir uns gerade befinden.

Aber die damaligen Eremiten zogen sich freiwillig zurück, während unser Rückzug eher den Charakter einer staatlich verordneten Zwangsmassnahme aufgrund einer Notsituation hat.

Doch vielleicht ist auch hier der Unterschied weniger trennscharf, als es zunächst scheint: Den historischen Hintergrund der frühen Eremiten- und Klosterbewegung bildeten die kriegerischen Völkerwanderungen. Diese mögen, wie manche Studien nahelegen, den Wunsch nach Rückzug, Ruhe und Sicherheit nicht unwesentlich mitbeeinflusst haben.

Unseren “Dämonen” begegnen

Die offensichtlichste Parallele scheint nun darin zu bestehen, dass wir, wie damals die Eremiten, durch die Corona-Quarantäne auf uns selbst zurückgeworfen werden, und, wenn ein Ende der Pandemie weiterhin unabsehbar bleibt, wir es verstärkt mit unseren ‹Dämonen› zu tun bekommen. Besonders hier können wir auf interessante Einsichten hoffen.

Wüstenväter wie Euagrios Pontikos, ein Grieche, der sich im vierten Jahrhundert in der ägyptischen Wüste zurückgezogen hat, wurden in der Abgeschiedenheit zu regelrechten Akrobaten der Abwehr seelischer Ansteckungen: sei es mit Angst, Zweifeln oder schwerer Trübsal. Euagrios entwickelte eine eigene Methode des Umgangs mit widerstrebenden Geistern: die ‹antirrhetische Methode› oder Methode der Gegenrede.

Die antirrhetische Methode

Die ‹antirrhetische Methode› erscheint simpel und ist doch höchst anspruchsvoll. Sie besteht darin, jedem schwächenden oder kränkenden Gedanken einen stärkenden und ermutigenden Gedanken gegenüberzustellen – und beide Seelenbereiche, den konstruktiven und den destruktiven, miteinander ins Gespräch zu bringen. Die Voraussetzung bildet schonungslose Introspektion. Euagrios empfiehlt:

«Sollte ein Mensch aus eigener Erfahrung die schlimmen Dämonen kennenlernen und sich mit ihrer Kunst vertraut machen wollen, rate ich ihm, gut seine Gedanken zu beobachten. Achten sollte er auf ihre Intensität, auch darauf, wann sie nachlassen, wann sie entstehen und wieder vergehen.» [2]

Das klingt fast schon wie moderne Psychologie. Die Methode des Euagrios lässt sich als ein Mittel der geistigen oder spirituellen Hygiene und Immunstärkung ansehen und empfehlen. Es ist ein Mittel, dass, anders als materielle Desinfektionsmittel, glücklicherweise nicht so leicht ausgehen kann.

Selbstsabotage in der Isolation

Wie sehen ‹Versuchungen› in Corona-Quarantäne-Zeiten aus? Ich spüre bei mir eine Neigung, ‹worst case›-Szenarien auszumalen. Ich werde mich diesen aber jetzt bewusst nicht hingeben, denn ich kenne das Resultat: Erst malt man den Teufel an die Wand, dann versinkt man in selbst erzeugten Angstbildern, um schliesslich in Panik auszubrechen und in Angst unterzugehen. Man macht sich fertig, noch ehe ein Virus oder eine andere durchaus reale Gefahr die Chance erhält, dies zu erledigen.

Bei manchen Menschen gibt es die fatale Neigung, sich exakt in Momenten, in denen ein Karma-Boost gefragt ist, selbst zu schwächen. Introspektion kann selbstschwächende Dynamiken aufdecken, die oft unbewusst wirken. Mitunter sind es seit Kindertagen vertraute Muster inadäquater Stressbewältigung.

Fraglich bleibt indes, ob wir im fortgeschrittenen Medienzeitalter und erst recht in der Corona-gepeitschten Gegenwart hektischer Liveticker überhaupt die notwendige innere Sammlung finden, die die Voraussetzung sorgfältiger Selbstbeobachtung ist. Denn hier liegt ein entscheidender Unterschied zwischen der ‹Wüste› der Asketen und unseren gegenwärtigen Sozialwüsten, zwischen der Klausur des Klosters und der häuslichen Klausur mit Breitbandanschluss.

Von der Pandemie zur Pandämonie

Der Philosoph und Medientheoretiker Boris Groys hat einmal festgestellt, dass es unter der Kondition des World Wide Web im Prinzip kein psychisches Unbewusstes mehr gibt. Alles Abgründige, jegliches Begehren und jede erdenkliche Sorge, Angst oder Horrorvorstellung  liegt durch des Internet immer und prinzipiell für jedermann offen zutage.

Im digitalen Zeitalter müssen wir uns nicht nur mit den eigenen Dämonen herumschlagen, die fürchterlich genug sein können, sondern mit der Panik, den überschiessenden Ängsten und den ‹Fake News› der ganzen Welt – und zwar permanent.

Nach der asketischen Matrix kehrte man der Welt und ihrem Trubel den Rücken, um in der Abgeschiedenheit sich selbst und Gott zu begegnen. Heute erscheint das Prinzip auf den Kopf gestellt: Wir fliehen nach draussen, in die Strassen, die Parks, die Berge, um zur Besinnung zu kommen, weil wir im Inneren keine Ruhe finden, sondern andauernden Attacken durch alarmierende, stressende und empörende Meme ausgesetzt sind. Insbesondere in Sozialen Medien sorgen wir alle für die virale Durchseuchung unserer intimsten, vormals ‹privaten› Sphären.

Kommunikation – aber am richtigen Ort

Die Gefahr ist real, dass sich in der gegenwärtigen Pandemie-Zeit gerade die Nachteile addieren: Wir sind zur Isolation verdonnert, brauchen aber Informationen, Kommunikation und Ablenkung. Wir setzen uns vorbehaltlos dem Internet aus, das, so hilfreich es oft auch sein mag, zugleich die denkbar grösste Info-Virenschleuder ist. Wir leben notgedrungen zurückgezogen, finden aber keine Ruhe, sondern sind umso stärker kollektiven Panikwellen ausgesetzt. Wir schlittern von der Pandemie in die Pandämonie.

Eine heutige antirrhetische Methode müsste uns entsprechend helfen, Wichtiges und Dienliches von Zerstörerischem zu trennen. Wenn wir ‹User› einigermassen gelernt haben, mit Antivirenprogrammen umzugehen, müssen wir, gerade in Zeiten der Zwangsaskese, lernen, psychische Firewalls aufzubauen und seelische Antivirenprogramme zu implementieren, die uns vor einem Übermass an schwächenden Informationen, an seelischer und geistiger Infektion schützen.

 

Quellen-Angaben:

Photo by Finding Dan | Dan Grinwis on Unsplash

[1] Zur Seuchenschutzpolitik im mittelalterlichen Venedig gehörte, dass verdächtige Schiffe vierzig Tage, quaranta giorni, zuwarten mussten, bevor man sie in den Hafen einfahren liess.

[2] Zit. nach Anselm Grün, Der Himmel beginnt in dir. Das Wissen der Wüstenväter für heute, Freiburg: Herder 1994. S. 61.

 

 

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2 Kommentare zu „Unfreiwillige Askese – aber keine innere Ruhe“

  1. Pan-Dämonie, ja, das droht auch noch. Wichtig, dagegen Antikörper aufzubauen.
    Schade, dass der Artikel selbst nicht darüber hinausführt und auf einer tieferen Ebene damit zur Pan-Dämonie beitragen könnte.
    Wir vermissen die persönlichen Kontakte – die direkten, in denen wir uns körperlich umarmen können. Super, haben wir so viele andere Möglichkeiten in diesen Tagen: Telefonartige Verbindungen, bei denen wir uns, wenn gewünscht, sehen und zulächeln können. Email, whatsapp und Co, über die wir uns auch auf die vielen ermutigenden Beiträge auf dem Internet aufmerksam machen – und unsere eigenen Ideen, die wir in gedankenversunkenen Minuten und Stunden auskochen, austauschen können. Wie wär’s, wenn wir uns als blutige Laien zumuten würden, unseren eigenen Beitrag (Text, Liedstrophe, Bild) zu den grundlegenden Themen des Lebens zu erarbeiten, und diesen dann auch zu teilen? Das macht Freude… und verbindet uns so tief wie eine Umarmung.

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