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Lesedauer: 4 Minuten

Gewagte Menschenfreundlichkeit

Die aktuelle Corona-Krise hat auch die Sozialen Medien in Aufregung versetzt. Und neben vielen Solidaritätsbekundungen und Aufrufen zur Ernstnahme der Ausnahmesituation finden sich in diesen kritischen Tagen und Wochen auch zahlreiche verschrobene, absurde und gefährliche Wortmeldungen.

Nur die Verschwörungstheorien verbreiten sich noch rascher als das Covid-19-Virus, hat der selbsternannte Sektenexperte Hugo Stamm gemeint, und für einmal muss ich ihm Recht geben.

Die harmlose Grippe

Ein Arzt aus einem italienischen Spital behauptet, es hätte in Italien in Tat und Wahrheit noch keinen einzigen Corona-Toten gegeben – während die Bestattungsinstitute in Italien um Hilfe rufen, weil sie am Limit laufen und ihnen buchstäblich die Särge ausgehen.

Irgendein deutscher Professor äussert auf YouTube die Überzeugung, Covid-19 sei harmloser als jede Grippe und die ganze Krise wäre nur politische Panikmache – während die aktuellen Statistiken eine Verdoppelung der Infiziertenzahlen alle 2 bis 3 Tage nahe legen.

Und natürlich glauben manche auch, das Coronavirus sei ein Versuch des Papstes, Europa auszurotten, ein Anschlag der Russen oder der Chinesen auf die westliche Gesellschaft, eine Alien-Invasion und dergleichen. Alle möglichen Leute scheinen im Scheinwerferlicht der Corona-Krise ihre «15 minutes of fame» zu geniessen, tragen damit aber oft zur Verwirrung der Bevölkerung und zur Verharmlosung der Situation bei: ein gefährliches Spiel.

(Un)Glaubwürdige Institutionen

Ich frage mich dann immer, worauf Menschen eigentlich ihr Vertrauen setzen. Es ist gewiss kein Geheimnis, dass unsere Institutionen und ihre Verantwortlichen in den vergangenen Jahren enorm an öffentlicher Glaubwürdigkeit eingebüsst haben: Parteien und ihre Politiker, Banken und ihre Chefs, Konzerne und ihre Manager, Kirchen und ihre Würdenträger… Sie alle geniessen nicht mehr dasselbe Vertrauen, das ihnen vor 20 oder 30 Jahren noch entgegenkam.

Verschiedene einschneidende Ereignisse haben zu dieser Entwicklung beigetragen: Immobilienblase, Bankenkrise, Verfehlungen der Pharmaindustrie, Missbrauchsskandale in der Kirche usw. Die Vorsicht (post-)moderner Menschen öffentlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen gegenüber ist also nicht ganz unbegründet.

Völlig unbegründet ist aber das Vertrauen, welches im Gegenzug allen möglichen Aussenseiterpositionen und Verschwörungstheorien zufliegt. Nur weil jemand das eigene Misstrauen etwa gegenüber Politikern und Wissenschaftlern teilt, muss er deswegen noch lange nicht vertrauenswürdig sein: Er könnte mit seinen Theorien genauso eine verwerfliche, menschenverachtende oder selbstverherrlichende Agenda verfolgen. Der Feind meiner Feinde ist eben nicht automatisch mein Freund.

(Es könnte sich auch um einen hobbylosen Selbstdarsteller handeln, der unsere Aufmerksamkeit missbraucht, um sein YouTube-Ranking zu verbessern und seine hanebüchenen Fantasien unter die Leute zu bringen.)

Vertrauensmutige Menschen

Es muss sich furchtbar anfühlen, wenn man kaum jemandem mehr zu vertrauen bereit ist, weil man immer von niederen, eigensüchtigen, konspirativen Motiven ausgeht. Eine solche Haltung macht einen zweifellos gerade zu dem, was man verabscheut: Wer das Gefühl hat, dass sich keiner mehr wirklich für einen einsetzt, wer überzeugt ist, von unehrlichen, doppelbödigen Menschen und Institutionen umgeben zu sein – der muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Der muss dann eben schauen, dass die eigene Vorratskammer zum Bersten voll ist, dass das eigene Toilettenpapier nicht ausgeht, dass die eigenen Interessen gesichert sind. Und wird eben so zu einer Person, welche das Vertrauen anderer nicht mehr verdient hat.

Misstrauen und Feindschaft sind aber das Letzte, was wir gerade brauchen.

Was vielmehr gefragt ist in solchen Zeiten sind Menschen, welche die Bereitschaft aufbringen, Vertrauen zu schenken und es selbst zu verdienen. Damit ist keine blinde, stumpfe Gefolgschaft einem Staat, einer Parteilinie oder einer Kirche gegenüber gemeint, wohl aber der kritische Mut, auch anderen Menschen Vernünftigkeit und Menschenfreundlichkeit zuzutrauen.

Es ist nicht zuletzt der christliche Glaube, welche zu solchem Vertrauen ermutigt – nicht, weil er einen verklärten Blick auf den Menschen wirft und ihm keine Dummheiten oder Bosheiten zutraut. Vielmehr weil er davon ausgeht, dass der lebendige Gott mitten unter den Menschen gegenwärtig ist und gerade in Krisenzeiten das Gute, Solidarische, Hingebungsvolle in uns zu wecken vermag.

Photo by Tarik Haiga on Unsplash.
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