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Lesedauer: 2 Minuten

Spirituelles Hochstapler-Syndrom

Ich glaube, ich leide an spirituellem Hochstapler-Syndrom. Manchmal habe ich Angst, dass ich eigentlich völlig falsch liege, und es nicht merke. Als ob ich auf einer Bühne stehe und plötzlich merke, dass ich keine Kleider trage.

Als ich kürzlich in einem Gottesdienst den Bibeltext vor der Predigt vorlesen durfte, schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: Was qualifiziert mich eigentlich dafür? Nehmen mir die Menschen das ab? Lese ich das ernsthaft genug vor?

Ich merke, wie das «Innerliche» des Glaubens kollidiert mit der Art, wie unser Alltag heute funktioniert. Wir posten das Essen im Restaurant auf Instagram, taggen Menschen, mit denen wir unterwegs sind, in unserer Story. Doch ich möchte nicht auf Instagram Bilder davon posten, wie ich am Morgen die Bibel lese. Oder jeden Gottesdienstbesuch in einer Story dokumentieren.

Obwohl ich ständig über Fragen des Glaubens in meinen Videos spreche, ist es in meinem Alltag etwas sehr Persönliches. Was ich Gott erzähle, sind meine tiefsten Unsicherheiten und Fragen. Mitten im Alltag ist Gott immer dabei, und ich halte mich ständig an Gott fest.

Hier möchte ich eine gute Balance finden. Zwischen erzählen, was ich glaube, was mir Gott bedeutet, und nicht «oversharen», mich nicht rechtfertigen.

«Rechtfertigen» ist ein gutes Stichwort. «Rechtfertigung» heisst nämlich in der Theologie nochmals etwas anderes als im Alltag. Ganz kurz gesagt, bedeutet es, dass Gott uns Gottes «OK» gibt: «Alles gut, wir haben es gut zusammen, mach dir keine Sorgen!» Der Witz ist: Wir können uns nicht selber rechtfertigen. Jedenfalls nicht vor Gott.

Das macht es vielleicht nicht einfacher, wenn ich Menschen begegne, die mir den Glauben absprechen wollen. Aber es stellt alles ins richtige Licht: Dass ich keine Hochstaplerin bin. Dass zwischen Gott und mir alles in Ordnung ist. Völlig egal, was andere denken.

Kennst du diese Gedanken auch? Schreib mir gerne einen Kommentar!

Übrigens hat Johanna Di Blasi im RefLab mal einen Blogpost zum Thema «Hochstapler» geschrieben.

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4 Kommentare zu „Spirituelles Hochstapler-Syndrom“

  1. Roland Portmann

    Liebe Evelyne

    Danke für deine Offenheit und deine Gedanken:
    Ich denke, du überforderst Dich hier ein bisschen und „überschätzt“ die Wichtigkeit deiner Person im Pfarramt; natürlich „füllt“ die Person die Pfarrer*Innen- Rolle aus, aber das Pfarramt repräsentiert oder steht immer noch für eine Institution: Die Landeskirche; und die äussert sich ja zu theologischen und ethischen Fragen; im Zweifelsfall mache ich es wie bei Abstimmungen, bei denen ich nicht weiter weiss: „Der Bundesrat empfiehlt…“
    Ja es ist zum Teil sogar aus meiner Sicht geboten, die Meinung der Landeskirche in gewissen Fragen zu vertreten (Stichwort Kindertaufe und neu in Zürich auch die Ehe für alle). Auch in der Verkündigung kann ich selber nicht immer das glauben, was ich da predige (Gott hilf meinem Unglauben!), das ist aber oft auch sekundär: ich predige was und wie ich es „gelernt“ habe. Ab und zu darf man sicher auch auf der Kanzel oder sicher im Unterricht oder in der Seelsorge seinem eigenen Zweifeln Raum geben- das kommt meist gut an und die Leute sind froh, dass zu mindest ich kein Bollwerk der Glaubensgewissheit bin, sonder nein ganz normaler Mensch auf seinem Weg mit Gott mit halt viel theologischem Wissen…
    Das „Ich“ auf der Kanzel ist deswegen auch aus meiner Sicht sekundär, ja muss es sogar sein…

    1. Evelyne Baumberger

      Lieber Roland, danke für deinen Kommentar. Ich glaube auch, dass das „ich“ im Pfarramt oder in der kirchlichen Mitarbeit sekundär ist, aber man nimmt es ja doch immer mit, und wie du auch schreibst, die Menschen sind froh darum, auch das zu spüren. Das Unnahbare, Pfarrherrliche gehört doch hoffentlich der Vergangenheit an. Dazu kommt aber, dass es „die“ reformierte Position in vielen Fragen gar nicht gibt, sondern eine grosse Vielfalt. Das kann auch eine Herausforderung sein, den eigenen Weg zu finden. Liebi Grüess!

      1. Roland Portmann

        Liebe Evelyne
        Professionelle Distanz ist noch keine Pfarrherrlichkeit (ein Klischee nebenbei, dass ich so selber bis jetzt nicht erlebt habe: ich kenne ein paar klassische ältere „Pfarrherren“: die zeichnen sich aber durch ihre Volksnähe und ihren grossen Bildungsstand (eher typische Kulturprotestanten) aus und werden in ihren Gemeinden sehr geschätzt); also aufgepasst mit Klischees!
        Und jein: es gibt auch in der reformierten Kirche Grenzen, über die wir nicht gerne reden mögen! Der Kirchenrat hat im Bezug auf die Ehe für alle unmissverständlich Position bezogen; die Kindertaufe gilt; „Rückführungen“ und Schamanismus haben wenig bis gar nix mit dem Protestantismus zu tun…es geht eben nicht anything goes…
        Ich denke, verantwortungsvoll Theologie zu betreiben, heisst auch Grenzen zu ziehen… auch zwischen mir und „der Sache“, auch wenn sie mich zu weilen auch selber betrifft…

  2. Jürgen Friedrich

    Konventionell Glaubende mögen „die Kirche für die Mutter aller Weisheit“ halten. Dazu liegt mir (ein theologischer Laie) Matthäus Kapitel 23 quer.

    Darum die Reime, als weiteres Gegengewicht zu den endlosen Ungereimtheiten im modernen Kirchen-Latein.

    Herzlichst !
    Jürgen Friedrich

    Muttertags-Nachgeburt
    (Jürgen Friedrich)
    F r e e w a r e

    Dem Zentrum aller Ewigkeit
    entspringt der Mix aus Raum und Zeit,
    und alles, was da lacht und schreit,
    das ganze Leben weit und breit,
    gaukelt vor die Wirklichkeit.

    Es zeigt sich hier und heutig
    die Wahrheit unzweideutig :
    Besagter Mix in Konsequenz
    ist ein Produkt von Transzendenz.

    Denn Gegenwart, das ist ja klar,
    im Niemandsland zu Hause war,
    weil zwischen Zukunft und Vergangenheit,
    da gibt es einfach keine Zeit.

    Der Sinn von’s Janze und überhaupt
    ist klar für den, der weiß, er glaubt
    nur fest an höheres Walten,
    und G l a u b e wird es auch erhalten.

    …noch’n Gedicht

    Im Zentrum aller Ewigkeit
    macht sich der Mensch mit Wissen breit.

    Er glaubt zu wissen, was er weiß.
    So macht er sich die Hölle heiß!

    Zusätzlich sagt uns aber Glaube,
    dass den Menschen fehlt ’ne Schraube.

    Was sie darum auch noch bräuchten,
    sind stattdessen helle Leuchten.

    Vielleicht hilft weiter dies Gedicht
    mit dem Ur-Wort ES WERDE LICHT ?

    Wenn man das WERDE hat verstanden,
    dann wird es hell in allen Landen.

    Im WERDE steckt der Keim für Zeit,
    summa summarum also Ewigkeit.

    Nachschlag

    Allein im Zentrum aller Zeit
    kommt vor die ganze Wirklichkeit.

    Nicht rechts, nicht links, mittendrin
    gibt das SEIN dem Leben SINN.

    Nicht gestern, auch nicht morgen,
    im HIER und JETZT haben wir SORGEN.

    Vorausgesetzt, wir glauben nicht,
    an das berühmte ES WERDE LICHT.

    Nun aber klingelt es im Ohr :
    Das Licht kommt nur im Leben vor !

    Das Leben aber – schockschwerenot,
    das Leben selbst ist gar nicht tot.

    Es zählt zusammen 1 + 1
    und sagt am Ende: ALLES MEINS.

    Geglaubtes Leben zielt punktgenau
    auf den Schöpfer von Mann & Frau.

    So wird neu per Reim enthüllt,
    was seit dem Paradies schon gilt :
    Vom wem ist der Mensch das Ebenbild?

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