Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 4 Minuten

Selbstsorgegespräche (1): Ich darf sein!

Raum einnehmen, einfach so und selbstverständlich. Das fiel mir früher schwerer als heute. Vielleicht wollte ich es im tiefsten Herzen auch lange Zeit gar nicht; kokettierte damit, jederzeit wegflattern zu können. Wie ein Zaungast, der sich kurz auf der Gartenhecke niederlässt, sich umschaut und sich wieder davonmacht.

Natürlich waren Eskapismus im Spiel und mangelndes Selbstvertrauen. Und die paradoxe Gleichzeitigkeit von gesehen werden wollen und nicht gesehen werden wollen.

In Franz Kafkas Briefen an Milena, seine Geliebte, stiess ich als Studentin auf den Ausdruck «Kapitalisten des Luftraums». Der hagere, feinnervige Schriftsteller, dem meine ganze Verehrung galt, bewunderte diese Sorte von «Kapitalisten».

«Nur in diesen starkwandigen Gefäßen wird alles zuendegekocht, nur diese Kapitalisten des Luftraums sind, soweit es bei Menschen möglich ist, geschützt vor Sorgen und Wahnsinn und können sich ruhig mit ihrer Aufgabe beschäftigen…»

«Kapitalisten des Luftraums» waren für Kafka dicke Menschen wie sein Bewunderer Franz Werfel.

Der psychologische Raum

Körper nehmen mehr oder weniger Raum ein. Auch Gefühle beanspruchen Raum. Als «psychologischer Raum» wird der innere Wohlfühl- oder Unwohlfühlraum bezeichnet. Für die meisten ist der innere Wohlfühlraum ein ruhiger, sicherer Ort. Manchmal ist dieser Ort empfindlich gestört.

Der Wunsch, im Boden zu versinken. Sich für sein Hiersein und Raumeinnehmen entschuldigen zu sollen oder erst noch irgendwas beweisen zu müssen. Sich auf Partys mulmig fühlen, unter vielen Unbekannten, die einem auch noch die Hände schütteln wollen. Fluchtimpulse. Sich hinterher völlig erschlagen fühlen.

Ein selbstironischer Satz, den es als T-Shirt-Aufdruck gibt, lautet passend zu solchen Fluchimpulssituationen:

«Introverts unite! We’re here. We’re uncomfortable and we want to go home.»

Grenzkonflikte

Heute weiss ich, dass ich mich unsicher und unwohl fühle, wenn meine eigenen Grenzen diffus sind. Weil ich mich nicht abzugrenzen vermag, mich nicht klar spüre oder es mir nicht gelingt, Grenzen zu kommunizieren. Dann laufe ich Gefahr, bei Begegnungen in Rücklage zu geraten.

Wo ist meine Wohlfühlgrenze? Wie kann ich sie hüten? Wie, wenn nötig, eine Schutzhülle aufbauen? Von Menschen, die als Kinder grenzverletzendes Verhalten erlebten, weiss man, dass sie später Schwierigkeiten haben, sich abzugrenzen. Sie misstrauen ihren Gefühlen.

Manchmal blinkt ein rotes Warnsignal, aber ich bin mir nicht sicher, ob es Fehlalarm ist.

In früherer Zeit wurden Götter, Geister oder Engel für Schutzaufgaben bemüht. Wir sind heute nicht weniger bedürftig.

Semipermeable Membran

Ich brauche nicht alles durchlassen und durchgehen lassen. Aber ich möchte, und das ist die Herausforderung, dennoch durchlässig bleiben. Ein schöner Begriff aus dem Physikunterricht lautet: semipermeable Membran. Halbdurchlässig oder teilweise durchlässig, vielleicht ist das die Lösung?

Wenn ich abgegrenzt bin, gewinne ich Profil, Haltung, Rückgrat, werde eine Persönlichkeit und bin spürbarer ich selbst. Man übersieht mich nicht, behandelt mich nicht wie Luft, redet nicht über meinen Kopf hinweg, nimmt mir nicht meinen Raum, hört mir zu.

Wenn ich abgegrenzt und gleichzeitig offen bin, gewissermassen semipermeabel, kann ich selbstverständlich Raum einnehmen und zugleich anderen und anderem Raum geben.

Offen sein bedeutet freilich verletzlich sein. Das eine geht leider nicht ohne das andere.

Offenbleiben und verletzlich

Raumvampire besetzen Räume aggressiv. Ich habe sie breitbeinig und breitellenbogig an Küchen- oder Konferenztischen sitzen sehen. Ihre Präpotenz wird zu häufig auch noch belohnt.

Ihnen setze ich mich inzwischen ebenso breitbeinig und spitzellenbogig gegenüber.

Raumgebende Persönlichkeiten sind im Unterschied dazu Menschen, die zwar ebenfalls Raum einnehmen, aber nicht aggressiv, sondern regelrecht lustvoll. Es sind grosszügige Menschen. Sie brauchen ihr Ego nicht zu demonstrieren, weil sie wissen, wer sie sind.

Wenn dies Kapitalisten des Luftraums sind, gilt ihnen meine Bewunderung. So eine Kapitalistin des Luftraums möchte ich auch sein.

Die Kunst, sich zurückzunehmen

Nur wenn ich Raum einnehme, kann ich mich auch zurücknehmen. Eine hohe Kunst ist es, sich so weit zurückzunehmen, dass andere sich nach vorn wagen.

Ich kann mir Jesus nicht anders vorstellen als eine aussergewöhnlich raumgebende Persönlichkeit.

Raum einnehmen. Einfach da sein, präsent, authentisch, verletzlich, ohne irgendetwas beweisen zu müssen. Eine Haltung finden, bei der der Fokus nicht zu sehr auf eigenen Unsicherheiten liegt. Sich weder zu klein noch zu gross machen. Gemäss der jüdischen Weisheit voll hintergründiger Paradoxie:

«Mach dich nicht so klein, so gross bist du nicht.»

 

Grafik: Rodja Galli

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Alle Beiträge zu «Selbstsorgegespräche»

5 Kommentare zu „Selbstsorgegespräche (1): Ich darf sein!“

  1. Danke für die Gedankenbilder und leichten Worte. Wir machen uns gemein, spitzen die Ellenbogen und ändern die Haltung, verschmelzen mit dem Raum, um zu überleben? Ja, für uns selbst scheint dies der Weg am Tag, Tag für Tag. Aber ist es nicht besser, sensibel zu bleiben, die Schwäche zu offenbaren? Den anderen zuzumuten, emphatisch sein zu können und damit auch für sie das Leben ein Stück zu öffnen. Ich weiß, es ist in vielen Fällen naiv so zu denken oder zu handeln, aber eine Option, im Hinterkopf …?! Beste Grüße und guten Tag 🙂

  2. Johanna Di Blasi

    Danke vielmals! Diese empathische Reaktion freut mich sehr. Hat lange gedauert, bis ich eigene Schwächen besser akzeptieren konnte. Macht das Leben insgesamt leichter.

  3. Danke! Der Text kam wie gerufen und hilft mir wirklich weiter. Genau meine Themen und Schwächen. Und das abschließende Zitat ist sogleich verinnerlicht.

    1. Johanna Di Blasi

      Das freut mich und motiviert mich. Das Zitat vom Schluss sagte mir vor Jahren ein Mensch, der es gut meint mit mir. War anfangs hart zu schlucken, aber dann doch sehr hilfreich.

  4. „Mach dich nicht so klein, so gross bist du nicht!“
    Ist vieles, ach so ehrenwertes, Sich klein machen vielleicht nichts als eine eine Ego-Aufblähung mit umgekehrten Vorzeichen? Das vermute ich manchmal bei Menschen, die von sich selbst immer als „Meine Wenigkeit“ sprechen. Ich halte es da mehr mit Nelson Mandela: „Unsere Aufgabe ist es, zu scheinen. Dich selbst klein zu machen, hilft der Welt nicht. Es ist nichts Erleuchtetes dabei, sich selbst klein zu machen, um die anderen nicht zu verunsichern.Wir werden geboren, um Gottes Herrlichkeit, die in uns ist, in die Welt zu bringen. Sie ist nicht nur in einigen von uns. Sie ist in jedem. Indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, es ebenso zu tun.“

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