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 Lesedauer: 7 Minuten

Rauchschwaden über Athen

Während ich auf dem Areopag in Athen sitze, sticht mir in der Ferne ein Brandherd in die Augen, vielleicht ein Schwelbrand wegen der extremen Hitze. Der Rauch färbt den Horizont schwarz. Und der Sonnenuntergang ist ohnedies durch Smog und Saharastaub vernebelt.

Das scheint aber die romantische Stimmung der sonnenanbetenden Tourist:innen rings um mich kaum zu trüben.

Das Abendlicht lässt die Akropolis in warmen Orangetönen aufleuchten: eine perfekte Selfie-Kulisse. Eine Touristin steht dicht am Abgrund und erprobt in immer neuen Varianten Fotoposen.

Turnschuhe erzeugen auf dem mamorglatten Felsen quietschende Geräusche. Tourist:innen rudern mit den Armen, haben Mühe, auf dem glatten Fels die Balance zu halten. Die blank gescheuerte Oberfläche des rötlichen Steinbrockens belegt: Unendlich viele Füsse sind darüber gelaufen, seit Jahrtausenden.

Speakers Corner der Antike

Im Altertum war der Fels eine Art Speakes Corner, unterhalb der alles überragenden Tempelanlage Akropolis. Auf dem Felsplateau tagte auch der Stadtrat.

Laut Apostelgeschichte (17,16-34) luden Athener den Apostel Paulus zu einem philosophischen Disput auf die Aussichtsplattform ein. Die Geschichte, höchstwahrscheinlich eine literarische Fiktion, geht so:

Der Apostel versucht, seinen Zuhörenden die neue Lehre über Jesus und die Auferstehung begreifbar zu machen. Wohl um den Inhalt für seine philosophische Zuhörerschaft anschlussfähiger zu halten, flicht er stoisches Gedankengut ein.

Der polytheistischen Religionspraxis, die er als äusserlich brandmarkt, hält er die transformierende Lehre vom universalen Gott als Weltschöpfer und Erhalter entgegen. Die Rede ist apokalyptisch gefärbt.

Tempel für den unbekannten Gott

Einen tatsächlich bestehenden Tempel in Athen, dem «unbekannten Gott» geweiht, nimmt der Wanderprediger als rhetorischen Anknüpfungspunkt für seine Umkehrrede. Eben jenen unbekannten Gott, «den ihr verehrt, ohne ihn zu kennen, verkündige ich euch», erklärt Paulus.

«In ihm nämlich leben, weben und sind wir, wie auch einige eurer Dichter gesagt haben: Ja, wir sind auch von seinem Geschlecht», heisst es in der Luther-Bibel und ähnlich in der Zürcher Übersetzung.

Wer ist der unbekannte Gott, in dem wir leben, weben und sind? Oder ist es eine Göttin?

Ökologische Theologie und kosmische Spiritualität

In anderer Weise als zu Paulus Zeiten zeigt sich heute der Umweltbezug der Lebewesen, also die Ökologie, als prekär.

Das Denken des kürzlich verstorbenen grossen protestantischen Theologen Jürgen Moltmann fokussierte sich zuletzt vor allem darauf: die verheerende Klimaüberhitzung, das Artensterben und die Notwendigkeit einer «grossen Transformation».

«Wir müssen von der Weltherrschaft zur kosmischen Gemeinschaft kommen, wenn wir überleben wollen», war Moltmann überzeugt.

Politiker:innen betrachteten den «grossen Transformationsprozess» einseitig technisch: erneuerbare Energien, recycling industries – notwendig aber sei: «ein neues Naturverständnis, ein neues Menschenbild, ein neuer Lebensstil und eine neue kosmische Spiritualität: eine Erfahrung Gottes.»

«Planetarische Solidarität und kosmische Spiritualität sind zu üben.»

Biblische Rechtfertigung der Erdschändung

Moltmann scheute sich nicht, an James Lovelocks Gaia-Hypothese theologisch anzuknüpfen. Die Erde sei ein Lebewesen, ein «schöpferisches Geschöpf».

Der Theologe sprach von der Hoffnung auf «kosmische Versöhnung» und der Rückkehr des «kosmischen Christus» – und sah keinerlei Widerspruch zu einer Sicht auf die Erde als grosse Mutter.

Gleichzeitig kam Moltmann nicht umhin, der biblisch-theologischen Tradition (Der Mensch als «Gottes Ebenbild», der sich die Erde untertan machen soll) eine Mitverantwortung an der anschwellenden Megakrise zuzuschreiben. Sie habe die europäische Kolonisierung weiter Teile der Welt und die Ausschlachtung der Erde als Ressource gerechtfertigt – beides Gründe für die heutige Krise.

Rückkehr nach Delphi

180 Kilometer von Athen entfernt liegt Delphi, das kultische Zentrum der alten Welt. Bevor die Orakelstätte Zentralheiligtum Apollos wurde, war es eine Kultstätte der Gaia.

Die Bezeichnung Delphi leitet sich wahrscheinlich vom griechischen Wort δελφύς (delphys) für «Gebärmutter» ab.

Nach der Philosophin und ökofeministische Künstlerin Elisabeth von Samsonow – in ihrem 2006 erschienen, Gaia gewidmeten Buch «Anti-Elektra» – existieren wir in Gaia als geboren und zugleich ungeboren:

«Humans eat the body-producing macro-body of the Earth, within a system they dwell in as if unborn. That is why humans are simultaneously born and unborn.»

(Der Mensch isst den körperproduzierenden Makrokörper der Erde, innerhalb eines Systems, in dem er wie ein Ungeborener wohnt. Deshalb ist der Mensch gleichzeitig geboren und ungeboren.)

Ist es narzisstisch kränkend, als Christ:in an alte Sichtweisen auf die Erde als grosse Mutter anzuknüpfen?

Innerchristlicher Kampf um Gaia

Theologie und Kirche stünden vor radikalen Herausforderungen, betonte der fast 100-jährige Moltmann in einem seiner letzten Interviews, wohl wissend, dass die Christenheit gerade in der ökologischen Frage nicht tiefer gespalten sein könnte.

Während die einen Angst um das Leben auf der Erde umtreibt, misstraut eine Minderheit wissenschaftlichen Daten, häufig ohne nähere Überprüfung, und spricht von «Klimalüge» und menschlicher Hybris.

«Nur Gott könne Wetter und Klima beeinflussen, sicherlich nicht der Mensch», wird behauptet.

Also brauchen wir unser planetenschädigendes Leben nicht zu ändern?

Der «Kampf um Gaia» ist heute auch ein innerchristlicher Kampf. Immerhin in der apokalyptischen Grundstimmung treffen sich Klimabewegte und Skeptiker.

Smog, Saharastaub und Rauchschwaden

Zurück auf dem Areopag: Die Gemeinschaft der Sonnenanbetenden am Areopoag ist mit Flugzeugen, Zügen, Autos, Bussen und Fähren angereist. Wir Tourist:innen wohnen in klimatisierten Hotelzimmern oder Airbnbs und sind alle Smartphone-bewaffnet.

Anders als viele Athener, die sich das nicht mehr leisten können, ziehen wir bald weiter: auf gut belüftete griechische Ferieninseln oder wir kommen von dort.

Am anderen Ende der Stadt bescheint die Sonne archäologische Reste, die wahrscheinlich Überbleibsel der platonischen Akademie sind; heute eine öffentliche Parkanlage, in der gegrillt, gespielt und mit dem Hund spazieren gegangen wird.

Kurz nach Sonnenuntergang wird es noch einmal drückend heiss: 80 Prozent der Stadt sind dicht bebaut.

Beton und Stein heizen sich tagsüber wie ein Kachelofen auf und strahlen jetzt ab.

Noch vor fünf Jahren hat sich der Umweltaktivist Yorgos Theodorakis für Permakultur begeistert. Statt von «Climate Change» sprach er lieber von «Climate Chance»: in der Annahme, die Vorzeichen globaler Überhitzung würden eine soziale und politische Umkehr einleiten. (Von ihm ist der Name des RefLab-Klimadossiers inspiriert).

Die Erde fiebert

Seit seiner Studienzeit in den 1970er-Jahren wird der Treibhauseffekt verstärkt diskutiert. Aktuelle Klimadaten lassen Yorgos verzweifeln.

«Ich weiss nicht, was tun», sagt der Athener in einem kleinen Gesprächszirkel, der Avtonomi Akadimia der Künstlerin Joulia Strauss.

Die Avtonomi Akadimia tagt seit zehn Jahren immer im Sommer in den Ruinen des Gartens der platonischen Akademie. Die Grassroots-Akademie muss Vorträge und Workshops von Jahr zu Jahr weiter in den Frühsommer verlegen, da es immer früher unerträglich heiss wird.

Inzwischen werden in Athen schon im Juni Spitzen um die 40 Grad gemessen. Die Stadt fiebert. Die Panik der Einheimischen wächst.

«Pocket Parks» gegen Hitzetod

An verschiedenen Stellen wird Athen hektisch begrünt. Sogenannte «Pocket Parks» sollen das Mikroklima der Betonwüste positiv beeinflussen; und eine App dabei helfen, auf möglichst schattigen Wegen von A nach B zu gelangen.

Athen leistet sich mittlerweile sogar eine eigene Hitzebeauftragte, um Massnahmen zu koordinieren.

Im Garten der Akadimia Platonos aber sind Rodungen angekündigt. Bäume sollen Platz machen für einen weiteren archäologischen Touristenhotspot in Athen.

Solche Inkonsequenzen und Widersprüche lassen Naturschützer:innen verzweifeln.

Hoffnung macht neugierig auf Zukunft

Der «unbekannte Gott» der Areopag-Predigt von Paulus ist der Gott, «der allen das Leben gibt und was zum Leben notwendig ist.» Bisher hätten die Menschen das nicht erkannt, und Gott habe Geduld mit ihnen, heisst es in der Apostelgeschichte.

«Aber jetzt befiehlt er allen Menschen auf der ganzen Welt, zu ihm umzukehren.»

Im Lichte einer ökologischen Theologie erscheinen die neutestamentlichen Sätze in unsere Gegenwart hineingesprochen.

Der letzte Satz Jürgen Moltmanns in dem zitierten Interview [1] ist übrigens ein Beleg eines unverbrüchlichen Glaubens:

«Hoffnung macht neugierig auf die Zukunft!»

 

[1] Die Moltmann-Zitate entstammen dem Interview mit der Überschrift «Was ist ökologische Theologie, Jürgen Moltmann». Online zu finden auf den Seiten der Konferenzreihe «Glaube Liebe Wandel. Kirche in der sozial-ökologischen Transformation» der Evangelischen Akademie im Rheinland und der Melanchthon-Akademie in Köln.

Lektürehinwies: Auch der französische Anthropologe Bruno Latour («Kampf um Gaia») knüpfte bei Lovelocks Gaia-Hypothese an.

Ein RefLab-Podcast mit der Ökofeministin und Künstlerin Elisabeth von Samsonow erschien in der Reihe «TheoLounge».

Foto: Areopag, Juni 2024, Luca Di Blasi

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