Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 4 Minuten

Ode an den Morgen

Ich bin total verliebt. In den Morgen. Aufwachen fühlt sich je neu wie ein kleines Fest an, ein Fest, in einen neuen Tag starten zu dürfen. Ein Tag voller Optionen, Abenteuer und Überraschungen.

Nichts ist so vielversprechend frisch wie ein Morgen, findi. Die Luft ist wie neu, das Licht zeichnet manchmal in den lieblichsten Farben Muster in den Himmel, die Welt erwacht neu.

Wer bin ich eigentlich?

Aufstehen ist ein wunderbar langsames Ding. Katzen füttern, wieder ins Bett für meine Morgenübungen / -gebete, diverse Getränke zubereiten, vilich etwas essen.

Um zehn beginne ich zu arbeiten. Oder auch nicht, je nachdem, was an jenem Tag grad dran ist.

Wenn ich aufwache, habe ich meist keine Ahnung, wo ich bin, welcher Wochentag es ist und welche Aufgaben anstehen. Ja, ich weiss oft nicht einmal, wer ich denn genau bin.

Das war nicht immer so.

Früher war das nicht so entspannt

In meinem früheren Leben waren Morgen eine sehr unfreie und unangenehme Angelegenheit. Ich musste aufstehen, musste auf den Zug, musste um diese und diese Uhrzeit in einem Büro sitzen oder bei einer Aufnahme sein, musste, sollte, ständig.

Entspannt ist anders. Das vorherrschende Gefühl war: «ich habe keine Zeit» und «das ist alles furchtbar anstrengend».

Ich habe so unendlich viel Mitgefühl für diese Frau von damals. Voller Unschuld spielte sie nach den Regeln der andern und hatte keine Ahnung davon, wie die Realität eigentlich ist.

Dass Regeln und Zeit eine sehr relative Angelegenheit sind, und auch der Handlungsspielraum eines separaten Ichs schwerlich begrenzt.

Die letzten Jahre, verbracht in Stille, schenkten da eine ganz andere Perspektive, ganz andere Einsichten. Gratis, literally, gratis.

Lineare Zeit ist bloss ein Konstrukt

Und so fühlt sich ein Morgen tatsächlich nach einem Neubeginn an, jeden Tag. Ein Neubeginn, der nicht anstrengend ist, weil mein Wesen um die Gleichzeitigkeit aller Dinge weiss. Nichts geht verloren und ich muss nichts festhalten.

Gestern ist genauso heute wie morgen.

Leider habe ich den Film «Everywhere, everything, all at the same time» noch nicht gesehen. Der scheint mir bitz öppis von diesem Gefühl einem breiten Publikum näher zu bringen.

Der lineare Ablauf von Zeit ist reines Kopf-Konstrukt und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Ich sage nicht, dass das Konstrukt nicht auch seine Nützlichkeit hat. Doch es ist sehr befreiend zu wissen, dass die Wirklichkeit viel formbarer oder beweglicher ist.

Alles ist verbunden und beweglich

Die Jahre in der Stille zeigten und zeigen mir auch, dass mein Ich viel beweglicher und formbarer ist, als angenommen. Ein sehr freies und gleichzeitig verbundenes Gefühl.

Ein Gefühl, nicht separat bleiben zu müssen, damit ein Leben gelingt.

Früher war da die Angst, dass alles auseinanderfällt, wenn ich mich nicht als separates Ich kenne (das es so eh nicht gibt, just as a P.S.). Dass zum Beispiel keine Karriere gelingen kann, wenn ich nicht die Zügel in den Händen halte.

Im Gegensatz zum erlebten Gefühl der Alleinheit, bei dem es aber kein abgetrenntes Ich gibt. Wo jeder Tag etwa von diesem Nullpunkt aus gestartet werden darf, einem Punkt, an dem ich mich komplett ins Unbekannte oder Nicht-Wissen entspannen kann.

Ohne dass dabei Wissen dabei gelöscht würde – es sitzt quasi einfach an einem anderen Ort. Nicht in mir als separatem Ding , sondern in der Alleinheit.

In Gott. Im Geist. In der Quelle. Nenn es wie du willst.

Die Quelle handeln zu lassen, wissen zu lassen, die Quelle mich SEIN zu lassen, das gibt mir ein ganz anderes Fundament. Ein Fundament, das mich jeden Morgen wie einen überraschend-willkommenen Gast begrüssen lässt.

Ein Fundament, das mir erlaubt, mich jeden Tag neu in den jeweiligen Morgen zu verlieben.

 

Foto von Syuhei Inoue auf Unsplash

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