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Lesedauer: 6 Minuten

Männer. Weiber. Mohren.

Unser »Mohrejoggeli«

Als gebürtiger Schaffhauser gehöre ich wohl zu den wenigen Schweizern, die zum Begriff des »Mohren« noch einen lebensweltlichen Bezug haben, der mit seiner historischen Verwendung zu tun hat. Auf dem Marktplatz des beschaulichen Rheinstädtchens (er hört auf den Namen »Fronwagplatz«) steht nämlich ein berühmter Brunnen mit einer stattlichen, dunklen Figur namens »Mohrejoggeli«. Sie ist ein Wahrzeichen Schaffhausens, eine Touristenattraktion und ein beliebter Treffpunkt (»Mir gesehnd üs bim Mohrejoggeli!«).

Die aktuelle Debatte um die als »Mohrenkopf« bezeichnete Süssspeise (oder um die österreichische Biermarke »Mohrenbräu« als neustes Beispiel) weckt bei mir unweigerlich die weiterführende Frage, ob es nun bald auch dem »Mohrejoggeli« an den Kragen geht.

Zieht sich im Zuge der Diskussionen um die politische Korrektheit solcher überkommener Bezeichnungen die Schlinge nun auch um den Hals des Schaffhauser Mohren zu?

Wörter und ihr Gebrauch

Vielleicht hilft es, im Gewirr der Stimmen und inmitten der kollektiven Empörung einmal ein paar begriffsgeschichtliche und sprachphilosophische Überlegungen anzustellen.

Ich jedenfalls halte Wittgensteins Grundeinsicht, dass sich die Bedeutung eines Wortes an seinem Gebrauch in der Sprache entscheidet, immer noch für unmittelbar einleuchtend und alltäglich verifizierbar. Dass dieser Gebrauch nicht einfach individualistisch bestimmt ist, sondern sich (in aller Regel) im Miteinander von Menschen ergibt, ist ebenfalls leicht einzusehen: Man will sich ja mittels der Sprache mit anderen verständigen können.

Ein Wort hat also keinen ihm innewohnenden, überzeitlichen und kontextunabhängigen Gehalt, den es zu entdecken und ein für allemal zu definieren gilt. Vielmehr variiert die Bedeutung eines Wortes je nachdem, in welches Sprachspiel (auch ein Schlüsselbegriff bei Wittgenstein) bzw. in welchen Verständigungszusammenhang es eingebettet ist.

Aus diesem Grund gibt es auch keine Wörter, die an und für sich rassistisch, sexistisch, oder politisch korrekt sind – es gibt nur Wörter, die in diesem Sinne verwendet werden.

»Bitch«, das N-Wort und der Basler »Duubel«

Im Englischen Sprachraum hat etwa die Bezeichnung einer Frau als »bitch« in vielen Zusammenhängen einen eindeutig abwertenden, sexistischen Gehalt und kann zu Recht als ehrenrührig geahndet werden. Zugleich wird das Wort in bestimmten jugendlichen Subkulturen als (derber) Kosename wie auch als stolze Selbstbeschreibung ganz selbstverständlich verwendet. (Natürlich schwingen auch dann sexuelle Untertöne mit, aber eine explizite Abwertung geht in diesen Sprachspielen mit dem Wort auf jeden Fall nicht mehr einher.)

Noch viel zwiespältiger sieht die Sache beim (englischen) N-Wort zur Bezeichnung dunkelhäutiger Menschen aus. In der öffentlichen Wahrnehmung wird hier aussergewöhnlich trennscharf zwischen der Verwendung durch privilegierte Weisse und der subkulturellen Verwendung durch Afroamerikaner (etwa in der Hip-Hop-Szene, aber z.B. auch unter schwarzen Standup-Comedians…) unterschieden: Im ersten Fall steht das Wort für die unzweideutigste rassistische Abwertung von »black people« überhaupt, im zweiten Fall dagegen gilt die Bezeichnung »Nigger« als Freundschaftsbekundung, als Ausdruck gemeinsamer »Bruderschaft« und Weggefährtenschaft. Wittgensteins Theorie der verschiedenen Sprachspiele findet hier einen besonders augenfälligen Ausdruck.

Aktenkundig in der Schweiz ist dann der Fall eines Baslers geworden, der eine Autoritätsperson als »Duubel« bezeichnet hat. Der Mann hat den Beleidiger der Ehrverletzung verklagt, aber nicht Recht bekommen:

Das Gericht hat die Klage mit der Begründung abgewiesen, der Basler »Duubel« habe einen anderen, harmlos-liebevolleren Gehalt als die »Tubel« anderer Dialekte…

Edelfrauen, Weiber und Dirnen

Natürlich verändert sich der Bedeutungsgehalt eines Begriffes nicht nur im Wechsel der Kontexte und Sprachspiele, sondern auch im Laufe der Zeit. Besonders deutlich und bedenklich lässt sich das an den deutschen Begriffen für die »Frau« zeigen.

Während Luther etwa in seiner Bibelübersetzung noch ganz selbstverständlich von den »Weibern« sprechen konnte, weil das Wort einfach für (verheiratete) Frauen stand, hat dieser Begriff heute einen unüberhörbar abwertenden Ton. Noch stärker ist der soziale Abstieg, den das Wort »Dirne« im Laufe der Zeit erfährt: Im Althochdeutschen ist damit schlicht eine unverheiratete Frau bezeichnet (»diorna«). Schon im Mittelhochdeutschen ist die »dierne« dann aber zur »Dienerin« abgewertet; im Neuhochdeutschen wird die »Dirne« dann zum Synonym einer Prostituierten, bis das Wort aus dem Alltagsgebrauch weitgehend verschwindet.

Auch der heutige Begriff der »Frau« steht in dieser Entwicklung: Er stand als Entsprechung zum »Herrn« einmal für die sozial hochstehende, adelige Herrin (ähnlich dem heutigen Gebrauch der »Dame«), ist im Laufe der Zeit aber zur »biologischen« Normalbezeichnung geworden. Sozialhierarchisch stimmig wären eigentlich die Ansprachen »Liebe Männer und Weiber, sehr verehrte Frauen und Herren« – das geht aber aufgrund der beschriebenen Abwertungstendenzen nicht mehr.

Die Tatsache, dass man für die Frau im Verlaufe der Geschichte immer neue Bezeichnungen finden musste, weil sich die alten Begriffe »abnutzten« und schliesslich nur noch für sozial unterlegene oder geächtete Frauen Gebrauch fanden, ist wohl ein sprachgeschichtliches Indiz für eine gesellschaftlich tiefsitzende Misogynie.

Verbrannte Begriffe und subversive Umdeutungen

Auch das Beispiel mit dem N-Wort macht deutlich, dass die Bedeutung eines Wortes immer auch historisch aufgeladen ist. Nach der himmelschreienden Geschichte der Sklaverei und Segregation in den Vereinigten Staaten können Weisse den Begriff unmöglich in einem »wohlwollend-freundschaftlichen« Sinne verwenden – auch und gerade nicht unter Berufung auf die »interne« Verwendung in schwarzamerikanischen Subkulturen: Der Begriff ist für Weisse verbrannt, oder besser: er wurde von ihnen verbrannt, weil er (von Anfang an) Ausdruck rassistischer Überlegenheitsgefühle und systematischer Abwertung war.

Die Verwendung in afroamerikanischen Subkulturen ist natürlich auch nicht »neutral« zu verstehen (im Sinne einer deskriptiven Selbstbezeichnung als »schwarz«, lateinisch »niger«), sondern eher als subversiv-trotziges Unterlaufen der historisch abwertenden Begriffsbedeutung: Wir bezeichnen uns selber mit dem N-Wort, und wir machen es zu einer subkulturinternen Ehrenbezeichnung, zu einem Zugehörigkeitsbegriff, implizit wohl auch zur Kennzeichnung einer Schicksalsgemeinschaft.

So eigenartig diese völlig gegensätzliche Gebrauchsweise des Begriffs anmutet:

Dass Schwarze den Weissen dieses belastete und schändliche Wort noch einmal abringen und es für sich selbst neu in Anspruch nehmen, ist als enorme Deutungsleistung zu würdigen.

Und was ist jetzt mit dem »Mohrejoggeli«?

Der Begriff des »Mohren« hat demgegenüber eine komplexere Gebrauchsgeschichte. Er wird im Mittelalter zur Bezeichnung der dunkelhäutigen Bewohner Mauretaniens (Marokkos) gebraucht (»Mauren«), entwickelt sich aber bald zum Allgemeinbegriff für Menschen dunkler Hautfarbe. Der Zusammenhang ist historisch grundsätzlich rassistisch eingefärbt – die »Mohren« sind fremde, unheimliche, unterentwickelte oder sogar dämonische Subjekte – wenn es auch Beispiele für positive Verwendungen des Begriffs und seiner Darstellung in bischöflichen Wappen und in Heiligendarstellungen gibt.

Die Deutung eines der drei Könige aus der biblischen »Weihnachtsgeschichte« als dunkelhäutig hat auch beim Schaffhauser Mohrenbrunnen Pate gestanden: Die Website der Stadt erklärt, dass es sich bei der Figur um den »als Mohr dargestellten Kaspar«, den jüngsten der Heiligen Drei Könige, handle. Mit Krummschwert, Goldpokal und Wappenschild ausgestattet »symbolisiert diese originelle Brunnenfigur den wohlhabenden Stadtbürger«.

Reicht das, um die abwertenden Konnotationen des Begriffs des »Mohren« zu unterlaufen, um gewissermassen ein denkwürdiges Gegenbeispiel zu setzen, an dem man heute positiv anknüpfen könnte? Wahrscheinlich nicht.

Grund für einen Bildersturm sehe ich aber trotzdem nicht: Damit wird Geschichte nicht verarbeitet und bewältigt, sondern nur ausgelöscht, unsichtbar gemacht.

Vielleicht erhält der Schaffhauser »Mohrejoggeli« auf dem »Fronwagplatz« aber einmal ein Gegenüber – eine Figur, geschaffen von einer schwarzen Künstlerin, welche die Rassismusgeschichte der Schweiz zum Thema macht und dunkelhäutigen Menschen in unserer Gesellschaft ein angemesseneres Gesicht gibt?

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8 Kommentare zu „Männer. Weiber. Mohren.“

  1. Ralph Christian Baumgartner

    Du sprichst mir aus dem Herzen, Manuel Schmid. Als ich begann, Sprache bewusst einzusetzen, erkannte ich Worte bald als Hülsen für meine Meinung.

    Mir geht’s darum, den Sinn hinter Gesagtem zu ergründen. Gerne frage ich nach der Motivation, der Absicht, dem „Wozu?“, beim Gegenüber genauso wie bei mir selber. Erst wenn ich mich darauf einlasse, entsteht ein ehrlicher Dialog und damit echte Beziehung. Und Beziehung gehört mich mit zum Wertvollsten des Menschseins.

  2. Eine gute Recherche und sachlich erörtert!
    (Allenfalls fehlt noch der Hinweis warum die Mauren so benannt wurden.)

    Aber trotzdem will ich mir nicht nehmen lassen, dass ich Mohr nie abfällig verwendet und verstanden habe. Was ist dabei anders, ob ich den Afrikaner Schwarzer nenne oder Mohr. Das bedeutet dasselbe. Und wenn morgen irgendwelche “Schwarzer” als verächtlichen Ausdruck verwenden, weiß ich nicht, welche Bezeichnung dann noch korrekt sein soll?

    Es fehlt mir hier bei allem beschriebenen Bedeutungswandel die umgekehrte Betrachtungsweise. In der Kommunikation kommt es ja auch darauf an, wie ich meine gesprochenen Worte selbst meine …

  3. Es gibt ein Gespür für Recht und Unrecht, Gott sei Dank verhältnismäßig entsprechend der Normalverteilung nach Gauß.

    Jeder weiß, spürt, welche Begriffe bösartig instrumentalisiert werden und entsprechend niederträchtig en vogue sein können und werden.

    Solche Begriffe sollten in jedem Fall ethischen und auch dem christlichen Ehrenkodex entsprechend freundlich verdammt werden.

    1. Genau; man muss sich nicht nur fragen, ob man etwas sagen *darf*, sondern, ob man etwas sagen *will*. Und wenn ich weiss, dass ein Wort für eine Gruppe Menschen, die genau die gleiche Würde haben wie ich, diskriminierend ist, dann *will* ich das einfach nicht mehr benutzen. In so einem Fall ist mein eigenes Bedürfnis nach freier Wortwahl für mich einfach zweitrangig.

      1. Manuel Schmid

        Ja, das sehe ich genauso – und ich halte es auch für »christlich« bzw. gut paulinisch: Wenn mein Verhalten anderen zum Anstoss wird, dann versuche ich, mein Verhalten zu ändern.
        Es braucht allerdings auch nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass das Argument des »Beleidigt-Seins« handkehrum zu einem Instrument der Manipulation und Unterdrückung werden kann.
        Was darum für meine persönliche ethische Einschätzung und mein Verhalten gilt, muss oder sollte nicht unbedingt zur verpflichtenden Rechtsgrundlage werden. Niemand hat ein Recht darauf, nicht beleidigt zu werden – auch wenn ich persönlich dafür einstehen möchte, so wenig Menschen zu verletzen…

  4. Joachim Fahnenmüller

    Sehr interessant.
    Eine Ergänzung zum Wort “Dirne”, die in der Schweiz vielleicht nicht bekannt ist: Auf Plattdeutsch bedeutet “deern” nach wie vor ein Mädchen oder eine junge Frau.

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