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Mach dir (k)ein Bild

Mohammed war kein zorniger Bilderstürmer. Als aber Aisha, seine kleine Ehefrau, ein bebildertes Gewebe mit nach Hause brauchte, einen Vorhang, war der Prophet genervt. Die Bilder störten ihn beim Gebet. Aisha, die offensichtlich Sinn für Dekoration hatte, war aber nicht um einen Einfall verlegen. Sie liess aus dem Stoff Kissen machen. Danach war im Hause des Propheten wieder alles gut. Auf Bildern zu sitzen, war problemlos. Als Sitzunterlage lenkten die figürlichen Darstellungen nicht vom Eintauchen in die helle Sphäre Gottes und des Paradieses ab.

Viele sind der Meinung, der Islam kenne ein besonders strenges, ja absolutes Bilderverbot. Dieser Vorstellung widerspricht die sehenswerte Ausstellung »Im Namen des Bildes – Das Bild zwischen Kult und Verbot in Islam und Christentum» im Zürcher Museum Rietberg.

Einer Vielzahl von Ausstellungstücken aus dem muslimisch geprägten Kulturraum, von Spanien bis Indien, sind christliche Objekte vergleichend gegenübergestellt. Ein Schwerpunkt liegt auf den tausend Jahren vom Aufkommen des Islam bis zur Reformationszeit, als insbesondere in Zwinglis Wirkungskreis ein bilderstürmerisches Klima herrschte.

Martin Luther habe sich für Bilder kaum interessiert, erklärt der Kurator der Ausstellung, Axel Langer. Unter Zwingli dagegen sei die Entfernung der Bildwerke obrigkeitlich organisiert worden. Es sollte eine gesittete Bilderentnahme aus religiösen Gebäuden sein, v.a. in Landgemeinden aber wurden Kirchen mit Gewalt gestürmt und Bildwerke regelrecht exekutiert.

Bilder für Gebildete

Eine kleine Anzahl mit Szenen, die aktiven Bildersturm zeigen, findet sich in illustrierten Handschriften. «Wir können in diesen Darstellungen ganz deutlich die Nähe zu Leibesstrafen sehen. Bilder wurden verbrannt, Statuen geköpft oder gesteinigt», sagt der Kurator. Wenn in Kathedralen Altäre einflussreicher Familien zerstört worden seien, sei es durchaus die Intention gewesen, Leute zu schädigen, die ihr ewiges Heil sicherten, indem sie sich in Kirchen einkauften.

Die Ausstellung zeigt sowohl die grosse Nähe zwischen den Schwesterreligionen als auch Beispiele, wo gerade im Umgang mit Bildmedien die Wege diametral anders verlaufen sind. Einen Hauptunterschied sieht Langer darin, dass Bildkultur im christlich-mittelalterlichen Raum etwas für die breite und illiterate Bevölkerung war, als «Biblia Pauperum»; und umgekehrt im muslimischen Raum als elitäre und höfische Kunst galt, die den Gebildeten vorbehalten war.

Die Annahme eines absoluten Bilderverbotes im islamisch-geprägten Kulturraum ist eine auf das 19. Jahrhundert zurückgehende westliche Vorstellung.

Vor dem Hintergrund des europäischen Kolonialismus wurde der Islam, wie auch das Judentum, als kulturell minderwertig angesehen. Festgemacht wurde das unter anderem daran, dass diese Kulturen angeblich keine ausgeprägte Kunst hätten, ja Muslime und Juden gar nicht kunstfähig seien.

Eine arabische Bronzemünze, die im 7. und 8. Jahrhundert in Umlauf war, zeigt unzweifelhaft Mohammed, die beigefügte Inschrift nennt den Dargestellten explizit. Auch muslimische Mädchen spielten mit Puppen, die Gesichter hatten. Ein Exemplar aus dem mittelalterlichen Ägypten ist aus einem Knochen geschnitzt und eine Leihgabe des British Museum in London.

Streit um gesichtslose Puppen

Frankreich streitet gerade über Puppen ohne Gesichter. Auslöser war eine Reportage des Privatsenders M6 über den radikalen Islam in der Stadt Roubaix. Ein Spielwarengeschäft bietet dort Puppen ohne Gesichtszüge an. Hier paarten sich auf verschiedenen Seiten lauter Missverstände mit eingeschränkter Geschichtskenntnis, sagt Langer, der bewusst eine historische Ausstellung konzipiert hat und aktuelle Diskussionen aussen vor lassen möchte.

Der Kurator hätte auch gern die Goldene Madonna aus dem Essener Domschatz in die Ausstellung integriert. Sie entstand um 980 und ist die älteste erhaltene Marienplastik der abendländischen Kunst. Dass um diese Zeit trotz biblischem Bilderverbot Skulpturen in Kirchen auftauchten, sei ein Regelbruch gewesen, meint Langer. Das Schlüsselwerk hätte in der Ausstellung den Umbruch belegen sollte, aber als der Kurator in Essen um die Madonna werben wollte, stellte er fest, dass sie nicht im Museum steht, sondern im Dom bis heute als Andachtsbild verehrt wird. «Es war naiv von mir, zu denken, ich könnte sie ausleihen.»

Die Steigerungsform der Heiligenskulpturen sind Reliquiare mit sterblichen Überreste Heiliger. Da Heilige nicht sterben, so der Glaube, verbleibt etwas von ihrer Heiligkeit in der Welt. In der muslimischen Kultur manifestiert sich die höchste Stufe von Heiligkeit in der heiligen Schrift. Aus einer Privatsammlung stammt ein Blatt mit Goldschrift auf kostbarem Indigountergrund, die Farbe, die sich auch im Felsendom in Jerusalem findet. Das Blatt stammt aus dem frühmittelalterlichen Tunesien. Nach muslimischem Verständnis ist das keine Repräsentation des Wortes Gottes, sondern es ist Gottes Wort.

Bilder zum Leben erwecken

Ein Fazit lautet: Im muslimischen Kulturraum mit seinen unzähligen Facetten ist der Umgang mit Bildmedien sehr unterschiedlich verlaufen. Zwischen radikalem Verbot und verspielter Bildlichkeit gibt es viele Zwischenstufen. Heute herrscht ein striktes Verbot u.a. in Saudi Arabien, dies umfasst aber nicht Fotografien, weil diese durch Chemie entstehen oder bei Digitalfotografe elektronisch.

Einig gewesen sind sich die Schwesterreligionen im Verlauf der Jahrhunderte in der scharfen Ablehnung von Götzenverehrung. Ein Bildtopos zeigt Mohammed, wie er die Kaaba reinigt, indem er Statuen hinauswirft, aus denen schattenhafte Dämonen entweichen. Eine Quelle aus dem 9. Jahrhundert korrigiert die Vorstellung, Mohammed habe alle Figuren entfernt und vernichtet. Er habe die Statuen von Jesus und Maria aufgespart, da sie auch von Muslimen verehrt werden.

Jesus hat eine Sonderrolle im Koran. Er darf, was anderen als dunkle Magie angekreidet würde: Tonfiguren von Vögeln zum Leben erwecken.

Bilder zum Leben erwecken – das ist seit jeher der Traum aller Künstler.

Informationen zur Ausstellung, die bis 22. Mai 2022 geöffnet hat, gibt es hier.

Zur Ausstellung ist ein 468 Seiten starker Katalog bei Hatje Cantz erschienen. Essays sind überschrieben mit: «Gott liebt die Schönheit. Zur Darstellung des Undarstellbaren im Islam» (Ahmad Milad Karimi), «Mechanismen der Vergegenwärtigung» (Christiane Gruber) oder «Das Mandylion und die Aufhebung des alttestamentarischen Bilderverbots im Christentum» (Daniel Spanke).

Siehe auch das Frühjahrsprogramm des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog ZIID, das an die Ausstellung im Museum Ruitberg anknüpft mit einer Reihe von Veranstaltungen unter dem Motto «Kunst sehen, Religion verstehen».

Abbildung: Fussohlen von Ali, Mohammeds Schwiegersohn, in einer Moschee-Szene aus dem «Fālnāma» von Schah Tahmasp I., Iran, 1550/1560, MAH Musée d’art, et d’histoire, Ville de Genève, Legs Jean Pozzi.

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