Less noise – more conversation.
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Lesedauer: 4 Minuten

Kontrapunktisch vorgehen

Eine rechte Kakophonie haben wir da beieinander. Kaum hatte der Bundesrat erste Lockerungen des Lockdown angekündigt, war es mit der Einmütigkeit und der gemeinsamen Zielstrebigkeit vorbei. Jetzt wird wieder geschimpft, ausgeholt und zugeschlagen. Unglück wird auf Versagen gehäuft. Jeder weiss besser, was falsch gelaufen ist und was man anders hätte machen sollen.

Der nächste Schritt?

Es wäre schön gewesen, wenn mit der neuen Perspektive ein kollektives Aufatmen durchs Land gegangen wäre: «Wir haben Glück gehabt! Es ist nicht so schlimm gekommen, wie wir befürchtet haben. Wir sind erleichtert, dass es keine überfüllten Intensivpflege-Stationen gegeben hat. Niemand musste entscheiden, wer beatmet wird und wer nicht. Die Ansteckungsrate konnte flach gehalten werden. Wir sind froh.»

Die Erleichterung hätte sich zu einem Aufatmen und einer kurzen Verschnaufpause aufschwingen können.

Ein festlicher Moment, weil wir genau das Ziel erreicht haben, das mit dem lock down erreicht werden sollte.

Wir hätten uns gegenseitig in die Augen schauen und einander versichern können: Das haben wir gemeinsam geschafft. Dann schaffen wir auch das, was jetzt auf uns zukommt.

Die Erleichterung ist leider ausgefallen.

Musikalisch gesprochen sind wir aus dem Rhythmus gefallen. Den braucht es in der Musik und beim Tanzen. Der lebt davon, dass auf die Betonung die Entlastung folgt. Ohne Entlastung wird auch die Betonung hinfällig. Dass wir gemeinsam ein Ziel erreicht haben und dass das Virus eine schwerwiegende Sache bleibt, verliert an Gewicht, gerät aus dem Blick. Mit weitreichenden Folgen: Ohne Rhythmus gibt es keine Bewegung, kein Fortschreiten und keine Entwicklung. Der jeweils nächste Schritt darf nicht ausgelassen werden.

Aus dem Puls geraten

Ohne Rhythmus geht das Raum-Zeit-Gefühl verloren, in dem wir uns verorten, uns versichern und aufeinander beziehen.

Die meisten Kommentatoren haben sich in die Zeit vor der Pandemie oder vor dem lock down zurückversetzt: Man hätte die Pandemiepläne erfüllen müssen. Man hätte die Wirtschaft laufen lassen sollen. Man hätte nicht diesen, sondern jenen Expert*innen glauben sollen.

Aber da waren wir einmal, da sind wir nicht mehr. Es handelt sich nicht um das Leiterli-Spiel: zurück auf Platz eins. Es handelt sich um die Realität, die voranschreitet in der Zeit; wie der gemeinsame Puls in der Musik. Wir müssen im Puls bleiben: Jede Kritik, die angebracht wird, muss konstruktiv sein. Sie muss sagen, was wir ab jetzt besser oder anders machen können.

Aus der Krise lernen

Was mich in dieser Krise am meisten überrascht hat, war die Einmütigkeit, mit der die vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen umgesetzt wurden. Und das, obwohl die Auswirkungen dieser Massnahmen für die einzelnen sehr unterschiedlich waren. Dass wir Unglaubliches zustande bringen, wenn wir nicht gegeneinander, sondern gemeinsam handeln, das ist für mich das Highlight, das zuversichtlich stimmt.

Bis jetzt haben wir wie ein Orchester gespielt, das vom Bundesrat dirigiert wurde. Die grosse Frage ist, wie wir gemeinsam handeln können, wenn die Einmütigkeit nicht mehr verordnet wird. Wenn die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse wieder zum Vorschein kommen.

Kontrapunkt

«Kontrapunkt» heisst «Note gegen Note» und ist eine Technik beim Komponieren, in der mehrere Stimmen gleichberechtigt nebeneinander geführt werden. Durch die Gleichzeitigkeit entsteht eine inhärente Spannung, die der einzelnen Stimme ihren Eigenwert gibt.

Die Stimmen sind autonom und doch aufeinander bezogen.

In einer Fuge setzen die Stimmen versetzt ein, wobei jede Stimme vorübergehend die erste Stimme «spielt». Vor allem, wenn sie das Thema hat, das in allen Stimmen das gleiche ist. Die Stimmen sind eigenständig und bedienen sich wechselseitig.

Das kontrapunktische Zusammenspiel

Ein schönes Bild für die Frage, wie wir als einzelne gemeinsam handeln können. Was die Einzelstimmen angeht, sind wir schon ziemlich elaboriert. Wichtig ist, wie wir das Gemeinsame ins Ohr bekommen. Wer je in einem Chor gesungen hat, weiss, wovon ich rede. Das Chorerlebnis ist die Erfahrung, Teil eines Ganzen zu sein, das nach mehr klingt als das, was ich selbst singe. Das Aussenohr hört das Ganze, das Innenohr hört sich selbst beim Singen zu. Könnte sein, dass wir vorübergehend mehr das Aussenohr trainieren müssen; mehr auf Empfang, statt auf Sendung schalten. Aber beides muss zusammenklingen, sonst klappt es nicht mit dem Chorerlebnis. Viele schildern das als spirituelle Erfahrung.

Kraft aus dem Widerständigen gewinnen

Dem heutigen Sonntag ist ein Psalm Vers beigesellt:

«Von der Gnade des HERRN ist die Erde voll» (33,5b).

Noch ganz im Fahrtwind von Ostern wehen Liebe, Gnade, Güte, Wohlwollen und Barmherzigkeit heran. Die Erde ist voll davon.

Wenn dieser himmlische Jubel zu unseren anspruchsvollen Zeiten kein Kontrapunkt ist.

Wenn hier die Spannung zwischen hiesiger Schwere und himmlische Leichtigkeit nicht bis zum Äussersten getrieben wird.

Bei der kontrapunktischen Existenz geht es darum, das herzuholen, was nicht da ist. Dem Abwesenden bei sich eine Stimme zu geben. Nicht authentisch sein, sondern kontrapunktisch. Eine masslose Überforderung.

Wir könnten damit anfangen, bei uns den Ort zu finden, der in den Jubel einstimmen will. Und die Stimme zu üben, die sich dazu erhebt.

 

Photo by Radek Grzybowski on Unsplash

 

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2 Kommentare zu „Kontrapunktisch vorgehen“

  1. Thomas Grossenbacher

    Gutes Bild. Die Musik!
    Lassen wir sie spielen! Die Spannung des Trugschlusses gehört dazu. Das ist keine Katastrophe und keine neue Welle. Vielmehr einfach noch nicht ganz der Schluss, den wir alle mit Spannung erwarteten, und schon im Ohr haben, bevor er sich, der eigentliche Schluss uns allen Wohl tuenden ergibt und sich diese Spannung auflöst. Die ersehnte Auflösung (Erlösung) wird kommen! Lasst die Musik spielen! Stimmt ein!

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