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Lesedauer: 6 Minuten

Kein Bock auf Postpandemie

Corona ist vorbei und so soll es bitte bleiben! Wenn wir ehrlich sind, wollen wir, die nicht zu Risikogruppen gehören, einfach wieder leben. Wir wollen die verpassten Konzerte, die Barbesuche, die durchtanzten Nächte, die Abende am See mit Freund:innen und die Grillparties auf den Terrassen nachholen. Okay, vielleicht bin das auch einfach ich.

Darüber nachzudenken, wie die zwei Jahre Pandemie waren, fühlt sich an, als hätte ich einen Gin Tonic bestellt und würde einen Kräutertee serviert bekommen. Auch gut, aber unpassend.

Ich habe null, wirklich null Lust auf Reflexion, Kontemplation und Ruhe. Ich will leben und geniessen, weder an Schwieriges denken noch irgendetwas verarbeiten, geschweige denn mich sozial zurückziehen und das Alleinsein gezielt suchen.

Ich will die zurückgewonnene, physisch fassbare Gegenwart von Menschen und den Untergang von Zoom befeiern.

Ich will das volle Leben, und zwar jetzt! Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an finanzielle Unsicherheiten, zwischenmenschliche Zerreissproben und Streits um Solidarität, Rücksicht und Wissenschaftsglaubwürdigkeit. Aber funktioniert das effektiv? Einfach weitermachen, alles wieder normal, alles gut, die paar Kratzer auf der Seele, halb so wild? Offensichtlich zweifle auch ich, sonst würde ich das nicht tippen.

Das Leben ist eine Saftpresse

Wenn ich ehrlich bin, hätte ich wahnsinnig gerne, dass das funktioniert. Doch die zwei Jahre haben mehr mit mir gemacht, als ich mir eingestehen will. Denn vor der Pandemie, daran erinnere ich mich genau, überforderte mich alles. Dauernd Menschen, dauernd Sachzwänge, dauernd unterwegs.

Das Leben fühlte sich an wie eine Saftpresse, die unaufhaltsam Energie aus mir quetschte wie den Saft aus Orangen.

Verpassen wollte ich trotzdem nichts davon, also blieb ich in diesen Mustern, bis das Leben – oder die Schweizer Bundesrät:innen – im März 2020 die Bevölkerung anwiesen, ihre sozialen Kontakte zu reduzieren. Alles in mir atmete auf: Endlich Ruhe. Endlich selbst bestimmen, ob, mit wem und wie ich meine Zeit verbringen wollte. Damals hatte ich mich für eine zutiefst introvertierte Person gehalten, die am liebsten keine Menschen mehr sehen wollte auf unbestimmte Zeit. Als ich im November 2020 für ein Stiftungsprojekt ein Video drehte, befürchtete ich gar, dass wir zu schnell wieder zum «Alles wieder normal» zurückkehren würden. Offensichtlich war ein Teil von mir damals sehr glücklich mit den Veränderungen.

Schwarze Katze vs. Golden Retriever

Eineinhalb Jahre später könnte meine Sehnsucht nicht gegenteiliger sein. Ich erkenne mich kaum in meinen eigenen Worten wieder. Das hängt sicher damit zusammen, dass sich mein Leben äusserlich wie innerlich verändert hat. Ich bin in weit weniger verpflichtende Strukturen eingebunden und habe nicht automatisch Menschen um mich herum. Diese Reduktionen schufen zeitliche, räumliche, mentale und emotionale Freiräume. In erster Linie empfinde ich das als Wohltat – als positiven Corona-Effekt (schlechter Wortwitz, sorry!). Doch dadurch habe ich gemerkt, dass ich entgegen meiner eigenen Annahmen wahnsinnig gerne Zeit mit Menschen verbringe. Sofern ich selbst wählen kann, wie oft und in welcher Intensität.

Jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich rauschartig möglichst viele Menschen treffen und möglichst viel erleben will. Meine innere schwarze Katze, die dachte: «Geht alle weg!» ist, etwas übertrieben formuliert, zu einem Golden Retriever mutiert: «Oh Gott, ein Mensch, wie toll!»

Ich bekomme nicht genug Treffen in meine Agenda gepackt. Eine soziale Raupe Nimmersatt.

Nächster Halt: Postpandemie-Plan

Doch mit keinen noch so vielen aneinandergereihten Events kann ich aufholen, was ich meiner Meinung nach verpasst oder zu kurz kommen lassen habe. Ich kann mich durch sämtliche schillernden Facetten des wiedererwachten Sozial- und Kulturlebens fressen – am Ende warten trotzdem die Bauchschmerzen, oder um bei der Gin-Tonic-Tier-Metapher zu bleiben: der Kater. Das Erlebte mit allen Gefühlen schlummert unverdaut im Untergrund. Das Unverarbeitete holt einen dann halt später ein.

So richtig wahrhaben will ich das nicht. Ich würde die Abkürzung bevorzugen: Es soll reichen, dass ich kognitiv weiss, dass 2020 und 2021 schwierig waren.

Doch kein noch so reiches, erfülltes Leben transformiert die Gefühle, die zu den erlebten Erinnerungen gehören.

Für Menschen wie mich, die sich schwer tun, die Corona-Pandemie zu reflektieren (aber auch für alle anderen, die das gerne und freiwillig möchten) hat die Firma «Ein guter Verlag» deshalb den «Postpandemie-Plan. Selbstreflexionen für eine neue Zeit» veröffentlicht.

Bekannt ist das Unternehmen durch seine Agenden «Ein guter Plan». Die Agenden mit den integrierten Achtsamkeitsübungen sollen zu einem entschleunigten, bewussten Leben beitragen – ohne seichte Wellnessweisheiten oder aufwändige Kakaozeremonie. Auf den etwas mehr als 40 Seiten kann mensch im Postpandemie-Plan anhand einer Vielzahl von Fragen die Zeit der Pandemie reflektieren.

Es beginnt simpel mit der Aufgabe, überhaupt zu erfassen, was alles geschehen ist. Anschliessend ertasten die Fragen verschiedene Aspekte der letzten zwei Jahre: «Was hast du gut gemacht?», «Was hat geklappt? Was nicht?», «Welche Wut trägst du noch in dir?», «Chancen auf Versöhnung?» oder «Hat sich deine Perspektive auf deine Arbeit verändert?» Es geht nicht darum, einen Plan für die Zukunft zu entwerfen, sondern zu überblicken, was war und es aktiv in die eigene Biografie zu integrieren.

Eine gute Dosis Kräutertee

Im Vorwort heisst es, dass man diese Fragen bewusst, in emotional guter Verfassung und mit genügend Zeit angehen soll. Es sei sinnvoller, die Fragen in Etappen zu beantworten, um nicht zu sehr ins Grübeln zu geraten. Ich finde das sympatisch: Man weicht der Reflexion, den Fragen nicht aus und verliert sich gleichzeitig nicht ziel- oder endlos darin.

Allerdings: Der «Postpandemie-Plan» ist definitiv Kräutertee und kein Gin Tonic. Es ist nicht nur angenehm, über Corona nachzudenken, die verschiedenen Stimmungen und Momente Revue passieren zu lassen. Aber der Plan ist kein bitterer Salbeitee, den man bei Erkältungen angeekelt gurgelt. Es ist einer, den man nach einer anstrengenden Wanderung in der Berghütte trinkt. Einer, der gut schmeckt und gut tut.

Mir hilft das Ausfüllen der Seiten, in Balance zu bleiben. Das Nachdenken zielt nicht darauf ab, mir die Zeiten auszureden, in denen ich das Leben feiere. Doch die Freude wird tiefer, wenn ich nicht aus Verdrängung feiere, sondern im Bewusstsein um das Gewesene. Also quasi eine ausgewogene Mischung zwischen spassigen Gin Tonic-Momenten und ruhigen Kräutertee-Abenden mit mir selbst.

 

Den Plan kann man sich kostenlos als E-Book hier herunterladen: http://einguterplan.de/postpandemieplan

Als RefLab haben wir noch während der Pandemie ein Buch herausgegeben: «Die Rückkehr der Delfine» ist im TVZ erhältlich

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