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Lesedauer: 4 Minuten

„Irgendeinisch fingt ds Glück eim“

Eine Frage der Chemie

Was ist Glück? Zumindest neurobiologisch scheint diese Frage zunächst ganz einfach zu beantworten zu sein.

Glück ist das, was wir empfinden, wenn unser Körper bestimmte Stoffe ausschüttet: Endorphine, die Neurotransmitter Dopamin, Serotonin.

Sie werden im Zuge verschiedener Aktivitäten freigesetzt, etwa beim Sport, beim Sex, in Momenten der tiefen Entspannung, oder auch beim Shoppen und Schokoladeessen. Und sie können dem Körper natürlich auch künstlich zugeführt werden.

Insofern ist uns Glück durchaus verfügbar. Wir können es in uns hervorrufen durch gezielte Betätigungen oder durch Einnahme bestimmter Substanzen. Das erklärt zumindest einen Teil der Dynamik hinter Suchtproblemen.

Das verfügbare Glück

Das Interessante ist allerdings, dass gesunde Menschen offenbar ein Bewusstsein dafür haben, dass Glück mehr ist als ein Gehirnzustand.

»Wenn man durch einen operativen Eingriff oder die Verfügbarkeit einer bestimmten Substanz deinen Gemütszustand so kontrollieren könnte, dass (ohne Nebenwirkungen und Langzeitschäden) alle sogenannten ›negativen‹ Gefühle ausgemerzt würden: Trauer, Verzweiflung, Angst, Niedergeschlagenheit, ja: Unglück – und wenn stattdessen ein andauernder Zustand der Euphorie hergestellt würde: Wärst du interessiert daran?«

Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen diese Frage mit grosser Mehrheit verneinen. Warum? Weil man irgendwie empfindet, dass man zwar glücklich sein möchte – aber eben glücklich als die Person, die ich bin und mit dem Leben, das mir gegeben ist.

Mein Platz im Universum

Natürlich kann man sich mit Alkohol oder anderen Rauschmitteln mal in einen Zustand der Unbeschwertheit versetzen. Es bleibt aber klar: Wahres Lebensglück lässt sich nicht antrinken oder medikamentös heraufbeschwören.

Es hat etwas damit zu tun, dass man seinen Platz im Universum findet, dass man ein erfüllendes, sinnvolles und sinnstiftendes Leben führt usw.

Dass es sich hier um einen ebenso wichtigen wie individuellen Prozess handelt, ist schon in der Formulierung der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung spürbar, wenn die Suche nach dem persönlichen Glück (»the pursuit of happyness«) als Menschenrecht festgehalten wird.

Ein verflixtes Nebenprodukt

Die Crux dabei ist nun allerdings, dass sich die moderne Glücksforschung vor allem an einem Punkt einig ist – nämlich, dass es sich beim Glück um einen »slippery bastard« handelt. Um eine ausgesprochen »glitschige« Angelegenheit also, die einen immer dann entgleitet, wenn man sie fassbar gemacht zu haben meint.

Letztlich stellt sich Glück meistens als Nebenprodukt eines Lebens ein, das gerade nicht auf das eigene Glück fixiert ist.

Eines Lebens, das sich stattdessen auf etwas ausrichtet, das grösser ist als man selbst.

Glücklich scheint es den Menschen zu machen, wenn er mit der Gewissheit lebt oder sie zumindest momentan gewinnt, Teil von etwas Schönem, Gerechten oder Wahrem geworden zu sein.

Der weitere Horizont

An dieser Stelle gewinnt auch Religion ihre Bedeutung für die menschliche Sehnsucht nach Glück. Im besten Fall zumindest stellt sie nämlich das Leben der Glaubenden in einen weiteren Horizont, eröffnet ihnen die Perspektive auf eine Existenz, die im Zeichen eines höheren Ziels steht.

Dass es dabei nicht um die Verzweckung des Menschen im Dienste Gottes geht, sondern darum, gerade in der Beziehung zu Gott zu sich selbst zu finden, wird im Christentum wohl nirgends so deutlich wie im Leben von Jesus Christus:

Im Nazarener leuchtet eine Menschenliebe Gottes auf, die den Einzelnen sieht und meint – und die jene »glückselig« nennt, die sich in ihm verlieren, um von ihm gefunden zu werden (vgl. die sog. »Seligpreisungen« der Bergpredigt).

Vom Glück gefunden

»Irgendeinisch fingt ds Glück eim«, singt Kuno in einem bekannten Hit der Schweizer Band »Züri West« – auf gut Deutsch: Irgendwann wird man vom Glück gefunden.

Die Unverfügbarkeit des Glücks ist hier auf den Punkt gebracht. Wir können mit gesellschaftlichen Aktivitäten, Konsumgütern oder Unterhaltungsangeboten zwar unseren Spass sicherstellen. Und vielleicht ist es auch möglich, einzelne Glückmomente herbeizuführen. Was wir in einem einigermaßen qualifizierten Sinne »Glück« nennen, muss uns aber irgendwie zufallen.

Wir können höchstens die Voraussetzungen für solche »Zufälle« verbessern. Unser Leben für den Einfall des Glücks öffnen.

Vielleicht ist die Krisenzeit unserer Tage genau der richtige Zeitpunkt dafür.

 

Illustration: Rodja Galli

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2 Kommentare zu „„Irgendeinisch fingt ds Glück eim““

  1. Jürgen Friedrich

    Glück – als Sammelbezeichnung für vielerlei positive Gefühle wie Freude, Vergnügen, Lust usw. – ist der Sinn-gebende ‚Teil‘ vom Universum. Alle seine ‚Bestandteile‘ sind geistiger Natur. Mit anderen Worten: Glück und Geist sind eins. Sich dieser Tatsache bewusst sein, bedeutet einen weiteren Schritt in Richtung „Menschwerdung Gottes“. In antiker biblischer Schreibweise lautete das einst „Ebenbild Gottes“.

    1. Jürgen Friedrich

      Weltformel
      GEIST DOMINIERT

      Werden – Vergehen, nur Zeit bleibt bestehen?
      Das heißt doch rechts und links verdrehen
      und macht klar, wie keiner spürt,
      daß man den ehrt, dem`s gebührt.

      Wer Urknall-Abfall lachen macht,
      damit mal was im Weltall lacht,
      hat selber ziemlich Spaß am Lachen.
      Darum macht er solche Sachen.

      LEBEN, denkt der Mensch beschränkt,
      das Leben sei ihm doch geschenkt .
      Dieser Irrtum wird verziehen
      dem, der einsieht: Nur geliehen .

      Wer totem Sternstaub Leben leiht,
      hält dennoch ein Geschenk bereit:
      Aus seinem Füllhorn Ewigkeit
      schenkt er jede Menge Zeit.

      Doch Zukunft plus Vergangenheit,
      das macht zusammen alle Zeit.
      Die Gegenwart, genau dazwischen,
      tut nur, als ob sich beide in ihr mischen.

      In ihr allein, da lacht das Leben,
      und Zeit kann`s ohne Leben gar nicht geben.
      Sie ist vom Geist in Reinkultur
      nur-menschliche Gedankenspur.

      Zeit zeigt auf sehr subtile Art,
      wie der Mensch sich selber narrt,
      wenn er Spuren höher schätzt,
      als den zu ehren, der sie setzt.

      Verwechsel nicht mehr rechts und links !
      Bedenk den Zeit-Faktor, der bringt`s :
      Zu rechter Zeit an rechter Stelle,
      so zeigt sich Geist, die Daseins-Quelle.

      Jürgen Friedrich, 27.5 .1995

      …ist zwar aus dem vorigen Jahrtausend, aber noch voll gültig

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