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Lesedauer: 4 Minuten

Ich fahre ja bald wieder heim

Ein mit mir befreundetes Paar hat sich nach langen Ehejahren getrennt. Inzwischen hat meine Freundin die Stadt gewechselt und dort eine Wohnung bezogen. Alles ist noch neu und gewöhnungsbedürftig.

«Neulich ertappte ich mich dabei, wie ich dachte: Naja, du fährst dann ja bald wieder heim.»

Es war dieser eine Satz in ihrem Mail, der mir direkt ins Herz ging.

Ich habe alle ihre Sätze mit Interesse und Anteilnahme gelesen. Tausend Gedanken tauchten gleichzeitig in meinem Kopf auf, in denen ich verstanden habe, einverstanden war, widersprechen und weiterhelfen wollte.

Aber es war dieser eine Satz, der mich besonders berührt hat. Er hat etwas in mir angerührt: ein tiefes Gefühl für sie, das auch in mir etwas zum Klingen brachte. Und der über uns beide hinausreicht, sonst hätte er mich nicht so stark berührt.

Ich kenne die Gedankenblitze in schweren Zeiten, die für eine unverhoffte Erleichterung sorgen. So federleicht, dass man davonfliegen möchte. Die Seele träumt sich ganz und heil. Bis die harte Realität wieder krachend auf sie zurückfällt.

Der Verlust des Daheims wiegt schwer

Auch dann, wenn es – wie in kriselnden Ehen – schon lange kein Daheim mehr war. Auf alle Fälle keines, in dem man sich wohl und zu Hause fühlte. Das ist das Verrückte: Man steht auf und geht und fühlt sich trotzdem, als ob man aus dem Paradies vertrieben würde. Weil nichts mehr ist wie zuvor.

Etwas Ähnliches erleben wir jetzt in Corona-Zeiten. Egal, ob es vorher harmonisch war, dynamisch, krisös oder ganz normal. Wir hatten uns im Gewohnten eingerichtet; es war unser selbstverständlicher Alltag. Jetzt fühlt sich alles ungewohnt und unbehaglich an. Wie neue Schuhe, die wir erst einlaufen müssen, bevor sie uns unbemerkt durch die Gegend tragen.

Wie meine Freundin müssen wir uns in einem unbequemen Daheim einrichten. Und darauf hoffen, dass unser Provisorium bald wieder Normalität und Behaglichkeit verströmt.

Es braucht Zeit

Dass es wieder ein Daheim für meine Freundin und Normalität für uns gibt, hängt nicht nur von ihr oder uns ab. Was es sicher dafür braucht, ist Zeit. Ich hoffe, dass meine Freundin wieder ein neues Daheim findet. Und ich hoffe, dass wir wieder zu einer Normalität zurückfinden. Will heissen, ich hoffe, dass die Zeit bis dahin nicht zu lange dauert, dass Geduld und Nerven nicht zu sehr strapaziert werden.

Das Futurum 2 hilft

Um anspruchsvolle Zeiten zu überstehen, brauchen wir Spannkraft, die über die vor uns liegende unübersichtliche und sorgenvolle Zeit hinwegzielen kann. Mir hilft das Futurum 2. Ein einfaches Beispiel: Vor ein paar Jahren musste ich in den Sommerferien die Masterarbeit für eine Weiterbildung schreiben. Ich hatte dafür genau viereinhalb Wochen Zeit. Denn die Zeit davor und danach war mit beruflichen Projekten randvoll. Ich habe diese Arbeit nur geschafft, weil ich mich immer an den Ort ihrer Fertigstellung imaginiert habe: Ich werde die Masterarbeit geschrieben haben. Diese Vorstellung hat mich so beglückt, dass darüber die Panik, es nicht zu schaffen, verblasste.

«Ich werde ein neues Daheim gefunden haben.» «Wir werden wieder eine Normalität erlangt haben.» Diese Imaginationen helfen, das zu ertragen, was jetzt so ist, wie es ist. Das anzupacken, was weiterführt. Das zu lernen, was jetzt gelernt sein will. Und das zu üben, was wir für die Zukunft brauchen.

Sehnsucht nähren

«Naja, du fährst dann ja bald wieder heim.» Dieser Satz meiner Freundin berührte in mir eine Sehnsucht, die weiter zielt als jedes gegenwärtige oder zukünftige Daheim. Die Sehnsucht nach einem Daheim, das unverbrüchlich und beständig ist.

«Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir» heisst es im Hebräerbrief (13,14).

Die Sehnsucht nach einem beständigen Daheim wird in ein Bild gefasst: das der bleibenden Stadt, die in der Zukunft von uns gefunden werden wird. Eine Zukunft, die über jede erlebbare Zukunft, das heisst auch über unseren Tod hinauszielt.

Diese überschiessende Sehnsucht muss darum nicht die Augen verschliessen vor dem, was uns jetzt unausweichlich auf den Leib rückt: das verlorene Daheim, die Verletzlichkeit der Stadt, das Aussetzen von Normalität und das Sterben so vieler Menschen.

Diese Sehnsucht sollen wir in uns nähren, damit sie unverbrüchlich und beständig wird. Für ein leichtes Herz, das auch durch schwierige Zeiten trägt und die Zukunft im Blick behält.

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2 Kommentare zu „Ich fahre ja bald wieder heim“

  1. Sarah Pflugi Baumann

    Herzlichen Dank für diesen Text. Weiterempfehlen möchte ich dazu gerne das Gedicht „Rezept“ von Mascha Kaléko. Die Dichterin durfte in ihrer Zeit der Dürre, des Hungers und Durstes die innere Not als Aufruf erkennen, ihre Würde zu retten. Das machte sie frei. Mein tiefes Mitgefühl mit allen Trauernden in dieser schwierigen Zeit. – Wie würde Mascha Kaléko wohl in der Corona-Dürre dichten?

    1. Friederike Osthof

      Danke für den Hinweis auf das Gedicht von Mascha Kaléko. Man spürt die (leidvollen) Erfahrungen, die aus den Zeilen und Wörtern herausleuchten. Und ja, auch den Wunsch nach innerer Freiheit. Danke!

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