Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 6 Minuten

Ich bin toll, mir passiert nix!

«Das Virus ist Realität»: Diese Einsicht ist für den brasilianischen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro noch ganz frisch. Kollabierende Krankenhäuser in China, Italien oder den USA und Tausende Corona-Opfer auf der ganzen Welt vermochten nicht, die Empathie des brasilianischen Staatschefs zu wecken. Noch vor kurzem belächelte Bolsonaro die vom Erreger Covid-19 ausgelöste Lungenentzündung als «kleine Grippe» und er machte sich wiederholt über angebliche «Hysterie» lustig.

Am letzten Wochenende im April beim Spaziergang in Brasília schüttelte er noch demonstrativ Hände seiner Anhänger. Jetzt, da Corona mit knapp 7 000 bestätigten Infizierten und fast 250 Toten unübersehbar in Brasilien angekommen und das Land von allen südamerikanischen Nationen bislang am stärksten betroffen ist, ist Corona für denselben Bolsonaro plötzlich die «grösste Herausforderung unserer Generation» und er möchte dem Virus mit höchster «Vorsicht» begegnen. Eine Kehrtwende um 180 Grad!

Die Kehrtwenden der Leader

Sein amerikanischer Amtskollege, Donald Trump, brauchte beinahe zwei Monate, bis er sich entscheiden konnte, ob er die neue Krankheit für einen «Schwindel» der Demokraten halten soll oder eine ernsthafte Bedrohung. Als sich bereits abzeichnete, dass die USA alle Nationen bei der Todesrate überholt, sprach der amerikanische Präsident davon, man werde Ostern wie gewohnt in vollen Kirchen feiern.

Ein paar Tage später behauptete Trump das Gegenteil. Er habe nie von unbeschwerten Osterfeiern gesprochen, sondern solche lediglich ersehnt. Inzwischen scheint seine Politik von Worst-Case-Szenarien gelenkt. Trump warnt mittlerweile vor bis zu 240 000 Corona-Toten in den USA.

Der ausgeprägte Narzisst

Die Liste der Leader dieses Typs liesse sich, leider, problemlos erweitern. Als Parallele bei den genannten Führungspersönlichkeiten fällt auf, dass auf eine Phase der Problemleugnung und Immunität gegen Faktenlagen abrupte Kehrtwenden folgen können. Manche Kommentatoren sprechen von «politischem Strategiewechsel». Möglicherweise aber steckt weniger Kalkül dahinter als ein bestimmter Persönlichkeitstyp, nämlich der ausgeprägt narzisstische.

Die Diagnose ist nicht neu. Ebenso bekannt ist auch die Schwierigkeit der Ferndiagnose und die Fragwürdigkeit pauschaler Pathologisierungen. Allerdings scheint mir, dass sich vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der Notwendigkeit umsichtigen Krisenmanagements Probleme gerade von Führungsfiguren schärfer abzeichnen und genauer in den Blick nehmen lassen als in normalen Zeiten.

Für den ausgeprägt narzisstischen Leadertyp scheint in Krisensituationen weniger Fachexpertise – im Pandemie-Fall: von Seuchenexperten – handlungsleitend zu sein als ein Gefühl persönlicher Stärke, ja Unverletzlichkeit oder Immunität.

Der ausgeprägte Narzisst hat wie der Siegfried der Sage das Gefühl, in Drachenblut gebadet zu haben. Er ist durchdrungen vom Gefühl eigener Überlegenheit und überzeugt von der Unfähigkeit und Dummheit der Anderen.

Es handelt sich aber um kein stabiles Gefühl. Es kann nämlich jäh umkippen ins Gegenteil: übertriebene Ängstlichkeit und Selbstsorge bis hin zu kopflos-hysterischem Verhalten. Dann entpuppt sich die vormalige Überlegenheit als eitle Selbstüberschätzung und blosser Grössenwahn.

Die Wahrheitsfindung

Zum beschriebenen Persönlichkeitstyp gehört auch ein lockeres Verhältnis zur Wahrheit, ja mitunter die tatsächliche Unfähigkeit, zwischen Wahrheit und Lüge einen qualitativen Unterschied zu erkennen. Stichwort: ‹Fake News›.

Der ausgeprägte Narzisst glaubt den eigenen Lügen. Für ihn ist es kein Problem, heute dies und morgen jenes zu behaupten – oder sich sogar  in ein und demselben Satz zu widersprechen.

Um beim Corona-Beispiel zu bleiben: Der narzisstische Leader hat selbstverständlich die Gefahr früher und schärfer erkannt als alle anderen.

Der Schweizer Psychoanalytiker Jürg Willi stellte fest: «Die Radikalität, Kompromisslosigkeit und Unerschrockenheit, mit der Narzissten ihre Feinde bekämpfen und sich von ihnen absetzen, imponiert vielen Menschen als Festigkeit und Selbständigkeit. Viele sehen in ihnen starke Führer, oft auch Märtyrer, Opfer ihrer Feinde, was ihnen bedingungslose Anhängerschaft derjenigen verschafft, die aus ähnlicher Struktur heraus sich mit einem Narzissten zu identifizieren suchen.» [1]

Gefährliche Blender

Man kennt den narzisstischen Managertyp leider nur zu gut. Nicht nur in der Politik sind ausgeprägte Narzissten verbreitet, sondern in Führungsetagen fast aller Branchen bringen es Blender bis ganz nach oben. Die rücksichtslose Verhaltensweise ist ein regelrechtes Role Model in unseren Gesellschaften geworden. Trotzdem herrscht nach wie vor grosser Aufklärungsbedarf. Gefahren, die von ausgeprägten Narzissten für ihr Umfeld und ihre Mitmenschen ausgehen, werden vielfach noch unterschätzt.

Tatsächlich handelt es sich um keine harmlose Auffälligkeit, sondern ein schweres psychisches Krankheitsbild mit Leidensdruck auch für die Betroffenen, aber mehr noch für das Umfeld. Hinzu tritt schwere Therapierbarkeit aufgrund fehlender Krankheitseinsicht. Man ist ja grossartig und toll, nur die Welt noch nicht umfassend überzeugt!

Von einer manifesten «Narzisstischen Persönlichkeitsstörung» (NPS) sprechen Psychologen, wenn einige Verhaltensauffälligkeiten zusammenfallen, etwa das Gefühl eigener Grandiosität ohne Leistungsnachweis, mangelndes Einfühlungsvermögen gepaart mit übertriebener Verletzbarkeit durch Kritik, ausgeprägter Neid, Arroganz, Abhängigkeit vom Bewundertwerden durch Andere, rücksichtslose Bedürfnisbefriedigung, aggressives Durchsetzen eigener Ziele etc.

Wenn sich zudem Sadismus dazugesellt, wird von «malignem Narzissmus» oder auch «Gaslighting» gesprochen. Menschen mit einer derartigen Disposition versuchen das Selbstbewusstsein Anderer, häufig sind es Ehepartner oder die eigenen Kinder, durch Demütigungen und psychologische Destabilisierung gezielt zu untergraben.

Personen, die in den Einflussbereich narzisstisch gestörter Persönlichkeiten geraten, werden in der Psychologie als «Ko-Narzissten» beschrieben. Diese teilen mit Narzissten ein instabiles Selbst, dass sie jedoch durch Überidentifikation mit vermeintlich Starken zu kompensieren versuchen. Die Gefolgschaft kann bis zur Hörigkeit und Selbstaufgabe gehen.

Die Selbstschwäche

Anders als der Ausdruck «Narzissmus» nahelegt, der vom griechischen Mythos des Narziss abgeleitet ist, scheint aber keineswegs Selbstliebe, sondern vielmehr eine ausgeprägte Selbstschwäche den psychologischen Untergrund krankhaft-narzisstischer Verhaltensweisen zu bilden. Im Innersten scheint ein Gefühl der Leere zu bestehen, eine Art seelisches schwarzes Loch. Narzisst klingt daher eigentlich zu positiv, vielleicht sollte man besser von «Selbstschwächlingen» reden.

Laut den Psychotherapeuten Ingrid und Fritz Wandel bedeutet «Narzissmus eine Stagnation der Persönlichkeit, durch den beharrlichen und fatalerweise erfolgreichen Versuch, in einem Kernbereich der Seele unverändert und kindlich zu bleiben.» [2]

Für den Kulturtheoretiker Utz Anhalt ist ausgeprägt narzisstisches Verhalten im Spätkapitalismus zur «Leitkultur» geworden. Sich durchzuboxen und ohne Rücksichtnahme an die Spitze zu setzen, gehöre zum Ziel vieler junger Menschen. Solidarität mit Schwachen, oder im Verborgenen Gutes tun, stehe hingegen auf der Skala weit unten. Skrupel würden als Hindernisse betrachtet. [3]

Die Entzauberung der Populisten?

Angesichts der Corona-Herausforderung haben bei einigen allzu selbstgewissen Leadern die Zacken in der ‹Krone› zu wackeln begonnen. Es wäre allerdings verfrüht zu frohlocken, dass sich die Populisten jetzt selbst entzaubern, nur weil sie sich als unfähige Krisenmanager entpuppen. Wenn es nämlich stimmt, dass ihre Anhängerschaft sich aus Ko-Narzissten rekrutiert, so verdankt sich ihr Erfolg einer weit verbreiteten Leere, die narzisstisch Gestörte lediglich widerspiegeln.

Dann wäre es nicht damit getan, schaumschlagende Populisten zu ersetzen. Vielmehr müsste das tiefer liegende Problem der Leere, Empathielosigkeit und des mangelnden Vertrauens und  Glaubens in der Gesellschaft adressiert werden. Und sich mit dieser inneren Leere auseinanderzusetzen, wäre dann vielleicht eine zentrale Aufgabe nicht nur der Psychologie, sondern auch der Religion und zeitgenössischen Theologie.

 

[1] Zit. nach https://www.heilpraxisnet.de/krankheiten/narzisstische-stoerungen/

[2] Ebd.

[3] Ebd.

What do you think of this post?
  • OMG! (1)
  • Karma-Boost (10)
  • Deep (24)
  • Boring (3)
  • Fake-News (0)

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.