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Haut drauf!

Man kann die Vitalität und Relevanz einer Idee nicht selten an der Vehemenz und Entschlossenheit ihrer Gegner:innen ablesen. Der Kommunismus ist tot und mit seinem Tod werden all die antikommunistischen Streiter:innen für eine wirtschaftliberale Ideologie unter dem gefallenen Eisernen Vorhang zugedeckt. Der Feminismus lebt und ernährt eine ganze Gegnerschaft, die unsere Kultur vor «Wokeness» und «Gender-Ideologie» retten wollen. Und wie steht es um das Christentum?

Unser Christentum ist tot

Wahrscheinlich ähnlich, wie um den Kommunismus. Man hat sich darauf geeinigt, dass die Grundidee eigentlich gut war, aber nicht funktioniert hat. Gegen Nächstenliebe hat keiner was und manche guten Intuitionen und Werte wurden durch religiöse Bilder, Gebote oder Erzählungen tradiert. Aber heute sind sie in unseren westlichen Gesellschaften wirksamer und überlebensfähiger ohne diesen christlichen Mythos und Pathos. Das Bodenpersonal kann sich anstrengen wie es will:

Ein lügender Papst prägt unsere Idee von Kirche und Macht stärker als tausend redliche Spitalseelsorger:innen.

Wir denken bei Kirche eher an Missbrauch und kranke Sexualmoral, Frauenfeindlichkeit und Kolonialismus, als an Pfarrer Sieber, Martin Luther King oder Dorothee Sölle. Kurzum: Das Christentum ist so tot, dass sogar Hugo Stamm dagegen in den Ring steigen kann. Die anderen interessiert das schon länger nicht mehr.

Ein Opfer des Fortschritts?

Manche meinen, diese Entwicklung habe mit einem gesellschaftlichen Fortschritt zu tun. Im Zuge des wissenschaftlichen, insbesondere des medizinischen, naturwissenschaftlichen und technologischen Fortschritts, hätten wir eine neue Stufe erreicht. Wir gebrauchen unseren Verstand und halten uns an das, was beweisbar und nachvollziehbar ist.  Unsere Probleme lösen wir durch Technik: Computertechnik, Medizinaltechnik und Selbsttechnik. Der Blitzableiter ist das Symbolbild für dieses Verhältnis: Die Alten haben die Götter im Gewitter um Milde angefleht. Wir haben den Blitzableiter. Und den Wetterwarndienst.

Wer es unbedingt braucht, kann zu spirituellen Techniken greifen. Atemübungen und Retreats, Meditation und Sport können helfen, die Ansprüche des Berufs- und Familienlebens effektiver zu erfüllen. Wer ein bisschen Zauber nötig hat, wendet sich an fernöstliche Raumgestaltungsexpertinnen oder macht Aufräumen zu einer spirituellen Übung. Das muss jede:r selbst wissen.

Unsere Selbstverständlichkeiten

Ich mag Blitzableiter, Atemübungen und Sport. Und ich bin froh, um medizinische und technologische Fortschritte. Gleichzeitig zweifle ich stark an dieser Fortschrittsgeschichte und unserer Idee von Freiheit. Ich glaube nämlich nicht, dass «das» Christentum oder die Religionen insgesamt nur durch wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt abgelöst worden sind, sondern von einer Ideologie an den Rand gedrängt wurden, die selbst religiöse Züge annimmt. Das möchte ich an drei wichtigen Selbstverständlichkeiten unserer Gegenwart zeigen:

Hauptsache gesund!

Gesundheit ist sehr wichtig und man muss nicht schwer krank sein – etwas Kopfweh genügt –, um zu spüren, was fehlt, wenn die eigene Gesundheit eingeschränkt ist. «Hauptsache gesund!» ist mehr als eine belanglose Aufmunterung. Aber Gesundheit ist gleichzeitig auch weniger als die Hauptsache. Sie ist dein Potential, das du zur Verfügung hast, um dein Leben zu gestalten. Hoffentlich dreht sich dieses um mehr und anderes als deine Gesundheit.

Die Frage, wofür ich mein Leben mit seinen Möglichkeiten einsetzen will, was ich lernen möchte, welche Erfahrungen ich suche, wen ich unterstützen möchte, muss wichtiger und anziehender sein, als die Gesunderhaltung dieses Lebens.

Sonst wird die Gabe «Gesundheit» zu einem Selbstzweck, einem Fetisch. Das kann soweit gehen, dass sie einem erfüllten Leben im Weg steht. Leben ist natürlich mehr als Essen und Trinken. Aber erst recht viel mehr als die ständige Sorge darum.

Im christlichen Glauben steht die Hoffnung auf ein ewiges Leben vor Gott nicht nur als Fluchtpunkt menschlicher Angst vor dem Tod. Die Hoffnung auf einen Himmel kann das Leben auch intensivieren. Sie sagt dir: Wenn du dein Leben für eine grössere Sache als deine eigene Selbsterhaltung opferst, kannst du es gewinnen. Auch wenn du es verlierst.

Die Welt als Ressource

Die naturwissenschaftliche Betrachtung der Welt hat insgesamt nicht dazu geführt, dass wir uns mit den Pflanzen und Tieren, der Luft und dem Wasser, die wir mit ihnen teilen, stärker verbunden wissen. In erster Linie wurde unsere Mitwelt zu einer zweckrational steuerbaren Ressource. Die Klimaziele, welche Regierungen verfolgen – ohne sie wirklich je zu erreichen –, richten sich nach dem gerade noch erträglichen Schaden, den wir in Kauf nehmen können, ohne unsere Lebensgrundlage endgültig zu zerstören.

Unsere technologische Macht, gepaart mit unserem Willen zu herrschen und unserer Dumpfheit gegenüber dem, was wir wissen, auch wenn wir es nicht vor Augen haben, hat uns zu Killern gemacht.

In Gegenbewegung zu dieser ausbeuterischen Mentalität entwickelt sich eine Speziesismus-Kritik, welche die Differenz zwischen Mensch und Natur aufzuheben versucht. Das Anliegen klingt ehrenwert: Wenn wir uns selbst als ein Stück Natur in derselben verstehen, werden wir Mitwelt, empfinden Mitgefühl und schaden den anderen Lebewesen weniger. Aber der Preis ist hoch. Unser humanistisches Erbe steht auf dem Spiel, wenn wir über uns selbst in Begriffen von Schädlingen denken und die eigene Reproduktion aus ökologischen Gründen moralisch in Zweifel ziehen.

Das Geschöpf hingegen war umgeben von Mitgeschöpfen, ein Kunstwerk unter Kunstwerken desselben Schöpfers. Als Geschöpf kann der Mensch gleichzeitig Teil dieses Kunstwerks sein und das Kunstwerk betrachten. Er gehört dazu, ohne darin aufzugehen. Dieses Verhältnis ermöglicht ein demütiges Miteinander, das menschliche Überheblichkeit in Verantwortung und ergriffenes Staunen in ein «Danke» übersetzen kann.

Sinn

Sinn ist überall! Wir gestalten unsere Trainings- und Erholungsphasen sinnvoll, finden, dass diese oder jene Abstimmungsvorlage Sinn macht, suchen oder bestreiten den Sinn einzelner Pandemiemassnahmen. Während etwas Einzelnes durchaus sinnvoll sein kann, sind wir gegenüber einem letzten Sinn, einer allumfassenden Bedeutung, einem Massstab für diese Welt und das eigene Leben mehr als skeptisch eingestellt.

In Wirklichkeit beschäftigt uns die Frage nach dem, was unserem Leben insgesamt Bedeutung gibt, sehr wohl.

Wir haben Selbsttechniken und Mechanismen, Therapien und Theorien entwickelt, die uns diese Frage vom Hals halten sollen: Entspannung und Wellness, Belohnungsshopping und Städtetripps, Konsum und schöner Wohnen, Midlife-Crisis und Wechseljahre.

Die Frage nach dem eigenen Grund ist ein Thema für Schwermütige, die an die frische Luft sollten, sich mal was gönnen müssen, eine Luftveränderung brauchen oder ein neues Sofa.

Eine gigantische Dienstleistungs- und Lifestyle-Industrie lebt davon, dass wir uns vor dieser Frage verstecken wollen. Der Kommunismus hatte wenigstens die Utopie einer freien und gleichen Gesellschaft vor Augen. Wir schleppen uns mit Werbebildern von Urlauben und Inneneinrichtungsideen durch den Alltag, die das Glück einer Ganzheit zwar nicht inhaltlich, aber wenigstens ästhetisch aufleuchten lassen. Aber neben der Idee eines Reiches Gottes ist auch ein schöner Sonnenuntergang halt nicht mehr als schön.

Überwinden und aufheben

Man kann von diesen Defiziten unserer Gegenwart nicht auf die Notwendigkeit christlicher Religion schliessen. Aber eine gute Religionskritik, eine Kritik, die das Kritisierte nicht nur niedermachen, sondern überwinden und aufheben könnte, würde Antworten auf diese Fragen suchen. Und es würde die stärksten Antworten aufnehmen und solange verbessern, bis uns allen ihr Ursprung, sei es ein Prophet, ein heiliges Buch oder ein Geistesblitz eines Kindes, egal ist. In diesem Sinne: Haut drauf, ihr Hugos!

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3 Kommentare zu „Haut drauf!“

  1. Viele Einwände – gegen welche These eigentlich? Fände ich jetzt noch super, wenn Stephan sich irgendwo noch konkret auf Hugo Stamm beziehen würde, was dieser geschrieben hat und wie er dem pro Punkt entgegenhält. Danke 😉

  2. Wirklich kein sehr guter Text. Ohne klare Aussagen, wirre widersprüchliche Floskeln, und sorry ziemliches Gefasel.

    Im letzten Abschnitt wird mehr Kritik gefordert; genau das verunmöglicht das kirchliche Establishment.

  3. Viele berechtigte Kritik am Menschsein ohne, dass ich mich als Atheist davon als solcher „getüpft“ fühle. Viel Weltschmerz. Die götterbezogenen Zeilen könnten man weglassen, ohne den Inhalt zu verfälschen. Wo aber bleibt der Bezug zu Hugo?

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