Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 11 Minuten

«Hallo Tod» – Verliert das Sterben dank Social Media sein Tabu?

Sie bringen Farbe in den Tod: «The Funeralists» Der bunte, durchgestylte Instagram-Auftritt des Bestattungsunternehmens lässt nicht erahnen, in welcher Branche die Firma tätig ist. Ebenfalls knallig ist das Logo des Schweizer Podcasts «Das letzte Stündchen»: Der Totenschädel trägt einen neongrünen Kopfhörer.

Der Tod wird auf Social Media enttabuisiert. Eine nicht repräsentative Umfrage mit rund 80 Teilnehmenden auf Twitter und Instagram ergab, dass für viele der Tod weniger ein Tabuthema ist als noch vor einigen Jahren (70% auf Twitter, 80% auf Insta). Auch im kulturellen Raum ist der Tod präsent: Etwa mit dem Festival «Hallo Tod», welches Ende Mai in Zürich stattfinden wird. Oder mit “Death Cafés”, Gesprächsrunden zum Thema, welche – vor Corona – auch in der Schweiz stattfanden.

Aber verliert das Tabu deswegen tatsächlich an Macht? Wird die Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit dadurch leichter? Und wie sieht die Rolle der Kirche in dem Ganzen aus? Fünf Thesen dazu.

These 1: Social Media rücken den Tod ins Blickfeld

Bestattungskultur, Palliativpflege, mediale Öffentlichkeit für Einzelne, welche ihre letzten Tage und Wochen dokumentieren: Auf Social Media findet man diverse Posts und Profile dazu. Der Tod ist hier präsent. Wie jedes andere Thema, muss jedoch hinzugefügt werden. Social Media haben das Internet demokratisiert, die reine Präsenz eines Themas sagt also nichts über die Breite und Tiefe der Auseinandersetzung aus. Dazu kommen die Algorithmen, die einem diejenigen Accounts und Posts zuspielen, für welche man am meisten empfänglich ist.

Einen Hinweis darauf, wie sehr etwas tatsächlich diskutiert wird, geben Communities, die einzelne Themen herum entstehen (also das «social» in «Social Media»). Zum Beispiel rund um das Thema «Sternenkinder», Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Worüber früher geschwiegen wurde, darf heute gesprochen werden. «Verwaiste Eltern» erzählen ihre Erfahrungen, die einzelnen Posts erhalten unzählige Kommentare von anderen Betroffenen. So fühlen sich Menschen weniger alleine und Nicht-Betroffene erfahren, dass solche Todesfälle nicht unbedingt selten sind.

Geschlossene Facebook-Gruppen und Instagram-Feeds ersetzen persönliche Beziehungen, Gespräche und allenfalls psychologische Begleitung nicht.

Sie bieten aber eine niederschwellige digitale Möglichkeit, sich auszutauschen. Hier haben Social Media tatsächlich neue Communities wachsen lassen. Die Kehrseite ist, dass auch destruktive Themen rund um den Tod auf sozialen Plattformen präsent sind und diskutiert werden.

These 2: Wer Social Media konsumiert, für den*die ist der Tod noch weit weg

Wer diese Medien konsumiert, sind v. a. Leute in der ersten Lebenshälfte (2/3 der Instagram-Nutzer*innen sind unter 35, 80% unter 45, bei Facebook sind rund 2/3 unter 45; Quelle: onlinekarma.ch). Hier ist der Tod noch weit weg, für die meisten zumindest. Indirekt ist man dem Tod bereits begegnet, hat Lebenskrisen erlebt, Tod von Grosseltern, aber die Illusion des eigenen ewigen Lebens verhebt noch. Das lässt es auch zu, «Death Cafés» zu besuchen und Podcasts zum Thema Tod anzuhören. In dieser Lebensphase tut es nicht einmal weh, sich im Rahmen eines Workshops zu überlegen, was man wohl in seinen eigenen Nachruf schreiben würde.

Auf Instagram, Twitter oder Facebook gibt es immer wieder kranke Menschen, die ihr Sterben öffentlich teilen. Nicht den eigentlichen Tod, aber die letzten Tage, Wochen und Monate. Das macht betroffen – regt aber auch dazu an, nach dem Lesen des Blog- oder Instagramposts mit neuer Freude zurück ins eigene Leben, in den eigenen Alltag zu gehen.

In der Netflix-Doku «Dick Johnson is Dead» beschäftigen sich die Filmemacherin Kirsten Johnson und ihr an Demenz erkrankter Vater Dick (Ende 80) mit dessen nahendem Tod – auf humorvolle, teils surrealistische Weise. Sie inszenieren verschiedene Sterbeszenen wie in einem Hollywoodfilm, Lachen und Weinen liegen hier nahe beieinander. Am Ende des Films sieht man die Trauerfeier für Dick Johnson. Menschen erzählen von ihm und ihrer Beziehung zu ihm. Sein bester Freund wird nach einigen bewegenden Worten von heftigem Schluchzen geschüttelt. Der Punkt ist aber, dass die Trauerfeier schon zu Dicks Lebzeiten stattfand: Als die Demenz begann, sich deutlicher zu zeigen, nahm er von seinen Freund*innen Abschied, um zu seiner Tochter nach New York City zu ziehen. Dick steht auf der Empore der Kirche und hört zu, was die Leute über ihn sagen.

Nur im Angesicht des real sich nähernden Todes, der Endgültigkeit des Abschieds hat diese Inszenierung Gewicht.

Nur deswegen berührt die Auseinandersetzung tatsächlich eine transzendente Ebene. Das Schreiben eines eigenen Nachrufs in jungem Alter und bei guter Gesundheit, das Ausfüllen eines Organspendeausweises, das ungezwungene Reden darüber, was nach dem Tod kommen mag – all das bleibt ein «Managen» der eigenen Sterblichkeit.

These 3: Die öffentliche Debatte über assistierten Suizid spielt eine Rolle

Seit rund 20 Jahren gibt es in der Schweiz Sterbehilfeorganisationen. So lange wird auch in der Öffentlichkeit über assistierten Suizid diskutiert. Er ist immer weniger stigmatisiert, und so ist assistierter Suizid für viele Menschen zur Option geworden, wenn es um das eigene Ende geht. Sich nur schon theoretisch diese Möglichkeit offenhalten zu können, nimmt vielen ein Stück der Angst vor dem Sterben und vor jahrelangem Leiden. Das führt dazu, dass freier über den Tod gesprochen werden, man ihm entspannter entgegenschauen kann.

Ein häufiges Motiv hinter der Mitgliedschaft bei einer Sterbehilfeorganisation ist der Wunsch nach Selbstbestimmung.

Zu bedenken ist dabei aber, dass absolute Selbstbestimmung in jedem Moment des Lebens eine Illusion ist. Abhängigkeit, Beziehungen, Versorgt-werden gehört zum Menschsein.

Möglicherweise würde es den eigenen Umgang mit dem Tod ebenso verändern wie die Option für assistierten Suizid, wenn man sich dies immer wieder bewusst machte.

Und es wäre wünschenswert, dass auch dieser Aspekt des Menschseins im öffentlichen Diskurs in sozialen Netzwerken vermehrt thematisiert wird. Dass Schwach-Sein kein Tabu ist und die kleinen Gemeinschaften wie Familien, Freundeskreise, aber auch Selbsthilfegruppen gefördert werden, in welchen man sich fallen lassen kann. Auch wenn der Tod noch kein imminentes Thema ist.

These 4: Der Tod fasziniert seit eh und je, doch nur aus Entfernung

Die Faszination für den Tod ist nichts Neues. Ein Blick in die Geschichte von Kunst und Literatur zeigt dies. Social Media wirken jedoch als Katalysatoren. So ist zum Beispiel die mexikanische Kultur um den «Dia de los Muertos» und dessen Ästhetik in den letzten Jahren auch in Westeuropa bekannt und populär geworden. Heute gibt es eine mediale Flut von Bildern und Geschichten, mit denen auch die Faszination für den Tod gefüttert wird.

Der Unterschied zu früher ist, dass der Tod auf Distanz gehalten wird. Sobald jemand schwer erkrankt, ist der Tod wieder ein Tabu und erhält seine bedrohliche Macht zurück. Als nicht direkt Betroffene sind wir hilflos, ringen um die richtigen Worte und die wichtigen Dinge in dieser Situation. Aufbahrung und Abschied von Verstorbenen zu Hause, früher Tradition, ist heute Seltenheit. Wer gestorben ist, wird relativ schnell «weggeschafft», und die Trauer der Zugehörigen ist für viele im Umfeld unangenehm.

Wenn 130 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, weil ihr Boot sinkt, scrollt man einfach weiter.

Auch in der Corona-Debatte, wo immer wieder gesagt wird, dass Sterblichkeit zum Leben gehört und der Tod normal ist, geht es immer um den Tod anderer, Fremder. Viele Menschen, welche selbst jemanden verloren haben oder welche eine Ansteckung aufgrund ihres Gesundheitszustandes in Todesgefahr bringen würde, sprechen anders darüber.

Der Tod fasziniert, ja – aber seine Nähe ist nach wie vor schwer auszuhalten.

Wenn er real wird, konkret, fällt es uns schwer, darüber zu sprechen und damit umzugehen.

These 5: Zwar kein Tabubruch, aber eine positive Entwicklung

Obwohl der «heilsame Tabubruch» nur ein scheinbarer ist, ist es positiv, dass der Tod auf Social Media thematisiert wird. Die Entwicklung gehört zu einer breiten Bewegung, in der verschiedenste Themen enttabuisiert werden: Transsexualität, Mental Health, Rassismus, körperliche Behinderung sind einige davon. Gerade auf Instagram, wo die Jungen, Schönen, Reichen, Gesunden dominieren, ist diese «woke» Bildungsoffensive ein Gegenpol.

Wie die einzelne Userin damit umgeht, wie tief sie sich tatsächlich damit beschäftigt, bleibt dabei offen. Aber es bestehen Möglichkeiten, mit anderen ins Gespräch zu kommen, eigene Fragen zu stellen, und bei eigener Betroffenheit Hilfe und Anstösse zu erhalten. Es entstehen alternative Räume, um mit Sterben und Tod umzugehen, die den Einzelnen gut tun können – zum Beispiel digitale Trauerbücher, Trauergruppen oder Diskussionsforen.

Was hältst du davon? Deine Meinung als Leser*in dieses Artikels interessiert mich – unten kannst du einen Kommentar schreiben. Oder komm auf den Social Media-Accounts des RefLab ins Gespräch.

Und worin besteht die Rolle der Kirche?

Die Kirche, welche lange sowohl institutionell (Abdankungen) als auch inhaltlich (was kommt nach dem Tod?) ein Monopol auf das Thema hatte, hat ihre Deutungshoheit längst verloren. Menschen engagieren freie Trauerredner*innen für Beerdigungen und haben ihre eigene Vorstellung davon, ob es ein Jenseits gibt und wie es aussieht. Leider hat vermutlich auch jede*r schon von einer Pfarrperson gehört, welche bei Trauergesprächen unsensibel mit den Zugehörigen umging – oder welche zumindest so wahrgenommen wurde. Letzteres schadet Beziehungen von Menschen zur Kirche nachhaltig. Umgekehrt kann es Vertrauen zur Kirche stärken, wenn kirchliche Mitarbeitende in solchen Situationen persönlich, kompetent und mitfühlend auftreten. Deswegen sind, wenn hier von «Kirche» gesprochen wird, immer auch die einzelnen Akteur*innen gemeint.

Die Thematisierung des Todes in sozialen Medien ist für die Kirche eine Chance. Einige Ideen dazu.

Sichtbar und ansprechbar sein

«Dort sein, wo die Menschen sind»: Das heisst heute, auch auf Social Media. Viele Kirchgemeinden haben eigene Accounts. Um jedoch wirklich sichtbar und auch ansprechbar zu sein, reicht ein «anonymes» Profil nicht. Genauso wie in der analogen Welt ein Kirchengebäude nicht reicht, um im Dorfleben wahrgenommen zu werden. Menschen brauchen Gesichter, das heisst, auch im digitalen Raum müssen Institutionen personalisiert sein, damit Vertrauen entsteht und man als mögliche Ansprechperson wahrgenommen wird.

Die eigene Kompetenz nicht unter den Scheffel stellen

Bei manchen kirchlichen Websites muss man länger suchen, um zur Page zum Thema Todesfall zu kommen. Dabei sollte es gerade in dieser Situation so einfach wie möglich sein, die entsprechende Hilfe zu finden. Dann steht unter «Was tun bei einem Todesfall» vielerorts bloss ein einleitender Satz und eine Kontaktangabe. Hilfreich sein kann eine Checkliste mit Schritten, die nach einem Todesfall zu unternehmen sind, und die Telefonnummer des Bestattungsamtes der politischen Gemeinde. Manche Kirchen listen auch Ideen auf, wie Zugehörige in der Abdankungsfeier ihre Wünsche und diejenigen der verstorbenen Person einbringen können.

Den digitalen Raum mit analogen Angeboten ergänzen…

Eine Facebook-Trauergruppe ersetzt nicht das 1:1-Gespräch mit einem Menschen, der vor einem sitzt und zuhört. Seelsorge und Rituale für schwierige Lebenssituationen gehören zum Kompetenzbereich der Kirchen. Vielerorts gibt es Trauercafés, Pfarrpersonen stehen gerne für Gespräche zur Verfügung. Entsprechende Angebote sollten auch auf dem Online-Auftritt gut sichtbar und leicht auffindbar sein. Und gerade weil Social Media so schnelllebig sind, ist es umso wichtiger, dass Trauernde offline nicht vergessen werden.

…und umgekehrt

Auch der entgegengesetzte Ansatz ist eine Chance: Die eigenen analogen Angebote durch digitale zu ergänzen. Niederschwellige Online-Begegnungen ermöglichen, sich in bestehende (lokale, regionale) Initiativen einklinken, Hilfestellungen digital zugänglich machen. Dazu gilt es, die Bedürfnisse der Menschen abzuklären und diejenigen Angebote zu schaffen, welche fehlen.

Einfache, günstige Weiterbildung

Viele Fachpersonen aus Hospizen, Bestattungsunternehmen o. ä. geben Wissen online weiter, von dem sie denken, dass es auch für andere hilfreich ist. Dies geschieht in einzelnen Posts, aber immer wieder auch in Online-Veranstaltungen wie Facebook-Lives oder Webinaren. Dies ersetzt nicht den Austausch mit dem Friedhofspersonal vor Ort oder die Auseinandersetzung mit kantonalen Vorschriften und Regeln rund um Bestattung, welche die eigene Arbeit oder auch Fragen von Zugehörigen verstorbener Menschen betreffen. Aber wer in einem spezifischen Themenbereich mehr Wissen erwerben möchte, findet auf Social Media ein breites, oft kostenloses Angebot.

Ideen zu Trauer und Bestattungskultur

Kerzen selber herstellen, den Sarg bemalen oder mit Abschiedsworten beschriften – Rituale für Trauer und Abschied finden sich zuhauf auf Social Media. Auch Fragen wie: Wie stellt man ein verstorbenes Baby der erweiterten Familie und dem Freundeskreis vor? Wie spricht man mit Kindern über den Tod? Online kann man Ideen finden, aber auch eigene Erfahrungen und Best Practices weitergeben. So ist ein Austausch möglich, der analog viel mehr Effort bräuchte.

Lebensgeschichten kennenlernen

Der Kontakt mit Menschen und persönliche Gespräche sind Alltag im Pfarrberuf. Aber gerade für junge Pfarrpersonen können die Geschichten, welche auf Social Media erzählt werden, den Horizont erweitern. Ich kann zum Beispiel erfahren, was Eltern nach dem Tod ihres Kindes durch den Kopf geht, ohne Betroffenen in diesem Moment neugierige Fragen zu stellen. Oder lerne Vorstellungswelten zu Sterben und Tod kennen, die mir fremd sind. Daraus lassen sich für die eigene Arbeit Anknüpfungspunkte und andere Perspektiven finden.

 

Festival “Hallo Tod”, 25.-30. Mai 2021 https://www.hallo-tod.com/festival

Einige interessante Profile und Links: 

Twitter-Account von «Thanatos Bestattung»: «alternativer Bestatter, der zum Abschiednehmen ermutigt»

Instagram-Account von «jungeTrauer»: moderne und altersgemässe Todesanzeigen

«Demenz für Anfänger»: Blog von Zora Debrunner

Instagram-Account «Bedürfnisorientiert sterben zulassen»: Weiterbildung für Fachkräfte in der Begleitung am Lebensende

 

Danke an Achim Blackstein fürs kritische Lesen und einige hilfreiche Impulse! #digitaleKirche

Photo by Jan Tinneberg on Unsplash

What do you think of this post?
  • OMG! (0)
  • Karma-Boost (4)
  • Deep (7)
  • Boring (1)
  • Fake-News (0)

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.