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Lesedauer: 5 Minuten

Ein Alpencurry der besonderen Art

Das erste Sommerwochenende bahnt sich dank des Klimawandels bereits Mitte Mai an. Gemeinsam mit zwei Freundinnen weihe ich am Sonntagnachmittag die Badisaison* in Zürich ein. Nach einem Bad im 16 Grad kalten See liegen wir wie schläfrige Robben auf den Holzrosten. Ein sanfter Wind umspielt die Stoffbahnen über uns, die Spiegel der Discokugel brechen kleine Lichter darauf. Wir unterhalten uns über alles und nichts. Da sich nach einer Weile bei allen der Hunger anbahnt, kommen wir auf Küchenklassiker zu sprechen: Gerichte, die uns als Kinder von unseren Eltern vorgesetzt wurden oder die wir immer und immer wieder in Lagern gegessen haben. Irgendwann sagt eine: «Riz Casimir!» und wir alle brechen in hysterisches Gelächter aus.

Eine süss-salzige Zürcher Erfindung

Das Gericht ist so schräg, dass sich sogar ein Historiker damit befasst hat. Gemäss diesem Historiker, Roger Sidler, wurde das Gericht erstmals im Restaurant Mövenpick in Zürich serviert. Dort stand es ab 1952 auf der Speisekarte. Obwohl der französische Name Haute Cuisine und Exotik suggeriert, ist die Zusammensetzung des Gerichts höchst schweizerisch: Nicht klebender Parboiled-Reis, Kalbfleisch und eine milde Curry-Rahm-Sauce, unter die geraffelte Äpfel, Peperoni, kleingeschnittene Bananen und Ananasstücke aus der Dose gemischt werden. Als Garnitur dienen Korinthen.

Angeblich erinnert der Name an die Region Kashmir in Indien. Doch die Zutaten können kaum etwas damit zu tun haben.

Sowohl in Erzählungen als auch wegen der vielen Nahrungsmittel, die aus Kuhmilch hergestellt werden können, wird Kühen in hinduistischen Kontexten eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Sie werden nicht getötet und ihr Fleisch schon gar nicht gegessen. Rahm als Zutat ist ebenfalls sehr schweizerisch. Weitere Namen des Gerichts verdeutlichen, dass es sich um eine Schweizer, ja vermutlich Zürcher Erfindung handelt: Elisabeth Fülscher, welche das berühmte «Fülscher Kochbuch» herausgab – ein Klassiker seiner Zeit, von dem meine Grossmutter noch heute überzeugt ist, dass man daraus Grundrezepte verwenden kann – hat in der Ausgabe von 1960 einen «Risotto Casimir». Über die Landesgrenzen hinaus ist das Gericht bestenfalls in der Variante «Riz Colonial» bekannt.

Ein Nachkriegsklassiker

Wahrscheinlich ist, dass das Gericht die Situation der schweizerischen Nachkriegszeit widerspiegelt: Die Wirtschaft befindet sich im Aufschwung, der Wohlstand bahnt sich an. Schweizer:innen können sich wieder teures Fleisch wie Kalbfleisch leisten und haben Zugang zu importierten Lebensmitteln wie Reis, Bananen oder Dosen-Ananas. Das Ende des Kriegs weckt zusätzlich die Sehnsucht, das Unbekannte jenseits der eigenen Landesgrenzen kennenzulernen. In einer Zeit, in der Fernreisen trotz allen Wohlstands viel Geld kosten, scheint es wahrscheinlich, dass Menschen ihre Neugierde zuerst auf einem Teller befriedigen müssen. Ueli Prager gelingt das in seinem Restaurant mit «Riz Casimir» vollends.

Das Gericht lässt sich als typisch bürgerlich-konservativer Umgang mit Fremdem interpretieren: «Es bitzeli öppis Neus, aber bitte nöd z viel uf eimal!»

Die Übersetzung: «Gerne etwas Neues, aber bitte nicht zu viel auf einmal!» Das Gericht verbindet «exotische» Zutaten wie Curry, Bananen, Ananas oder die Kombination aus Süss-Salzig auf einer bewährten Basis von Kalbfleisch und Rahmsauce. Reis hat dabei die Doppelfunktion, dass es zwar ein Importprodukt darstellt, aber einigermassen vertraut ist. Übernommen wird im Gericht allerdings nur, was passt. Erste Priorität geniesst das Eigene, in das sich das Fremde unterordnend einfügen muss. Wem das für ein Gericht eine zu politische Aussage ist, der:die denke nur an schweizerische Verhandlungen mit Europa.

Eine kuriose Kindheitserinnerung

An dieser Stelle werde ich trotzdem keine Diskussion anzetteln, ob man das Gericht von der Speisekarte streichen soll, weil es sich womöglich respektlos gegenüber der indischen Curry-Tradition verhält. Ich gehe davon aus, dass Curry-bewanderte Menschen sich über unsere Alpencurry-Interpretation bestenfalls amüsieren. Was in der Schweiz als mondän und Ausdruck von Wohlstand galt, ist heute eine Erinnerung an Schweizer Bünzlitum. In Restaurants ist das Gericht längst von den Karten verschwunden. «Riz Casimir» lebt höchstens in bürgerlichen Kreisen weiter. Dennoch, bitte nicht missverstehen: Ich schreibe aus tiefer Liebe über dieses Gericht.

Das hysterische Gelächter in der Badi rührt daher, dass das Gericht uns Freundinnen unglaublich vertraut ist. Es hat sich tief in unserer kulinarisch-kulturelles Gedächtnis eingegraben.

Wir selbst sind in bürgerlich-traditionellen Kontexten aufgewachsen. Wir alle kennen die klassische Variante, die uns jenseits des Mövenpick-Restaurants in unseren Haushalten und Lagern vorgesetzt wurde: die Alltagsvariante am Mittag, in der es Reis, wahlweise Poulet oder Schweinefleisch an der milden, leuchtendgelben Sauce (manchmal mit Milch und Mehl anstelle von Rahm) und Dosenfrüchte mit Ananas, Pfirsichstücken und leuchtend roten Herzkirschen gab. Manchmal gab es auch einfach nur Dosen-Ananas, weil das mit den Herzkirschen so eine Sache war: Manche Kinder liebten sie, andere fanden sie schrecklich. Wenn die Person in der Küche einen besonders guten Tag hatte, gab es zusätzlich zu den Dosenfrüchten gebratene Bananen.

Lebt das Alpencurry weiter?

Alles in allem ist «Riz Casimir» eine liebevoll-lustige, aber irgendwie schon sehr schräge Erinnerung. Ein Versuch, schweizerische Fusionsküche zu betreiben, die in einem süss-salzigen Alpencurry mündete. Ein Versuch, bei dem wir Freundinnen in der Badi darüber rätseln, wie man eine Mahlzeit mit gezuckerten Dosenfrüchten als gesund erachten konnte. Essen würden wir es wahrscheinlich alle noch. Aber selbst kochen? Fraglich. Irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Vielleicht einmal aus Nostalgiegründen.

Wer Bedenken hat, dass es postkolonial nicht vertretbar ist, Riz Casimir zu kochen, mache es wie die 98-jährige Frau, in deren Wohnung ich nach ihrem Tod eingezogen bin. Sie hatte mit ihrem Mann einige Zeit in Indien gelebt. In den Büchern, die wir nach ihrem Tod durchstöbern durften, da die Erbengemeinschaft sie nicht wollte, fand sich sowohl eine Ausgabe von Fülschers Kochbuch als auch ein Kochbuch für traditionelle indische Curries. Ich habe beide Kochbücher behalten: das hellblaue Fülscher-Kochbuch und das Curry-Buch. Sehr zur Freude und vielleicht auch zur Erleichterung der Grossmutter, dass das Kind wenigstens etwas Bürgerlichkeit bewahrt hat.

Das Rezept für Elisabeth Fülschers «Risotto Casimir» im Original sowie eine vegane Variante mit Planted Chicken und Kokosmilch findet sich unter https://elisabeth-fuelscher.ch/portfolio-item/risotto-casimir/.

Noch mehr Rezepte gibt’s in unserer letztjährigen Serie «Sommerrezepte» von Johanna Di Blasi.

*Bei einer «Badi» handelt es sich um ein Fluss-, See- oder Beckenfreibad, das jeweils im Sommer geöffnet hat.

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