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Lesedauer: 6 Minuten

Die Erlösung

Die Kathedrale ist gut besucht. Wir stehen in Zweierreihen und halten den notwendigen Sicherheitsabstand ein, folgsam auf die Kommunion wartend. Die Ersten haben sie bereits erhalten. Als sie sich zu uns drehen, senken sie ihre Köpfe und versuchen ihr Lächeln zu verstecken. Ich bin so neidisch auf sie! Wie sich das wohl anfühlt? Werde ich nach dem Abendmahl eine neue Person sein, vielleicht eine selbstsicherere? Das Mysterium der Eucharistie. Man muss ein bisschen daran glauben, damit es auch geschieht. Aber jetzt brauche ich insbesondere Geduld.

Denn die Lämmer bewegen sich in der Schlange in Schneckentempo. Ich muss schmunzeln, so viele Tiermetaphern in einem Satz. Rechts und links sitzen einige Leute in den Bänken. Sie besuchen zwar die Messe, entscheiden sich aber nicht für die Kommunion. Warum das wohl? Möchten sie nicht errettet werden? Möchten sie keine Gabe? Ich verstehe sie nicht. Wie können wir eine Einheit bilden, wenn es so viele Ungläubige gibt? Die Kinder unter zwölf Jahren sind entschuldigt, denn sie dürfen noch nicht.

Als ich endlich an der Reihe bin, schaut mich der Mann mit dem weissen Gewand an und flüstert:

«Für dich heute: Moderna». Ich nicke gerührt, kremple meinen Ärmel hoch und schliesse die Augen. Mein Herz hämmert in der Brust, die Handflächen sind feucht und kalt. Es tut aber nur ein bisschen weh. Ich sage «Amen» und gehe wieder zurück zu meinem Platz. Mir ist ein bisschen schwindlig und heiss. Jede Opfergabe hat ihre Nebenwirkungen. Ich bete:

«Oh, Moderna. Gepriesen sei dein mRNA-Verfahren, gelobt deine Notfallzulassung, so im Himmel wie auf Erden. Erlöse mich vom Corona-Virus, der mich ängstigt und im Leben arg einschränkt. Bejubelt sei dein digitaler Impfpass und vergib unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Laboranten in Wuhan. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Querdenkern und Schwurblern. Denn dein…»

Der Mann neben mir stösst mir den Ellbogen in den Rippen und sagt:

«Schwurbler ist nicht political correct. Ich nenne dich auch nicht Wissenschaftsterrorist mit einem Faible für Auslandsreisen.»

Der Priester ist mit den Impfungen durch. Er beginnt mit der Predigt:

«Im Namen von Big Pharma, die Allmächtige, den Kontrollstaat und die mediale Kraft. Amen. Gegrüsst seid ihr Befürworter der Impfung, von Alpha über Delta bis Omega. Wir haben gute Nachrichten: Moderna hat im Jahr 2021 zum ersten Mal seit seinem elfjährigen Bestehen einen Quartalsgewinn erzielt.»

Verhaltener Beifall in den Rängen, denn nur die Hälfte der Anwesenden klatscht.

«Und die Zukunft sieht rosig aus. Denn Auffrischungsimpfungen sind nötig. Am besten in alle Ewigkeit. Amen. Wer heute die Impfung erhalten hat, kann seine Ketten beim Ausgang ablegen und den Pass beziehen. Bitte zuerst mit dem Weihwasser die Hände desinfizieren. Der Pass macht dich zu einem besseren Menschen. Du kannst dich wieder im Stadion besaufen und johlen. Du darfst wieder die Luft verpesten und interkontinental fliegen. Du kannst Bordelle und Baumärkte besuchen und zwar am selben Tag und ohne Maske.»

Aus den hintersten Reihen hört man ein «Oh, Moderna! Ich lobpreise deine tiefgekühlte Dosis.»

In der 3. Reihe, ganz rechts aussen, ist jemand bereits vom Impfgeist beseelt und fängt ekstatisch zu zucken an. Alle stehen auf und singen das Lied der Gewinnmaximierung:

«We shall maximise, we shall maximise, the Net Worth Growth! Oh, deep im my hearth, I do believe, we shall maximise …»

Ich habe Tränen in den Augen und schluchze.

Der Gitarrist spielt leidenschaftlich, hört aber aus irgendeinem Grund abrupt auf. Der Priester knüpft an:

«Eine schöne Melodie, die leider in diesem Raum atonal wirkt. Denn verflucht seien die Verweigerer und Superspreader jeglicher Couleur, vom Globulimarkt bis zur Esoterikmesse. Möge der Virus sie niederschmettern und bestrafen für ihre Unwissenheit und Dummheit. Der Hauch Gottes soll nicht mehr in ihren Lungen ventilieren, so wahr die Intensivbetten belegt sind.»

Ein Raunen geht durch die Ränge und eine Frau schreit mit erhobener Faust: «Wir sind frei! Wir dürfen unabhängig entscheiden!»

«Frei? Und wer zahlt die Kollekte? Wer führt die Herde sicher zum Stall? Verflucht eure Barbarei, verflucht die Ode an die individuelle Freiheit, die uns zum viralen Scheiterhaufen bringt. Wer nicht an die Impfung glaubt, soll zunächst ausgepeitscht werden. 15 Mal zu Beginn, sanft aber bestimmt. Wer sich immer noch nicht für die Impfung entscheidet, soll nochmals ausgepeitscht werden. Dazwischen gibt es ein Stück Kuchen vom Bundesamt für Gesundheit. Es ist trocken, aber dafür gratis. Wer immer noch nicht folgt, soll in abgetrennten Cafeterias unter seinesgleichen essen und mit Kleber versehen werden. Die Mund- und Nasenpartie muss frei bleiben, das versteht sich von selbst. Vergesst bitte nicht: Wir machen das, weil wir euch lieben. Das ist Hilfe zur Selbsthilfe!»

«Ich habe Angst. Das sind keine Impfungen, sondern genetische Manipulationen…», sagt ein älterer Mann kniend.

«Halten Sie die Klappe, Ungläubiger! Das Wort des Beipackzettels gilt und nichts Anderes. So wahr ich hier stehe, so impfe ich beidhändig und kreuzweise. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage, fragen Sie einen Befürworter oder schweigen Sie für immer», kontert der Priester.

«Aber ich nehme bereits Blutdrucksenker! Ich will das nicht kombinieren», meint eine übergewichtige Frau. Auch eine Skeptikerin.

«Gerade Sie, die es am nötigsten hätten. In nomini aeresol, erwachen Sie aus Ihrem Wahn! Trauen Sie der Wissenschaft, die Wissen schafft.»

«Ich habe das Prinzip des mRNA-Verfahrens mitentwickelt und bin nicht ganz von der Idee überzeugt», sagt ein Mann mit grauem Bart.

«Und Sie sind Wissenschaftler? Sie glauben Ihren eigenen Erfindungen nicht?», fragt der Priester höhnisch.

«Ich weiss, dass ich nicht alles wissen kann», sagt der Wissenschaftler demütig.

«Dann sind Sie kein echter Wissenschaftler! Zur Impfung!»

Die Menge jubelt. Der Wissenschaftler wird von vier Männern festgehalten und zum Altar gezerrt. Er schreit, kann sich aber von der Klammerung nicht lösen.

Die Menge schreit: «IMPFUNG, IMPFUNG, IMPFUNG!», während der Priester zum Tabernakel geht und eine Impfdose samt Spritze holt.

«Die Spritze ist nicht sterilisiert», meint die fettleibige Skeptikerin, die der Wissenschaft nicht traut, aber hygienisch korrekt sein möchte.

«Ich werde für ihn beten, dann ist es wieder gut», meint der Priester und rammt die Spritze in den Kopf des Wissenschaftlers.

«Oh, Moderna! Du sollst dort zurückkehren, wo du erschaffen wurdest. Du bist das Alpha und das Omega. Amen.»

Und so endet die Pandemie, so wahr wir alle immunisiert wurden.

 

Photo by Daniel Schludi on Unsplash

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2 Kommentare zu „Die Erlösung“

  1. Christine Mösch

    Dreimal habe ich den Text gelesen – mit unterschiedlicher Reaktion.
    1. Mal: Sackstark, geistreich und witzig! Ich lache herzhaft. Danke für diesen Spass.
    2. Mal: Bittersüss! Ich schmunzle.
    3. Mal: Todernst! Das Lachen ist mir vergangen. Danke für diesen tiefgründigen Text.

    Mich dünkt, Corona ist zur Ersatzreligion geworden. Corona hat an Ostern 2020 heimlich das Zepter übernommen, als die Christenheit geschockt zu Hause vor dem TV sass, oder depressiv im Bett liegen blieb, anstatt gemeinsam die Auferstehung von Jesus mit Abendmahl zu feiern. Die ganze Diskussion seither dünkt mich religiös aufgeladen.

    Genau genommen ist nicht die Impfung, sondern der digitale Impfpass das Tor in die Freiheit. Geimpft sein reicht nicht. Schon längst sind wir uns daran gewöhnt für weiss ich was alles unser Kärtchen hinzuhalten: wir bezahlen per Kreditkarte oder Twint, sammeln Cumulus- und zig andere Punkte und lassen uns über eine App unsere täglich gemachten Schritte zählen. Wir lassen uns seit über 20 Jahren kontrollieren – völlig freiwillig.
    Ketzerische Frage: Wie lange wird es dauern, bis ein einziges Kärtchen für alles reicht? Sie erraten es, ich meine den weltweit gültigen, digitalen Impfpass. Gewöhnungssache?

    Die folgende Aussage ist nicht von mir, sondern von keinem geringerem als Jean-Claude Juncker, 1999:
    „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein grosses Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“

  2. Sehr guter Text, er irritiert und verbreitet einen Hauch dieser Irrationalität, in die sich gewisse Menschen wohl seit Jahrtausenden begeben, um einem Geschehen Meister*in zu werden, das in seiner Vielgestaltigkeit die eigenen Möglichkeiten überschreitet. Das ist für mich keine Ersatzreligion, es ist schlicht Religion. Es ist schlicht der systemische Anteil in uns, der dafür sorgt, dass Er-Klärungen zur sinnbildenden Verarbeitung vorhanden sind. Rationalität ist und war noch nie genug, um die „Welt“ und das „Leben“ zu erklären, auch wenn viele postmoderne Menschen dieser Phase der Aufklärung mit den immensen wissenschaftlichen Erfolgen noch anhängen. „Wer nichts weiss, muss alles glauben.“ hiess es noch in einer Werbung des Tagesanzeigers in den 80iger Jahren. Umkehrung: Wer alles weiss, muss nichts glauben. Das wäre dann gerne das Ende von allem gewesen, das sich mit „glauben“ verbindet. Das Ende der Religion/en. Irrtum! Längst ist das Wissen selbst so unüberschaubar geworden, dass wir es ohne maschinelle/technologische/digitale Unterstützung in keiner Weise mehr bewältigen können. Und so breitet sich „Wissen“ mehr und mehr in den Bereich des „Glaubens“ aus, vermengt und vermischt sich mit Wissen aus den verschiedensten Bereichen von Wissenschaft und medialer (politischer, ökonomischer, sozialer) Meinungsmache und kondensiert zu „Weltanschauungen“ in Communities, die sich darin aufgehoben fühlen.
    Seuchen gehören zum System Erde. Und Massnahmen gegen Seuchen/Pandemien gehören zur Reaktion der Spezies Mensch auf solche Einbrüche von „Natur“ in unsere sozialen Ordnungen. Verbesserung der Hygiene und Änderungen in der Ernährung in Pest- und Cholerazeiten, Heilmittelentwicklungen gegen kleinere Gefährdungen. Spritzen gegen Kinderlähmung und Pocken. Wahrnehmen, entwickeln, erproben, korrigieren ist der jahrtausendalte Prozess und er läuft bei Covid nicht anders – nur heute global und mit ungeheurem Mitteleinsatz. Dass es dabei immer Profiteure und Scharlatane gab, hat wohl gleich lange Tradition.
    Covid ist wie die Klimaerwärmung ein Hinweis darauf, dass wir Menschen hier nicht die Nummer eins sind, sondern ganz simpel ein Teil des Systems. Was wir tun, wirkt auf uns zurück. Der liebe Gott hat „einen harten linken Haken“ (Peter Fox „Das Haus am See), Es wird Zeit, das wieder zur Kenntnis zu nehmen. Man muss nicht gleich einen Kult daraus machen. Demut, Dankbarkeit, Interesse und eine Prise Humor reichen aus.

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