Die Ausstellung «Seelenlandschaften. C. G. Jung und die Entdeckung der Psyche in der Schweiz», die am Wochenende im Zürcher Landesmuseum endet, wirkt wie ein Rückblick auf eine Epoche, in der das Innere noch als offener Kontinent galt: unvermessen, riskant, voller Abgründe und Verheissungen.
Die Moderne begann mit einer radikalen Selbstbeobachtung.
Rousseau machte in seinen Bekenntnissen die eigene Empfindung zum Forschungsfeld. Paracelsus, Lavater und die Physiognomik entwarfen erste Kartografien des Inneren. Künstler wie Füssli, Walser oder Wölfli machten Angst, Traum und Wahn sichtbar: als Landschaften der Seele.

Abbildung: Albträume. Die «Mahr» und der Dämon verkörpern die Tiefen der Seele. Johann Heinrich Füssli, Der Nachtmahr, 1790/91, Öl auf Leinwand, Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum
Eine zentrale Frage zog sich durch die Jahrhunderte, ohne letztgültig beantwortbar zu sein: Wo wohnt die Seele? Im Kopf, im Körper, in Zwischenräumen?
Mit der Aufklärung verschmolz die Seele zunehmend mit dem Körper.
Daraufhin begann die Medizin, sie zu vermessen. Was einst selten und Zeichen göttlicher Begegnung war – Vision, Ekstase, Wahnsinn –, wurde zum Diagnosegegenstand, zum Fall und Objekt therapeutischer Bearbeitung.
Der Ansatz des Schweizer Tiefenpsychologen C. G. Jung – im Vorjahr jährte sich sein Geburtstag zum 150. Mal – markiert eine eigentümliche Schwelle zwischen älteren Seelenlehren und modernen Ansätzen.
In einer tiefen Krise begann Jung ab 1913, Träume, Visionen und innere Dialoge systematisch zu protokollieren. Doch statt sie zu pathologisieren, behandelte er sie als symbolisches Material. Sein berühmtes «Rotes Buch» zeigt die Seele als symbolischen Raum: bevölkert von archetypischen Figuren, von Himmel und Hölle, von alchemistischen Bildern.
Philemon – der innere Lehrer
Eine wichtige Figur darin ist Philemon: ein innerer Lehrer, weder Engel noch Dämon. Für Jung verkörpert er eine autonome Psyche. Gedanken treten dem Ich wie von Aussen gegenüber.
Reifung geschieht durch Beziehung zum inneren Anderen.
Jung notierte, Philemon habe ihm gezeigt, dass Gedanken nicht vom Ich gemacht werden, sondern «wie Tiere im Wald» ein eigenes Leben führen.
Damit bricht die Tiefenpsychologie mit der Idee eines souveränen Subjekts.
Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus – sondern fragile Oberfläche eines tieferen Geschehens.
Abbildung: Philemon, der innere Lehrer. C. G. Jung, Das Rote Buch, 1913-1930 © Stiftung der Werke von C. G. Jung, Zürich
Abbildung: Die Kugel ist ein Symbol der Ganzheit und des Selbst. Ein Motiv, das bei Zeichnungen von C. G. Jung häufig auftaucht. C. G. Jung, Das Rote Buch, 1913-1930 © Stiftung der Werke von C. G. Jung, Zürich
Die pharmakologische Wende
Seit den 1950er-Jahren hat sich dieses Verständnis verschoben. Mit Neuroleptika, Antidepressiva und Tranquilizern begann die «Psychopharmakologisierung der Gesellschaft».
Die Folgen sind ambivalent. Psychopharmaka lindern Leiden, verkürzen Klinikaufenthalte und ermöglichen vielen ein stabiles Alltagsleben. Ohne sie wären Hospitalisierungen deutlich häufiger.
Gleichzeitig verändert sich das Verständnis psychischer Zustände. Wenn Stimmung biochemisch regulierbar ist, wird sie zur Normfrage. Was sich entzieht, gilt als Störung.
Der Fokus verschiebt sich von biografischen und existenziellen Dimensionen hin zu neurochemischen Modellen. Sinnverlust, Trauma oder Lebenskrisen treten als Möglichkeiten seelischer Reifung in den Hintergrund, wenn das primäre Instrument pharmakologisch ist.
Die Frage lautet nicht mehr nur: Wie geht es dir? Sondern: Funktionierst du?
Heilung – oder Abflachung?
Psychopharmaka wirken nicht nur auf Symptome. Sie berühren das Zentrum der Erfahrung von Hoffnung, Sinn, Verbundenheit. Für manche ermöglichen sie erst wieder Teilnahme am sozialen und auch religiösen Leben. Andere berichten von emotionaler Abflachung, einem Verlust an Tiefe.
Zwischen Stabilisierung und Verstummen verläuft eine schmale Linie.
Überraschend wenig erforscht ist, wie diese Entwicklung Spiritualität und religiöses Erleben verändert. Klar ist: Grenzerfahrungen – Krankheit, Krise, Endlichkeit –, aus denen religiöse Fragen oft entstehen, werden heute routinehaft pharmakologisch behandelt.
Das kann entlasten, aber zugleich existenzielle Intensität dämpfen.
Psychopharmaka halten Menschen im Alltag – und verändern zugleich die Innenwelt.
Die verdrängte Seite
Zur Schweizer Geschichte gehört auch eine andere Linie: Medikamentenversuche an Psychiatriepatienten ohne deren Zustimmung, etwa in den 1970er-Jahren. Eine Aufarbeitung beginnt erst jetzt.
Diese Verflechtung von Seelenforschung, Pharmabranche und klinischer Praxis bleibt in der Ausstellung unterbelichtet.
Eine offene Frage
Ein Blick auf aktuelle Statistiken zeigt steigende Verschreibungszahlen, mehr ambulante Behandlung, kürzere Klinikaufenthalte.
Mehr Menschen werden behandelt – nicht zwingend, weil es mehr Krankheit gibt, sondern weil sich die Formen der Behandlung verändert haben.
Als offene Frage bleibt: Warum produziert eine wohlhabende, sichere und über Spitzenmedizin verfügende Gesellschaft wie die schweizerische weiterhin so viel seelische Fragilität?
Wie blickst du auf das Thema? Wenn du Erfahrungen mit uns teilen möchtest, schreibe gerne einen Kommentar.
Die Ausstellung im Landesmuseum Zürich «Seelenlandschaften» läuft noch bis 15. Februar 2026.
Abbildung: A. C. für Unsplash











1 Gedanke zu „Die chemische Seele“
Die Seele ist eine Funktion unseres Bewusstsein und unser Bewusstsein ist eine Körperfunktion. Körper und Seele sind viel enger verbunden als man lange meinte (und versuchte, ihr Gewicht festzustellen). Dass auch religiöse Erfahrungen körperlich sind, weiss man schon lange. Spiritualität war nie körperlos. In allen Religionen wurden und werden gezielt Drogen (Mutterkorn, Pilze, Alkohol, Haoma, LSD im New Age) eingesetzt um transzendentale Erfahrungen zu erzeugen und ermöglichen. Fasten, Tänze und Meditation sind ebenfalls körperliche Erfahrungen. Heute ist das Wissen um auf die Psyche wirksame Stoffe grösser geworden, deshalb setzen wir sie gezielter ein. Ich sehe hier nicht etwas grundsätzlich Neues, sondern perfektioniertere und bequemere Methoden: Man braucht es nur zu schlucken. Ob das positiv oder gefährlich ist, wird sich wohl erst zeigen. Aber sicher ist: Es ist eine Gratwanderung.