Dein digitales Lagerfeuer
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Wenn Götter sich alles erlauben

Geile Götter

Xenophanes, Philosoph und Denker aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, war vielleicht der erste europäische Religionskritiker. Sein Befund: Die Götter, von denen Homer und Hesiod erzählten, führten ein Leben voller Betrug, Ehebruch, Gewalt und Willkür. Kurz: ein unehrenhaftes Leben.

Die olympischen Götter stiegen vom Himmel herab, täuschten, verführten, vergewaltigten.

Zeus als Serientäter, Poseidon als Gewalttäter, Aphrodite als Intrigantin. Götter wurden nicht verehrt, weil sie besonders ethisch handelten, sondern weil sie mächtig waren. Deswegen war es für Sterbliche auch nicht unbedingt erstrebenswert, ihnen nahezukommen.

Eintritt in andere Sphären

Man wollte die Götter «gnädig» stimmen, damit sie die Ernte schützten oder im Krieg halfen. Man wollte ihre Aufmerksamkeit, aber nicht unbedingt ihre physische Anwesenheit, da diese oft gefährlich, wenn nicht zerstörerisch wirkte.

Wo es zu Verbindungen zwischen Göttern und Sterblichen kam, erscheinen diese in den Erzählungen auffällig oft als erotisch-gewalttätig: Zeus und Europa, Leda, Danaë. Der Knabe Ganymed, von Zeus entführt, wird zum göttlichen Mundschenk.

Schönheit war eine – fragwürdige – Eintrittskarte in eine andere Ordnung.

Religionskritik …

Xenophanes stellte eine einfache Frage: Warum dürfen die Götter Homers Dinge tun, wofür wir Menschen verurteilen würden?

Xenophanes wollte Religion nicht abschaffen, sondern klären.

Die homerischen Götter waren nicht deshalb problematisch, weil sie zu mächtig waren. Sondern weil sie moralisch sogar noch unter dem standen, was man von gewöhnlichen Sterblichen erwartete.

Wenn es Göttliches gibt, muss es besser sein als wir. Nicht schlechter.

Wenn es Vollkommenheit gibt, kann sie nicht aus Betrug und Gewalt bestehen. Damit beginnt in der griechischen Antike etwas Neues: die Forderung, dass das Höchste auch moralisch das Höchste sein muss.

… als Gesellschaftskritik

Die Mythen erzählen von Göttern. Aber sie erzählen auch von einer Klasse von Wesen, die über dem Gesetz stehen. Die Kritik des Philosophen zielte auf die Götter. Sie kann aber auch als eine Kritik an einer Gesellschaft gelesen werden, die sich solche Götter gefallen lässt.

Mythen sind nie nur Geschichten über den Himmel. Sie spiegeln Machtverhältnisse auf der Erde.

Wer oben ist, atmet eine andere Luft. Die High Society ist per definitionem abgehoben, bleibt unter sich – und jenseits der Gesetze. Eine Klasse von Beinahe-Göttern.

Die Unantastbaren

Hat der Fall Epstein nicht genau diese Struktur freigelegt? Eine obere Schicht – Hochfinanz, Politik, Hollywood, Royals – eng miteinander vernetzt. Private Inseln, private Jets, private Regeln.

Es entsteht der Eindruck einer abgehobenen Sphäre, in der allgemeine Gesetze nicht gelten oder nicht zur Geltung gebracht werden.

Wenn alles erreichbar ist, man sich alles leisten kann, verschieben sich die Grenzen. Dann wird Übertretung selbst zum ultimativen Reiz. Der Tabubruch verbleibt als einziger Kick.

Elitenpornografie und ihre Nebenwirkungen

Die Faszination solcher Skandale ist gross. Entsprechend werden sie bis in alle belegbaren oder auch nicht belegten Details medial ausgeschlachtet. Der Prominenz- und Elitenfokus lässt einen medialen Sog von «Elitenpornografie» entstehen.

Und wir, die Konsumenten, sind oft nicht ganz so moralisch, wie wir uns im Verhältnis zu «denen da oben» wähnen. Sonst würden wir uns mehr für die Opfer interessieren – und nicht hauptsächlich für die Bösewichter.

Schon in den antiken Mythen kommen vergewaltigte Frauen und Knaben nur als Objekt der Taten der Götter vor.

Dass im Epstein-Fall Tausende Mädchen und junge Frauen fürs Leben traumatisiert sind, verkommt zur Nebensache.

Die Sänger der Macht

Xenophanes hätte sich kaum gewundert. Seine Kritik zielte insbesondere auf die Sänger, die Medien seiner Zeit. Homer und Hesiod sangen im Dienst der damaligen Oberschicht.

Sie erzählten die Geschichten, die Götter legitimierten.

Die Götter von heute – Milliardäre, manche von ihnen Eigentümer grosser Medienhäuser und Social-Media-Plattformen – verbreiten ebenfalls Mythen. Damit werden Möglichkeiten der Kritik ausgeschaltet. Oder präziser: Kritik ist möglich, aber in den Fluten der Überinformationen wirkungslos.

Namen werden genannt, Strukturen sichtbar, Konsequenzen aber bleiben minimal. So war das auch bei den Panama Papers und anderen spektakulären Enthüllungen.

Götterdämmerung

Es sieht ganz so aus, als ob sich über den Normalsterblichen eine extrem abgehobene Klasse gebildet hätte – und der Graben zwischen Superreichen und Normalsterblichen ungebremst wächst (siehe jüngster Oxfam-Bericht zur sozialen Ungleichheit).

Die Frage ist, wie lange das noch so weiter gehen kann. Wenn nämlich sichtbar wird, dass das Höchste zugleich das Enthemmteste ist, zerfällt jede normative Ordnung.

Wenn «Götter» moralisch Ekel erregen, kippt etwas.

Bei Aktivist:innen kursiert ein Spruch mit Blick auf die Trump-Regierung, die von Silicon-Valley-Göttern unterstützt wird:

«They want 1939. Let’s give them 1789 France.»

Vielleicht ist das gar nicht so absurd: Revolutionären Brüchen ging häufig voraus, dass eine dominierende aristokratische Kaste in der öffentlichen Wahrnehmung ihre moralische und politische Glaubwürdigkeit verlor.

Abbildung: Wikimedia Commons

Ein Beitrag von Evelyne Baumberger aus dem RefLab zur Wichtigkeit unabhängiger, demokratiefördernder Medien findet sich hier.

Eine Ausgeglaubt-Folge zum Thema gibt es hier.

2 Gedanken zu „Wenn Götter sich alles erlauben“

  1. Ich bin mit dem Befund einig. Es tut mir weh, dass auch heute noch die Mythenerzählung diese Tatsachen schützt. Sei es das traditionelle Christentum, das einen Gott darstellt, der auf der Grundlage dessen, ob jemand ihn verehrt und sich ihm unterordnet, über die Ewigkeit eines Menschen in bewusster Folter entscheidet.

    Damit sage ich nichts über die Bibel und über Gott aus, sondern über die heute vorherrschende und wachsende theologische Auslegung, die im Moment gerade in den USA die Macht der in diesem Artikel genannten Mächtigen zementiert. Xenophanes sähe sich bestätigt.

    Und wie steht es um die jungfräuliche Geburt? Natürlich ist dies kein Fall von Vergewaltigung, weil der Botschafter Gottes es im Vornherein verkündete und Maria zustimmte. Und doch sind die Machtverhältnisse bei dieser Entscheidung zu berücksichtigen.

    Doch zurück zu den heutigen “Göttern”. In einem System, welches persönlichen Erfolg, vor allem wirtschaftlichen Erfolg, als Massstab für eine entsprechende Hierarchiebildung anwendet, besteht diese Gefahr immer. In der Moderne haben wir das Machtgefälle entlang des Geldes, in der Tradition entlang der “göttlichen Berufung” (siehe Missbrauchsskandale quer durch die christlichen Institutionen).

    Die Götter, seien diese religiöser, marktwirtschaftlicher oder ideologischer Natur, bilden immer wieder eine Rechtfertigungskulisse für die Exzesse der im jeweiligen System Mächtigen. Noch einmal: Dies ist keine Kritik am jeweiligen Glauben, sondern am Menschen und an die Auslegung der Glaubenssysteme, denen er folgt.

    Entwicklungspsychologen wie Kohlberg oder Dabrowski zeigen, in der Sprache des Letzteren, dass die meisten Menschen durch zwei Dinge angetrieben werden: ihre eigenen Instinkte und soziale Erwartungen. Solange wir daran nichts ändern, wird sich auch an den beschriebenen Missständen nichts ändern.

    Und dies ist keine postmoderne Sozialkritik. Die Postmoderne leidet unter denselben Problemen und ersetzt gerade eine Machtstruktur durch eine neue, die ähnliche Probleme hervorruft.

    Revolution, heisst es, frisst ihre Kinder. Ohne Bildung zum authentischen, selbständigen Denken wiederholen wir nur Geschichte mit anderen Eliten.

    «They want 1939. Let’s give them 1789 France.» Ich bin dagegen, weil dies nichts lösen wird. Ich möchte eine Initiatice wie von Lene Rachel Andersen in ihrem Buch “Bildung: Keep Growing” beschrieben, eine Emanzipation des Denkens, auch der Komplexität des Denkens, umgelegt auf die heutige Situation.

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