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Lesedauer: 3 Minuten

Die bestmögliche Zeit

Es war seine Zeit. Menschen, hatte er nie wirklich gemocht. Er machte eine Ausnahme bei Mutter (möge sie für immer in Frieden ruhen) und bei sich selbst, weil es nicht anders ging. Denn er musste zweimal am Tag sein Gesicht aushalten, wenn er morgens und abends die Zähne putzte, anschliessend hatte er aber seine wohlverdiente Ruhe.

Die Coronazeit war für ihn ein Glück.

Er verstand das Jammern der Leute nicht, die gespielte Panik und die traurigen Gesichter auf den Strassen. Kein Dichtestress, weniger Lärm, saubere Luft und mehr Ordnung auf den Strassen. Was konnte er sich mehr wünschen? Endlich war er sich selbst und gleichzeitig vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Er denunzierte die Ansammlung von Jugendlichen auf dem Marktplatz, die diese dämliche Musik aus ihren leistungsstarken Boxen erdröhnen liess. Er denunzierte die arbeitslosen Schachspieler, die bis spätabends sangen (glücklicherweise nicht mit dem notwendigen 2 Meter-Abstand), er denunzierte aber auch die Nachbaren, die nach 22.00 Uhr immer noch viel zu laut Monopoly spielten. Die Polizei war sein verlängerter Arm oder auch im Spieljargon:

«Eine Runde aussetzen oder du landest im Gefängnis.»

Er konnte nun problemlos die Strassenseite wechseln, ohne eine glaubwürdige Erklärung liefern zu müssen, musste die Hände nicht schütteln und war mit einem Blick in der Lage, jede Umarmung der Nachbarskinder aus der Distanz abzuwehren. «Das Asthma…», murmelte er jeweils hüstelnd, denn Pantoffeln-Superhelden dürfen auch verletzlich sein. Er durfte endlich ¾ der Tageszeit im Pyjama verbringen, musste kein Trinkgeld dem Essens-Kurier geben, um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren …

Und keine Hygiene-Vorschriften mehr! Haare und Bart durften ungepflegt bleiben, da sein Coiffeur glücklicherweise nicht systemrelevant war. Hätte es keine berufsbedingte Videokonferenzen gegeben, dann hätte er wahrscheinlich nicht mehr geduscht und sich die Haare gar nie gekämmt.

Der Lockdown konnte aus seiner Sicht ewig dauern. Aber ihm war bewusst, dass dies nicht möglich war. Die Leute liebten die Normalität, bewegten sich gerne im Rudel. Er entschied sich aus diesem Grund noch schlechter zu leben, den Tag weniger auszukosten, indem er noch häufiger denunzierte, mehrmals täglich die Strassenseite wechselte, nur Junk-Food ass und die Maske auch nachtsüber trug.

Es war wahrlich seine Zeit.

Dann läutete Frau Häfliger, die Witwe aus dem 2. Stock, an seiner Tür.

Sie hielt sich definitiv nicht an die definierte 2 Meterabstands-Regel und hatte einen duftenden Apfelkuchen dabei.

Lächelte sie ihm zu? Wie unanständig! Er wollte bereits reklamieren, als sie ihm eine Gabel voll des Kuchens gab. Ob sie desinfiziert war? Der Kuchen war lauwarm und schmeckte gut.

«En Guete», sagte sie und übergab ihm Kuchen und Teller, verabschiedete sich, erreichte federnden Schrittes den Treppenabsatz, drehte sich nochmals um und fügte hinzu: «Heute Abend gibt es Braten. Und Rotwein. Danach bin ich mir nicht sicher, ob ich mich an die Abstandsregel halten werde.»

Verdutzt stand er auf der Türschwelle. Etwas regte sich in ihm, eine neue Empfindung, die er nicht einordnen konnte. Plötzlich verspürte er den Drang, sich rasieren zu müssen.

Die bestmögliche Zeit wartete auf ihn und roch für lange Zeit nach Apfelkuchen.

 

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