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Die Advents-WM: Das Beste kommt noch!

Jahrelang wurden die FIFA, Qatar und das Fussballgeschäft insgesamt harsch kritisiert. Vor zwölf Jahren hat Qatar das Rennen gegen die USA und drei weitere Bewerber für sich entschieden. Es gab zuerst Kopfschütteln und Stirnrunzeln, in den Jahren dazwischen wurden umfangreiche FBI-Ermittlungen durchgeführt, Gerichtsprozesse gegen FIFA-Funktionäre ausgefochten, Boykottaufrufe an Nationalmannschaften, Zuschauer und Übertragungsorte gerichtet. Soll man also lieber wegschauen? Luca hat in seinem Beitrag sogar von einer WM der Schande – für alle gesprochen.

Ist die WM schon vor dem Anpfiff verloren?

Die Vorwürfe wiegen schwer: Qatar habe die Spiele gekauft. Die FIFA sei korrupt. Qatar missachte die Menschenrechte und sei als Austragungsort darüber hinaus aus ökologischen Gründen unmöglich. Besonders schrecklich sind die Berichte über die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter und die horrenden Todeszahlen, die herumgereicht werden. Von bis zu 15’000 Toten spricht Amnesty International. Das wären beinahe drei Tote pro Tag in der zehn Jahre andauernden Bauphase der Stadien. Von drei Toten spricht auch die FIFA selbst. Allerdings insgesamt. Aber wer will ausgerechnet diesem korrupten Verein glauben?

Schnell ist das Bild gemacht:

Homophobe Ölscheichs, die weder Demokratie noch Offsideregeln kennen, haben die WM bei der korrupten FIFA gekauft, Sklaven bis in den Tod ausgebeutet und den Fussball getötet.

Aber dieses Bild sagt mehr darüber aus, wer wir sind und weniger darüber, wer die FIFA oder Qatar sind. Und das ist nicht schmeichelhaft. Unsere Reaktion ist etwas scheinheilig und ziemlich selbstgerecht. Sie spiegelt eine westliche Skepsis gegenüber der arabisch-muslimischen Welt wieder. Und es lohnt sich, nicht in das WM-Bashing einzustimmen, sondern die Vorwürfe etwas differenzierter zu betrachten. Vielleicht wird dann sogar herzhafter Fangesang wieder möglich.

Menschenrechte

Frauen haben in Qatar nicht dieselben Rechte wie Männer. In vielen Bereichen, Familienrecht, Strafrecht und Persönlichkeitsrechten, werden Frauen wie ein männlicher Besitz behandelt. Homosexualität ist verboten und wird mit Gefängnis oder nach Scharia-Recht sogar mit der Todesstrafe bedroht. Es gibt keine Meinungs- oder Pressefreiheit. Nichtislamische Religionen werden benachteiligt, der Kirchenbau unterliegt strengen Richtlinien.

Korruption

Es gibt FIFA-Funktionäre, die ihre Stimmvergabe an einen Ritterschlag, an Fördergelder für die Fussballentwicklung im eigenen Land oder an den Bau von Schulen geknüpft haben. Platini soll von Sarkozy gedrängt worden sein, seine Stimme an Qatar zu geben. Ein lange geheim gehaltener Untersuchungsbericht von 2014 zeigt, dass sich viele Funktionäre schlicht persönlich bereichert haben. Eine Anklageschrift der US-Strafverfolgungsbehörden behauptet, dass vorallem die Südamerika-Fraktion für ihre Stimmen zugunsten Katars die Hand aufgehalten haben soll.

Arbeiterrechte

Drei Missstände werden immer wieder genannt: Die Arbeitssicherheit, die kriminelle Rekrutierung der Arbeiter:innen und das Kafala-System. Zusammen ergeben sie das Bild moderner, grausamer Sklaverei. Laut dem «Guardian» sind zwischen 2010 und 2020 6500 Arbeiter:innen in Katar gestorben. Weibliche Hausangestellte sollen häufig Misshandlungen, Erniedrigung und härtesten Arbeitsbedingungen ausgesetzt sein. Die Arbeiter:innen werden von zwielichtigen Organisationen vermittelt und sozial schlecht gestellte Menschen werden mit falschen Versprechen auf die Baustellen in Qatar gelockt. Das Kafala-System, das quasi die Vormundschaft über das Leben von Arbeitern ermöglicht, erzeugt eine Zweiklassengesellschaft und führt zu prekären Arbeitsbedingungen: 87 % der qatarischen Bevölkerung sind Gastarbeiter:innen, die meisten zu sehr niedrigen Löhnen.

Beurteilung

Auch wenn die FIFA diese Wortwahl tunlichst vermeidet: Die WM ist gekauft. Das ist bedauerlich. Aber dasselbe gilt für jede WM seit dem Sommermärchen 2006 in Deutschland. Die FIFA-Funktionäre sind korrupt, sie handeln nach eigenen Interessen und sogar die grosse Politik bis zum Französischen Präsidenten nimmt Einfluss auf die Stimmvergabe.

Fussball ist längst ein Milliardengeschäft geworden. Allein Neymars und Mbappés Verträge bei Paris St. Germain kosten den Verein insgesamt über eine Milliarde Euro. Die Championsleague wird dominiert von Clubs, die von Öl-Geld leben, und das Financial-Fairplay wird originell umgangen.

Wenn wir von Fussball sprechen, der nicht auf Pausenplätzen sondern im TV stattfindet, handelt es sich nicht um ein Spiel. Es ist ein Milliardengeschäft das vom Kalkül einiger Sportinvestoren und vor allem von den Sportswashing-Ambitionen wirtschaftlich aufstrebender Mächte gesteuert wird. Dadurch werden Fussballteams wie ManCity oder Paris St. Germain zusammengestellt, als ob ein Fünfjähriger im Zuckerflash ein EA-Allstar-Team wählen würde.

Das alles geschieht in Europa. Und in Europa werden TV-Rechte vergeben, die diesen Wahnsinn befeuern.

Wer also Champions League schaut, aber die WM in Qatar nicht schauen mag, weil Geld dort den Fussball verdorben habe, sollte sich fragen, ob sich unter seine antikapitalistischen Ressentiments vielleicht auch ein paar anti-arabische oder anti-islamische Vorurteile gemischt haben.

Qatar entspricht nicht den westlichen Massstäben. Nicht im Bereich der Menschenrechte, der Meinungs- oder Pressefreiheit und auch nicht beim Schutz der Arbeiter:innen. Qatar ist keine Demokratie. Das alles gilt auch für China, wo 2008 die Olympischen Sommerspiele ausgetragen worden sind. Oder für Russland, wo die Fussball-WM 2018 gespielt wurde.

Man kann sich angesichts der Infrastruktur, die für solche Grossanlässe notwendig geworden ist, sogar fragen, ob Diktaturen und Monarchien nicht die passenderen Regierungsformen sind, um sich als Austragungsort zu bewerben.

Zwangsumsiedlungen und rigide Sicherheitskonzepte sind allemal leichter umzusetzen. Oder sollten Grossveranstaltungen nur noch in moralisch und politisch als gut geltenden Ländern durchgeführt werden? Welche Länder ausserhalb Westeuropas und Nordamerikas kämen dann dann westlichen Massstäben überhaupt in Frage? Ausser Costa Rica und Korea wohl keines.

Zum Guten verändert

Entscheidender für die moralische Beurteilung muss doch sein, ob sich die Verhältnisse durch die Vergabe eines Sportgrossanlasses tatsächlich verbessern. Und da gilt: Je wichtiger der Landesregierung das Sportswashing und die damit verbundene Reputation ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die Lage bessert.

Noch nie war Qatar derart im Fokus der Weltöffentlichkeit. Seit zehn Jahren können westliche NGO’s erheblichen Druck auf Qatar ausüben. Und sie sind sehr erfolgreich. Arbeiterrechte wurden gestärkt, das Kafala-System aufgehoben und die WM-Baustellen entsprechen mittlerweile westlichen Standards.

Für die Reformer:innen in Qatar waren diese zehn Jahre Rückenwind.

Rita Schiavi, die als Schweizer Vertreterin in der internationalen Bau- und Holzarbeitergewerkschaft die internationalen Baustellen in Qatar mehrfach inspiziert hat, kommt zu einem positiven Ergebnis: «Es hat sich in den letzten Jahren wirklich viel zum Guten verändert.»

Eigentlich ist die WM-Vergabe an Qatar unter dem Strich ein gutes Beispiel für «Wandel durch Handel». Und gerade als Schweizer:innen stünde uns etwas Bescheidenheit gut an. Ohne tote Gastarbeiter hätten wir keinen Gotthard-Tunnel und das Saisonnierstatut, das in Teilen bis vor zwanzig Jahren galt, ist dem Kafala-System ziemlich ähnlich. Gastarbeiter:innen aus Italien können davon ein Lied singen.

Ich bin dankbar für den Druck, den NGOs auf Qatar ausgeübt haben. Aber jetzt wäre es auch an der Zeit, die Fortschritte zu würdigen. Und die Spiele zu geniessen und den Sarkasmus gegen die Hoffnung einzutauschen, dass sich in Qatar noch vieles verbessern wird, was jetzt angestossen worden ist.

Und nach Weihnachten, wenn unsere Kinder die Shirts von Messi, Neymar und Mbappé ausgepackt haben, könnten wir darüber nachdenken, ob wir die Champions League eigentlich noch verfolgen sollten. Aber Achtung: Dann beginnen die Achtelfinales. Und das wird spannend! Wird das Öl-Geld-Fantasy-Team aus Paris sich gegen das Qatar Airways-Team aus München durchsetzen? We will see… Das Beste kommt noch!

 

Photo by Rhett Lewis on Unsplash

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3 Kommentare zu „Die Advents-WM: Das Beste kommt noch!“

  1. Dieser Beitrag hat bei uns am Familientisch für eine ungemein offene, tiefe und lange Diskussion gesorgt. So soll es sein. Gerade in diesen Zeiten eskalierender Diskurse kann es doch kaum was Schöneres geben, wenn wir einander offen und ehrlich zuhören und streiten neu üben. Dank Dir, Stephan

  2. Ist diese Advents-WM ein untheologischer Gegenstand? Glaubt man Thorsten LATZEL, dem Sportbeauftragten der EKD, was man besser nicht tut, dann ist sie das nicht. Latzel weiß zwar, dass „Jesus Christus … uns die Feindesliebe gelehrt und vorgelebt“ hat. Und: „Die sollten wir auch im Sport leben“ (s. chrismon plus November 2022, online: 28.10.2022). Allerdings: G. EBELING hat die älteste Schicht von Theologie als elementares Reden von Gott bestimmt. Selbst wenn im Blick auf Theologie als Wissenschaft gilt: „Nicht jedes Reden von Gott ist ‚Theologie'“, so gibt doch das bloße Wort Feindesliebe nicht schon „die maßgebende Weisung, das Zur-Sprache-Kommen Gottes und darum das Verhältnis von Gott und Sprache“ im Blick auf die WM in Katar 2022 „zu bedenken“ (Art. *Theologie I. Begriffsgeschichtlich*, RGG 6, 1962, 754).

    Theologie der FIFA, das ist ein akronymischer Gedankengang, der zwar nicht zwingend behauptet, die Behauptung des Gegenteils aber zwingend ausschließt und es mithin für unausbleiblich erklärt, dass einer, der mit F:eindesliebe I:n, F:eindesliebe A:ut beginnt, in dessen Verlauf zu einem Theologen wird. Theologie entsteht durch FIFA. Dieser Gedankengang hat mich seit meiner Tischfußballerzeit beschäftigt. Indem er nun unter dem Titel *Garbage In, Garbage Out* (wörtlich: „Müll rein, Müll raus“) gefasst wird, tritt seine Spannung zwischen Plausibilität und Fragilität, zwischen simpler Technizität und gefährlich ans Ominöse streifender Brutalität erst recht ans Licht.

    Es muss im Spätsommer 2012 gewesen sein, als mir die Gestalt von dreien meiner Fluchprojekte, der Theologie der FIFA, des Präambel-Gottes und des Samens, plötzlich im Bild gleichförmiger, aber selbstständig in die Höhe geführter *triplet Gerichtsakten towers* vor Augen stand, deren Spitzen sich zwar zuneigen, aber nicht berühren. Sie konstitutieren ein im Wesentlichen nicht zu konstituierendes Verfassungsfeld. Hätte ich die so angeordneten Flüche, die bald in umgekehrter zeitlicher Reihe als *Die Emergenz des Samens*, *Präambelspiel* und *FIFAkunst* zum Erscheinen gelangen, schon damals zur Gänze überblickt, würde wohl der erste unter dem Titel *Samensrühmung* hinausgehen. Da aber sein Wortlaut noch nicht feststeht, bin ich der Versuchung nicht enthoben, eine Silbe zu wenig zu machen.

    FIFAkunst, Präambelspiel, Samensrühmung, diese lapidaren Themen, nach denen man in der Agenda der Theologie lange sucht, werden es sein, denen ich mich zuwenden werden muss, um meinen zweiten Beruf, Wirklichkeit aufdecken zu sollen, nicht nur zu tragen, sondern auch zu wagen.

    Nachdem bald – spät, hoffentlich nicht zu spät – auch die FIFAtheologie vollends ans Ende gelangt sein wird, denke ich mit Freude an die Kollegialität der Juristen Eva und Adam Wo-bist-Du, der Posaunistin Jericho und der Schwestern Ohola und Oholiba, die mir unterwegs, jede und jeder in seiner Weise, die schönsten Schätze und Scheichtümer auftaten.

    Und dankbar denke ich daran, dass auf der gemeinsam gegangenen Gedächtnisstrecke der zurückliegenden 10 Jahre, die durch öde und dürre, doch wohlschwingende Aktentäler regelmäßig bis zur Gestalt des Propheten Hosea führte, der in schwülster Ekstase weissagt und seine Rassel über die *filios fornicationum* des Ehebetts reckt, jedes Stück des vorstehenden Textes ohne begleitendes Gehör blieb – *cui nisi tibi*.

    Klein-Paris, Herbst 2022
    G.E.

    *Notiz*: Im langwierigen Prozess der Selbstkorrekturen war die feinsinnige Unterscheidung von Stephan JUETTE in diesem Beitrag zwischen ’shit happens!‘ und ‚moral bullshit‘ eine Ermutigung; ihm sei vielmals gedankt.

    Doha, Frühjahr 2023
    G.E.

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