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Lesedauer: 6 Minuten

Delfine vor Brasilien

Grob gesagt, stößt man auf drei Arten oder Muster, die Zeichen der Zeit – zunehmende ökologische Instabilität, drohender Klimakollaps, Artensterben etc. – nicht ernst zu nehmen:

  1. Das Problem des Ökozids leugnen. Das ist die bequemste und schlankste Lösung.
  2. Das Problem anerkennen, aber leugnen, dass irgendwas, was man macht, irgendwas bringt, weshalb man gar nichts macht. Dies ist die anspruchsvolle, reflektierte Form des Leugnens.
  3. Sich schuldig fühlen, aber weitermachen wie bisher.

Ein praktisches Beispiel für Variante drei wäre: Ich genieße weiterhin die Annehmlichkeiten des Fliegens (Zeiteinsparung, größere Bequemlichkeit, trotzdem günstige Preise), fühle mich aber wenigstens schlecht dabei.

Ich bin dann in gewisser Weise doppelt Hedonist: Ich genieße, noch fliegen zu können und pflege gleichzeitig pseudokompensatorisch ein schlechtes Gewissen, weil ich Ökosünder bin; ich genieße also zusätzlich mein moralisches Bewusstsein, ohne dass ich de facto etwas ändere.

Endlich herunterkommen

Die Alternative zu den genannten Varianten, die Verbindung von Problembewusstsein und tatsächlicher Veränderungs- und Opferbereitschaft, praktiziert seit vielen Jahren Tino Sehgal. Jüngst gab der 1976 geborene deutsch-britische Konzeptkünstler im Rahmen eines von ihm mitorganisierten Festivals zum Thema Kunst und Nachhaltigkeit »Down to Earth«[1] Einblicke in seinen langjährigen praktischen Erfahrungsschatz des smarten Reisens.

In unaufgeregtem, sachlichem Tonfall propagiert der Künstler das Herunterkommen. Er selbst ist zwanzig Jahre lang gar nicht geflogen. Mit zunehmendem Erfolg haben sich dann internationale Einladungen gehäuft. Sehgal hat sich einen Namen gemacht mit Auftritten auf der documenta in Kassel, dem Guggenheim Museum in New York oder der Baseler Fondation Beyeler. Bereits als ganz junger Künstler vertrat er 2005 Deutschland auf der Venedig Biennale und acht Jahre später erhielt er dort den ›Goldenen Löwen‹.

Sehgals Kunst ist immateriell, also ökologisch unbedenklich: kleine Partituren, deren Aufführungsrechte Museen und Sammler von ihm per Vertrag erwerben, etwa die Interpretation des Satzes: »This is propaganda, you know, you know«. Allerdings fallen regelmäßig Reisen an: von ihm, den Interpret*innen seiner Kunst und seinen Assistent*innen. »Wenn man das Privileg hat, eine internationale Rezeption zu erfahren, ist man natürlich viel unterwegs. Ich habe allerdings nicht das Selbstbewusstsein zu sagen, dass meine Arbeit so relevant ist, dass ich 100 000 Kilogramm CO₂ jedes Jahr in die Luft jagen kann.« Um einen Überblick über seinen ›ökologischen Fußabdruck‹ zu behalten, führt der Künstler Bilanz.

1) Vermeiden

2) Reduzieren

3) Kompensieren

Wenn möglich, vermeidet er längere Reisen. Das zweitbeste ist die Reduktion. Diese üben unter Pandemie-Bedingungen derzeit viele. Der dritten Möglichkeit, dem Kompensieren, steht Sehgal eher skeptisch gegenüber.[2] Bei den Reisemitteln gibt der Künstler der Bahn den Vorzug. »Der Zug ist das Beste. Man kann die ganze Welt per Land bereisen.« Der Künstler empfiehlt zur Orientierung die preisgekrönte Website, über die sich Routen ermitteln lassen.

»Train is the best!«

Bei kürzeren Strecken, etwa nach Paris, hat der Künstler die Erfahrung gemacht, dass er mit der Bahn nicht selten schneller ans Ziel gelangt ist als flugreisende Kollegen, und zusätzlich einen Zwischenstopp mit einem Meeting untergebracht hat. »Die Bahn ist schnell und unheimlich vernetzt«, zudem schätzt er Züge wegen der »besonderen Arbeitsstimmung«. Stehen Reisen nach Fernost an, nehmen Sehgal und sei Team die transsibirische und die transmongolische Eisenbahn. Für Belarus, Russland, Mongolei und China sind separate Visa zu besorgen. »Es ist ein sehr einfacher Prozess. Mann füllt ein paar Formulare aus«, erklärt die Assistentin. Freilich müsse man etwas mehr Zeit investieren.

Die Zugfahrt von Moskau nach Peking dauert eine Woche. Man lebt »in einem ganz kleinen Ort mit Gang« und wird Zeuge, wie unterwegs lokale Händler mit unterschiedlichsten Waren ein- und aussteigen. »Es ist nicht der romantische Orientexpress aus Filmen, aber immerhin gibt es in jedem Wagen einen Somaowar«. Es empfiehlt sich, Produkte wie Fertigsuppe mitzunehmen, alles, das was man mit heißem Wasser zubereiten kann.

Die zweitbeste Möglichkeit bieten Schiffe. Hier schickt der Künstler vorweg: »Es gibt keine gute Art den Ozean zu überqueren.«

Dass Schiffe grundsätzlich besser seien als Flugzeuge, sei ein Mythos. Kreuzfahrtschiffe sind sogar außerordentlich energieintensiv.

Das liegt an der großen Masse, die bewegt wird, der Klimatisierung und der unvorteilhaften Platzausnutzung aufgrund ausgedehnter Sonnendecks, Bereichen mit Swimmingpools, Flächen für Gastronomie, Fitness und Unterhaltung.

Allein auf dem Sonnendeck

Eine Alternative bieten Frachtschiffe. »Diese nehmen nur sechs Passagiere mit, aber es ist eine schöne Erfahrung. Ich habe zum Beispiel viele schöne Delfine vor Brasilien gesehen. Man liegt allein auf dem Deck, weil die Crew arbeitet, und ist näher dran am Ozean.« Eine Woche nimmt die Ozeanfahrt nach New York in Anspruch. Der Künstler hat sogar schon Silvester mit der Crew eines Cargo-Schiffes gefeiert. »Es ist eine privilegierte Art des Reisens und kostet gleich viel wie die Fahrt mit Passagierschiffen.«

Seit Corona kommt man allerdings nicht mehr auf Frachtschiffe. Schifffahrtsunternehmen wollen nicht riskieren, wegen Erkrankter außerplanmäßig in Häfen einlaufen zu müssen. Unter den Konsumentscheidungen fallen in Bezug auf den ökologischen Fußabdruck mit Abstand Langstreckenflüge am schwersten ins Gewicht. »Durch bewusste Auswahl von Flugzeugen aber lässt sich immerhin der CO₂-Verbrauch von 2500 auf bis zu 600 Kilogramm verringern.«

Ein bisschen Recherche

Der Künstler empfiehlt umweltbewussten Reisenden zur Orientierung diese Internetseite. Anders als bei Autos, wo Hersteller detailliert über den CO₂-Ausstoß informieren, herrscht bei Flugzeugen bisher aber vielfach Intransparenz.

Wenn Sehgals New Yorker Galerie Flüge für ihn bucht, besteht der Künstler grundsätzlich auf Economy Class. »Economy Class ist besser als Business Class. Low Carrier sind nicht schlecht, weil sie eine hohe Auslastung haben. Wenn man das richtige Flugzeug nimmt, kann man es irgendwie noch in sein Jahreskontingent hineinquetschen. Man muss sich nur ein bisschen Mühe machen, fünf Minuten im Internet recherchieren. Wenn man es geschickt anstellt, kann man schon sehr effektiv sein. Das möchte ich euch ans Herz legen.«

Das ideale Reisen existiert leider nicht, deswegen reist das schlechte Gewissen immer mit. Eine Minimierung der Schädlichkeit durch bewusste Wahl von Verkehrsmitteln und Routen aber ist möglich, wie die angeführten Beispiele zeigen.

Smart reisen ist machbar, wenn wir den Automatismus überwinden, der uns ohne nachzudenken zum scheinbar bequemsten und schnellsten Angebot greifen lässt.

 

[1] »Down to Earth«, Martin-Gropius-Bau Berlin: https://www.berlinerfestspiele.de/de/berliner-festspiele/programm/bfs-gesamtprogramm/programmdetail_309206.html

[2] Zu einer optimistischen Einschätzung gelangte diese Studie: https://www.atmosfair.de/de/ablasshandel_studie/; Andreas Ziegler (Universität Kasse): »CO₂-Offsetting ist definitiv kein Ablasshandel, sondern ermöglicht den Ausgleich von schwer vermeidbaren Emissionen, was insgesamt zu mehr Klimaschutz führen sollte.«

Illustration: Rodja Galli

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