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Lesedauer: 6 Minuten

Das ist ja krank: Scham und Krankheit

Der Satz der freundlichen Sprechstundenhilfe kommt wie aus der Pistole geschossen, egal, ob jemand verschnupft aus dem Handlungszimmer kommt oder mit einem verstauchten Knöchel.

Ich habe die leise Ahnung, dass die Arzthelferin sich diesen Satz einmal zurechtgelegt hat und sich jetzt schon jahrelang auf ihn verlässt. Sie wartet nicht mal auf die Reaktion der Patienten, die sich an ihrer Theke anstellen, nachdem sie den Arzt gesehen haben, um sich bei ihr ein Rezept oder eine Krankschreibung aus dem uralten Drucker geben zu lassen. So gleichmäßig, wie sie den Satz sagt, so unterschiedlich sind die Reaktionen auf ihn.

Einige Patienten bedanken sich freundlich lächelnd und drehen sich dann schwungvoll zu gehen. Andere blicken eher düster drein und murmeln die üblichen Höflichkeitsfloskeln zurück. Eher pro forma. Wieder andere scheinen so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht wahrnehmen, was die Sprechstundenhilfe ihnen da mit auf den Weg gibt. Im Kopf sind sie wahrscheinlich schon auf dem Weg zur Apotheke, um die verschriebenen Medikamente zu besonderen oder freuen sich auf das warme Bett, in dem sie sich ausruhen können, bis die Besserung ihres Zustands eintritt.

Peinlichkeit Krankheit

Selbst hier, wo ein Besuch selten Freude macht, begegne ich meinem guten alten Begleiter. Dem Schamgefühl.

Wer hätte gedacht, dass die Scham mich und andere selbst hier nicht in Ruhe lässt. Eigentlich ist es schändlich. Selbst wenn man sich bereits geschwächt fühlt, kränkelt oder Schlimmeres, ist die Scham bereit da und macht alles noch viel schlimmer.

Während ich so darüber nachdenke, warum wir uns unserer Krankheiten schämen, obwohl wir dafür doch so gut wie nichts für die Schwächen unseres Körpers können, tritt meine Hausärztin aus ihrem Zimmer und ruf der Schwester aus der halbgeöffneten Flügeltür zu: “Für Herrn Thomas brauchen wir bitte ein Blutbild wegen Verdacht auf Chlamydien.” Die Tür fliegt wieder zu und ich denke mir: “Das hat sich sicher Herr Thomas auch anders vorgestellt.” Ganz schön peinlich. Stigmatisiert innerhalb von sieben Sekunden. Im Wartezimmer sind jetzt alle ganz aufgeregt und starren in Richtung Behandlungszimmer, um einen Blick auf Herrn Thomas werfen zu kommen, wenn er den Raum verlässt, um sich Blut abnehmen zu lassen. Er hat vielleicht eine Geschlechtskrankheit. Wie kann so ein Mensch wohl aussehen? Peinlich.

Tabuthema Krankheit im Alltag

Aber nicht nur im Wartezimmer gibt es diese pulsierenden Momente der Scham, wenn es um Krankheit oder gar Sterben geht. Überall da, wo sich Menschen täglich begegnen, gibt es sie. Sei es in der Unterhaltung an der Bushaltestelle, dem Sportverein oder im Büro.

Wer krank ist, scheint schwach zu sein. Und Schwäche können wir uns nicht leisten, wenn es darum geht gut, produktiv oder sympathisch zu sein.

Die Scham, Menschen davon zu erzählen, dass man krank ist, ist sehr groß.

Es ist ein Tabuthema. Gerade, wenn es am Arbeitsplatz darum geht, dass man für längere Zeit ausfällt. “Ist nicht so schlimm, nur eine kleine Erkältung. Ich komm trotzdem ins Büro. Das ist bald wieder weg. Ansteckend bin ich nicht, keine Sorge.” Das sind die Dinge, die wir dann sagen, um uns und die anderen zu beruhigen.

Wir wollen nicht ausfallen, wollen unsere Lasten nicht anderen aufbürden. Wollen nicht peinlich berührt sein, dass unser Körper nicht tut, was er soll.

Kranksein bedeutet in erster Linie etwas falsch gemacht zu haben. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich fühle mich komisch. Vielleicht bin ich selbst schuld, weil ich nicht besser aufgepasst habe auf mich.

Körperliche Gebrechen sind etwas für alte Leute. Aber nicht nur die Krankheiten am Körper werden von vielen als Schwäche aufgefasst, sondern auch und vor allem die an der Seele.

Stigma: Psychisch krank

Das Einzige, was noch schlimmer ist, als sich vor der Familie, den Freunden und dem Kollegen als krank zu outen, ist sich als psychisch krank outen zu müssen.

Wer bereits für körperliche Mängel keine Geduld oder Mitgefühl aufbringen kann, sagt einem Depressiven auch gerne mal Dinge, wie: „Du hast doch ein tolles Leben, sei doch nicht traurig.“

Wer glaubt, das sind aufmunternde Worte, sollte mal versuchen einem Menschen, der sich gerade das Bein gebrochen hat zu sagen: „ Stell dich nicht so an. Das bisschen Schmerz geht doch von alleine wieder weg. Uns allen tut mal etwas weh.“ Das würde niemand machen. Das ist ja auch großer Quatsch. Eine Krankheit ist eine Krankheit. Ganz egal, ob man sie sehen kann oder eben nicht.

Oft ist der Leidensdruck für Betroffene noch viel höher, wenn man im Alltag versuchen muss eine gesunde Fassade zu wahren. Nicht für sich, sondern für alle anderen.

Leiden werden nicht gerne gesehen. Sie erinnern uns an unsere Menschlichkeit und damit an unsere Sterblichkeit.

Daran ist niemand gerne erinnert. Sie wird eingesperrt in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Hospizen. Alles, was bleibt, ist jung, schön und gesund. Dieser Umgang mit fremden und unserem eigenen Leid ist vielleicht die eigentliche Krankheit. Die Krankheit der Gesellschaft, die aus uns allen besteht.

Darüber reden: Der Funke Hoffnung

Menschen, die krank sind oder gar sterben, fühlen sich häufig allein gelassen und isoliert. Das sollte uns ein Warnzeichen sein. Ein Zeichen, dass wir auch die Schattenseiten unseres Lebens öfter und prominenter ins Licht ziehen sollten.

Das sprichwörtliche Zeigen unserer Narben macht es nicht nur den Kranken leichter offen mit ihrem Leid umzugehen, sondern hilft auch gleichzeitig Außenstehenden überflüssige Berührungsängste zu verlieren und keine Trennwand zu sein, sondern eine Stütze in schweren Zeiten.

Das Leben mit einer Krankheit, egal ob chronisch oder akut ist bereits gefüllt mit Leid und Sorge. Da ist ein Funken Hoffnung dringend nötig und kann mehr bewirken, als man sich vorzustellen vermag. Der erste Schritt, um das Stigma der Krankheit zu lösen und die Scham der Kranken zu mildern, ist wohl oder übel die Anerkennung des Leids, der Ungerechtigkeit dem Einzelnen gegenüber und das bewusste Wahrnehmen. Es ist nicht immer alles leicht, aber das muss es auch nicht sein. Wer es schafft das Tabu zu brechen und über das Leid zu reden, hat schon viel gewonnen. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid ist eben doch nicht nur eine Plattitüde, sondern kann sogar der Schlüssel zu einem offeneren Umgang mit dem Thema Krankheit sein.

Vielleicht sollen wir auch öfter mal nachfragen, wie es anderen geht. Wenn unser Gegenüber dann ehrlich antwortet, ist es unsere Verantwortung hinzuhören.

Einfach nur zuhören, was Menschen gerade brauchen, ohne deswegen verurteilt zu werden, ist Gold wert.

Sich nicht mehr schämen zu müssen. Eine Lichtstrahl in der dunklen Nacht. Eine nette Bemerkung im Wartezimmer. Das ist manchmal die ganze Welt. Das wissen auch gesunde Menschen.

 

Photo by Sydney Sims on Unsplash

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