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Lesedauer: 6 Minuten

Bucketlist – Netflix Edition (Teil 2)

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Zoo

Vor gut 15 Jahren eroberte Frank Schätzings Biologie-Thriller »Der Schwarm« die Bestsellerlisten im deutschsprachigen Europa. Er erzählt die fesselnde Geschichte von zunächst unerklärlichen Angriffen von Meerestieren auf den Menschen. Offenbar setzen sich die maritimen Lebensformen nach Jahrzehnten der Ausbeutung und Vernichtung von Lebensräumen endlich zur Wehr…

Die Serie »Zoo« überträgt nun die Story von »Der Schwarm« aufs Festland. Angefangen bei einem blutigen Angriff von Löwen auf ein Safari-Camp in Botswana häufen sich immer mehr Vorfälle mit Säugetieren auf dem ganzen Globus. Bären reissen Menschen in waldnahen Gebieten, Ratten sammeln sich in Grosstädten für gemeinsame Attacken, selbst Hauskatzen und Hunde machen Jagd auf ihre Besitzer. Alles deutet darauf hin, dass es sich um einen geheimnisvoll koordinierten Coup der Natur gegen ihren grössten Feind handelt: den Menschen.

Die Serie hat zugegebenermassen ihre Schwächen, sowohl im Blick auf gewisse schauspielerischen Leistungen wie auf die Glaubwürdigkeit der Plotentwicklung, aber mindestens die ersten beiden Staffeln bieten nicht nur hervorragende Unterhaltung – sie werfen auch ein brandaktuelles Thema auf.

So zwingt uns die aktuelle Pandemie ganz neu die Einsicht auf, dass wir diese Welt nicht unter Kontrolle haben, und dass selbst mikroskopisch kleine Partikel unser Leben arg aus dem Tritt bringen können. Sie sollte uns zum Anstoss werden, jene Fragen zu stellen, die auch die Serie »Zoo« im Kern antreiben: Welches Verhältnis haben wir zur nichtmenschlichen Schöpfung – ist sie nur unsere Umwelt, oder darf sie unsere Mitwelt sein?

The Last Kingdom

»I am Uhtred, son of Uhtred…« Ach, wie habe ich mich darauf gefreut, diese wohlklingenden Worte wieder zu vernehmen! Seit einigen Tagen ist es nun soweit: die vierte Staffel der Serie »The Last Kingdom« ist auf Netflix am Start. Es handelt sich um eine britische Produktion, die sich an eine Romanreihe anlehnt und im England des 9. Jahrhunderts spielt.

Im Zentrum steht der genannte Uhtred, Erbe eines angelsächsischen Fürsten, der von Wikingern entführt wird und dann als Krieger zurückkehrt, um seine Heimatstadt Bebbanburg zurückzuerobern. Das Ganze ist grossartig abgedreht, mit epischen Schlachten, abgründigen Intrigen, vielschichtigen Charakteren, starken Frauengestalten und einem charismatischen Hauptdarsteller, der die Sympathien der Zuschauer*innen in Nu erobert.

»The Last Kingdom« ist quasi »Game of Thrones« ohne Fantasy, ein Stück weniger grausam und pornographisch (die Serie ist auch bereits ab 16 freigegeben), aber mit einer überaus fesselnden Story auf historischem Hintergrund und einer ganzen Reihe emanzipatorischer Impulse.

Das ist eine nachdrückliche Empfehlung wert für alle, die mal wieder in eine richtig grosse Geschichte eintauchen wollen!

Atypical

Man muss ihn irgendwie gern haben. Sam Gardner, den introvertiert-eigenwilligen Jungen aus Connecticut, der sich von seiner Autismus-Spektrum-Störung nicht davon abhalten lassen will, ein selbständiges Leben zu führen. Dorthin ist aber aber noch ein weiter Weg. Sein Leben lang wurde Sam nämlich von seinen Eltern (über-)behütet und von seiner Schwester Casey umsorgt, welche sich dabei nicht selten selber vergessen.

»Atypical« erzählt die Geschichte der Familie Gardner mit grossartigem Humor, viel Feingefühl und erstaunlichem Tiefgang. An keiner Stelle hat man den Eindruck, die Serie wolle sich über den autistischen Sam lustig machen – und gerade darum kann man immer wieder herzhaft lachen. Etwa wenn sich Sam das ganze Leben anhand von Metaphern aus der Welt der Pinguine erklärt, weil er zu diesen Tieren einen ganz unmittelbaren Zugang zu haben scheint. Oder wenn ihn sein indischer Freund Zahid in einen Nachtclub mitnimmt, um ihm Liebe, Sex und die Anziehungskraft weiblicher Rundungen zu erklären. Oder natürlich, wenn Sam mit seiner unvermittelten, ironiefreien Art einfach sagt, was er denkt…

Das Schicksal meines eigenen Bruders, der nach einem schweren Schädelhirntrauma in heilpädagogischen Einrichtungen und Eingliederungswerkstätten unterwegs war, hat mich mit vielen »atypischen« Menschen in Berührung gebracht, die nicht zu den gesellschaftlichen Konventionen und wirtschaftlichen Anforderungen unserer Welt passen, und die auch besondere Betreuung und Aufmerksamkeit durch Angehörige und Freunde erfordern. Und ich kenne die Dynamiken, die das auch in einer Familie auslöst.

Für mich war »Atypical« ein wunderbar tiefgreifender, sogar heilsamer TV-Genuss – und ich bin sicher, dass diese Serie auch jenen Zuschauer*innen viel geben kann, die selbst keinen biographischen Bezug zur Diagnose vom Sam haben.

The Sinner

Bald steht die dritte Staffel dieser grossartigen Kriminal-Serie vor der Tür. Wer sie noch nicht kennt, kann sich jetzt schonmal auf den aktuellen Stand bringen. Keine Geringere als Jessica Biel hat die Hauptrolle in der ersten, 8-teiligen Staffel übernommen, in der zweiten Staffel steht dann ein junger Teenager im Mittelpunkt. Die Idee ist beide Male dieselbe: Am Anfang steht ein völlig unerklärlicher, bizarrer Mordfall: Eine junge Mutter (Jessica Biel) ersticht am Strand einen ihr (anscheinend) völlig unbekannten Mann; ein 13-jähriger Junge vergiftet seine Eltern.

Was zu Beginn einfach nur rätselhaft erscheint, wird durch die Ermittlungen des eigenwilligen und beharrlichen Detective Harry Ambrose (meisterhaft gespielt von Bill Pullman) immer einsichtiger. Menschliche Abgründe tun sich auf, Verdächtige erweisen sich als unschuldig, Rückblenden in die Vergangenheit der Protagonisten eröffnen Einblicke in die Komplexitäten und Zerbrochenheiten ihrer Seelen – und zumindest im Hintergrund lässt sich immer auch ein Stück Systemkritik ausmachen: Kritik an einer oberflächlichen Gesellschaft, die Menschen zur Nettigkeit erzieht und ihnen den Mut nimmt, aufzuräumen und auszubrechen (»Wir wussten, dass etwas nicht stimmt, aber wir haben nie gefragt…«), Kritik auch (in der zweiten Staffel) an religiösen Zwängen, die Menschen entmündigen und entmächtigen.

Ich muss sagen: Neben »True Detective« und »The Killing« gehört diese Serie jedenfalls aufs Podest der besten, fesselndsten, unvorhersehbarsten Krimial-Serien überhaupt…

Tiger King

Ja, ich weiss. Sowas sollte man irgendwie nicht empfehlen. Und ich kann es auch selber nur schauen, wenn ich eigentlich längst ins Bett sollte, mir aber noch etwas gänzlich sinnbefreites reinziehen will, das mich ganz sicher nicht länger beschäftigt, als die laufende Episode lang ist…

»Tiger King« ist eine Doku-Serie, die den selbsternannten Tigerkönig »Joe Exotic« (das ist natürlich sein Künstlername) über fünf Jahre hinweg begleitet und den Blick auf eine völlig abgedrehte, schillernde, eben Hollywood-reife Existenz freilegt. »Joe Exotic«, der als homosexueller Präsidentschaftskandidat im Cowboy-Outfit vor drei Jahren einige Aufmerksamkeit erregte (er erhielt damals 962 Stimmen), betreibt in den USA einen Privatzoo mit mehreren hundert Grosskatzen (auf Deutsch trägt die Serie übrigens den Titel »Grosskatzen und ihre Raubtiere«). Zur Zeit verbüsst er eine Freiheitsstrafe von 22 Jahren, weil er allem Anschein nach einen Auftragsmord erteilt und gegen zahlreiche Tierschutzgesetze verstossen hat.

Die Serie zeichnet seinen verworrenen Weg nach. Dazu gehören seine zahlreichen (polyamoren) Männerbeziehungen inkl. dramatischer Zerwürfnisse, die Züchtung von Tigern, Löwen und Ligern (Hybriden aus einem männlichen Löwen und einem weiblichen Tiger), und die endlosen Grabenkämpfe mit seiner Nemesis, der Tieschützerin Carole Baskin. Der Versuch, einen Mord an der Letztgenannten in Auftrag zu geben, führte »Joe Exotic« schliesslich ins Gefängnis.

Zugegebenermassen handelt es sich bei »Tiger King« um eine Art von Trash TV. Die Serie ist aber so verrückt, dass sie schon wieder gut ist – und sie wird an jenen Stellen unerwartet berührend, an denen der Protagonist als verletzlicher, vom Leben geschundener, zerbrochener Mensch durchsichtig wird.

Also einmal mehr: Gepflegte Unterhaltung!

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2 Kommentare zu „Bucketlist – Netflix Edition (Teil 2)“

  1. Als du tatsächlich “Zoo” vorgeschlagen hast, habe ich dir für einige Momente des Schocks innerlich jegliche Glaubwürdigkeit abgesprochen. Mit Abschnitt “Die Serie hat zugegebenermassen ihre Schwächen, sowohl im Blick auf gewisse schauspielerischen Leistungen wie auf die Glaubwürdigkeit der Plotentwicklung”. Zugegebenermassen habe ich selbst auch nur ein paar Folgen bei Freunden mitgeschaut. Trotzdem wartete ich ja bei einer Szene nur darauf, dass die Löwen die Protagonisten vom Auto weglocken, um dann selbst damit wegzufahren – zum Glück wurde diese Befürchtung nicht Realität.

    Den zweiten Tipp habe ich mir aber nun zu Herzen genommen – in dem Sinn: danke für die Liste!

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