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Bilden wir uns Gott nur ein?

Multireligiöse Gegenwart

In unserer multireligiösen Gesellschaft treffen wir nicht nur auf Christ:innen unterschiedlicher Couleur, sondern auch auf Muslime (Sunniten und Schiiten etc.), auf Jüdinnen (orthodoxe, liberale, konservative), Buddhisten (Hinayana, Mahayana etc.), esoterische Eklektikerinnen, die verschiedene Versatzstücke zu einer für sie passenden Patchwork-Religion zusammenstellen. etc. pp.

Spricht nicht schon die Vielfalt der Gottesvorstellungen in den Religionen, aber auch bei den Individuen gegen die Existenz Gottes?

Für Hunde ist auch Gott ein Vierbeiner

Der zu den Vorsokratikern gezählte antike griechische Philosoph Xenophanes (*um 580/570 v. Chr, + 475 v. Chr.)  hat es schon vor weit mehr als 2000 Jahren vor Ludwig Feuerbach (*1804, +1872) und seiner Projektionstheorie gewusst:

«Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder in der von Rindern, und sie würden solche Statuen meisseln, ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend.»

«Die Äthiopier behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und blond.»

Religion durchschauen und abhaken

Die Überzeugung ist also uralt:

(1) Wir können Religion genetisch erklären. Wir können verstehen, wie sie entstehen.

(2) Sie sind ein Spiegelbild des menschlichen Selbstverständnisses.

(3) In ihnen gibt sich der Mensch selbst Bedeutung, als Individuum oder auch als Gruppe, Sippe, Stamm, Nation.

Feuerbachs griffige Formel dafür: Theologie ist verkappte Anthropologie. Religion muss man gar nicht ablehnen, sondern nur richtig verstehen: als Ausdruck der Sehnsucht des Menschen, sich zu überschreiten.

Ist damit die Sache nicht klar? Religion als ernsthaftes Phänomen können wir abhaken. Wir haben sie durchschaut und dürfen sie auf menschliches Normalmass zurückstutzen. Aber ist die Sache wirklich so einfach? Muss man nicht gerade aus philosophischer Perspektive gegen zu einfache Lösungen Einspruch erheben?

Die Verzweckung des Glaubens

Sicher, Feuerbach und Xenophanes fordern heraus. Wir müssen uns alle die Frage gefallen lassen, welche Funktion die von uns vertretenen Gottesbilder haben; ob wir Gott nicht – im Gegensatz zu dem, was er eigentlich sein sollte, nämlich letzter Zweck – instrumentalisieren für unsere Zwecke. Hier wird der Feuerbach zum Feuer-Bach für religiöse Überzeugungen.

Im Übrigen ist natürlich auch für Atheistinnen und Agnostiker die Rückfrage von Belang und nicht abzuweisen: Aus welchen existentiellen oder anderen Gründen lehnst Du Gott ab oder suchst Du eine Haltung, die dir die Gottesfrage vom Hals hält?

Jean-Paul Sartre konnte hier ja ganz offen und unverblümt antworten: Ich lehne die Existenz Gottes ab, weil seine Existenz meine Freiheit einschränken würde. Das ist natürlich streng genommen kein Argument. Vielleicht existiert Gott ja, und ich bin dann – so jedenfalls gemäß dem Denken von Sartre – nicht frei.

Doch nicht ganz logisch?

Es gibt aber neben diesem Feuer-Bach, durch den alle müssen: Religiöse, Atheisten und Agnostikerinnen, noch andere philosophische Rückfragen. Ich nenne nur zwei:

(1) Ich kann zwar psychologisch erklären, wie ein bestimmter Wunsch zustande kommt. Damit ist aber aus logischer Sicht noch nichts darüber gesagt, ob das Gewünschte nicht auch existiert.

Sollte etwas nur deshalb nicht existieren, weil ich es mir wünsche?

Das wäre schon eine recht skurrile Position. Genese und Geltung sind zweierlei. Die genetische «Erklärung» von Religion kann darum die Sachfrage: Gott – ja oder nein, nicht beantworten. 

(2) Könnte nicht die große Zahl der Religionen, die für die Existenz Gottes – wenn auch sehr unterschiedlich – stehen, gerade ein Argument bedeuten? Die Vielzahl der Erfahrungen könnte ja dafür sprechen, dass eine universale, allerdings partikular erschlossene Wirklichkeit zu grunde liegt.

Gott, wenn er Gott ist, müßte ja eigentlich universal und sehr unterschiedlich erfahrbar sein.

Ein Gott gegen alle Erwartungen

Aus religionsgeschichtlicher Sicht kommt noch ein sehr starkes Argument dazu. Gerade der christliche Glaube ist ein Beispiel dafür, dass Menschen sich nicht einfach Gott so einbilden, wie sie ihn wünschen. In der Antike galt der Glaube an den Gekreuzigten als absolute Torheit, weil er aller «vernünftiger» Religion widersprach (vgl. dazu den 1. Korinther-Brief des Paulus, Kapitel 1, 18ff).

Wenn man sich Gott einbildet, dann so: leidend, schwach, sterbend?

 

Zu Xenophanes ist im RefLab-Podcast #Mindmaps die Folge «Ist Gott nur eine Projektion?» erschienen.

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4 Kommentare zu „Bilden wir uns Gott nur ein?“

  1. Roland Portmann

    Da stellen sich aber viele Grund- und Folgefragen: Was genau wird hier unter Gott oder dem Göttlichen verstanden? Die Definitionen gehen bereits innerhalb der Religionen auseinander und widersprechen sich zum Teil sogar: ist Gott jetzt Person oder Kraft/ Energie? Gemäss dem Satz vom Widerspruch geht das nicht auf…
    Die Definition von Feuerbach, wie sie hier wiedergegeben und interpretiert wird, hat doch viel für sich und wird meines Erachtens so auch in der Landeskirche weithin vertreten… das aber nur am Rande
    Und ja, ich kann mir Dinge wünsche, die es so nicht gibt: Siehe Kant und die Gottesbeweise…
    Aber danke für den Beitrag: Wie immer grosses Kino für mich!

    1. Siegmund Schneider

      Hier wird falsch herum gefragt. Weshalb soll die unwarscheinlichste Annahme (es gibt Gott) höherwertiger sein als die warscheinlichste Annahme (es gibt keinen Gott)? Die Vermutung, Gott oder Götter oder Geister oder sonst irgendwas Übersinnliches ist ein Erfindung der Menschen, kann nicht widerlegt werden. Gott wiedeum kann nicht bewiesen werden.

  2. Und wenn die Gottfrage oder Gottsuche nicht nur einer Sehnsucht sondern einer grenzenlosen Neugier, einem Lebensdrang und dem je einmaligen Versuch, sich in der Aktualität zu verwurzeln und sich mit ihr zu verweben entspringt?
    Jede Antwort wäre provisorisch, verspielt und gewagt und bloss ein weiterer Schritt auf den Weg, ein scheues Tasten nach Kontakt. Ist Gott das, was zwischen den Lebewesen ist? Das Miteinander? Das Nochnichtganz oder Schonbald? Gott als Lebenansich?

    Wohl erhalten Fragen und Ungleichgewichte am Leben. Im Dialog ohne Ende. Be-hauptende Antworten sind der Tod.

    Habe ich mir das Leben bloss eingebildet?

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